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Kultur Gesangskunst sucht Herausforderung
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06:38 04.05.2019
Erster Akustikcheck in der Kieler Nikolaikirche: Philharmonische Bläser und der Philharmonische Chor Kiel proben unter der Leitung von Lam Tran Dinh Bruckners e-Moll-Messe. Quelle: Christian Strehk
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Kiel

Nach einem Aufruf in den Kieler Neuesten Nachrichten vom 2. Februar 1919 wird der Satzungszweck bei der Vereinsgründung beschlossen: Es ist die Pflege „edler Gesangskunst, namentlich Chorgesang, und will Sinn und Verständnis für ernste Musik durch öffentliche Veranstaltungen wecken und fördern.“

Händels "Messias" als Erweckungserlebnis

Für mehr als ein Jahrzehnt prägender Dirigent wird Fritz Stein, Freund Max Regers, ehemals Jenaer Universitätsmusikdirektor- und -professor, Leiter riesiger „Kriegsmännerchöre“ an der Front, später einer der unrühmlichen Reichskulturverweser der Nazis in Berlin. Um „sich zu erlaben an lange entbehrter oratorischer Chormusik“ werden von ihm im April 1919 zwei Aufführungen von Händels Messias in der Nikolaikirche realisiert – mit sagenhaften 300 beteiligten Sängerinnen und Sängern. Ein nachhaltiger Erfolg.

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Theateranbindung als "Städtischer Chor"

Aus dem Oratorienverein wird im ersten Jahr der Nazi-Herrschaft der Städtische Chor. Die Musikpflege Kiels kommt unter Kontrolle, der Chor rückt endgültig eng ans Theater, sein Schirmherr wird der Oberbürgermeister. Nach einer kriegsbedingten Generalpause und den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs ersteht auch der Städtische Chor 1948 wie Phönix aus der Asche. Mit Haydns Jahreszeiten und Mozarts Requiem meldet man sich im Februar und Mai 1949 im Legienhaus zurück.

2009 Umbenennung in Philharmonischen Chor

Was folgt, ist eine geschlossene Aufführungstradition mit betont enger Anlehnung an das Opernhaus und die Philharmoniker. 2009 ändert man demonstrativ den Namen in Philharmonischer Chor Kiel, bleibt aber mit einer aktiven Seniorenabteilung („S-Klasse“) und dem Extra-Chor für die Musiktheaterproduktionen offiziell unter dem Vereinsschirm Städtischer Chor. Und als solcher darf man jetzt mit berechtigtem Stolz 100-jähriges Bestehen feiern. Die amtierende Vorsitzende des Chores, Levke Feddersen, hat dazu gerade die 1994 erschienene Chronik um einen Band über die jüngsten 25 Jahre ergänzt.

Festlicher Bruckner zum Jubiläum

Der derzeitige Leiter Lam Tran Dinh, sinnvollerweise zugleich Chorchef der Profis im Opernhaus, hat für das Jubiläumskonzert am morgigen Sonntag ein „besonders festliches Stück gesucht, eine tolle Herausforderung“. Lam Tran Dinh: „Auch wenn man Anton Bruckners e-Moll-Messe vielleicht nie ganz gerecht werden kann, sollte man das gerade als ein Philharmonischer Chor mal angegangen sein.

In Balance mit philharmonischen Holz- und Blechbläsern

Dass sie sogar für Profi-Chöre als Angststück gilt, halte ich teilweise für unbegründet, an einigen Stellen aber auch für begründet“, bekennt der Dirigent und eilt zurück in die Probe am historisch richtigen Ort, wo die reizvollen Harmoniewendungen, die rhythmischen Verschiebungen und vor allem die heikle Balance zwischen Oboen, Klarinetten, Fagotten, Hörnern, Trompeten und Posaunen mit den acht Stimmen-Gruppen einzupegeln ansteht.

Erstmals Mendelssohns "Elias" unter neuem GMD

Jürgen Sellschopp, kundiger Chronist und schon seit 1959 treues Mitglied des Chores, freut die Herausforderung. Auch dass der neue Generalmusikdirektor Benjamin Reiners im Herbst das Jubiläum erstmals im 101 Jahr mit Aufführungen von Felix Mendelssohns Oratorium Elias feiern will. Große Aufgaben, da stimmt er aus reicher Erfahrung unbedingt zu, fördern den Zuspruch potenzieller Mitsänger: „Diesbezüglich, das muss man mit Blick auf das Repertoire sagen, fühlten wir uns von GMD Fritzsch nicht gut behandelt.“

Ära Zagrosek als künstlerischer Höhepunkt

Als Sellschopp 17-jährig in den Chor eintrat, erlebte er mit Hans Feldigl einen Chorleiter, der unter GMD Aeschbacher Beethovens Missa solemnis genauso wagte wie Strawinskys Les Noces. „Die fesselndste Ära war aber wohl die unter Einstudierung durch Lothar Zagrosek Anfang der Siebziger. Mit dem GMD Hans Zender und Joachim Klaiber als Intendant war künstlerisch Enormes möglich.“ Die Chronikeinträge verzeichnen da neben Verdis Pezzi sacri, Orffs Carmina burana und Beethovens Missa solemnis eben auch zwei Konzerte mit Chorwerken Arnold Schönbergs.

Das Jubiläumskonzert bei freiem Eintritt

Jubiläumskonzert am 5. Mai, 18 Uhr, Nikolaikirche, Alter Markt, Kiel. Eintritt frei, Spenden erbeten.

Historische Fotos aus der Geschichte des Städtischen / Philharmonischen Chores Kiel

Von Christian Strehk