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Kultur Günter Kunert: „Die Westler waren doch alle nur naiv“
Nachrichten Kultur Günter Kunert: „Die Westler waren doch alle nur naiv“
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09:08 05.03.2019
Der Schriftsteller Günter Kunert in seinem Haus in Kaisborstel, Schleswig-Holstein. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Potsdam

Seit 40 Jahren lebt der Schriftsteller und Maler Günter Kunert nach seiner Ausreise aus der DDR im 78-Seelen-Ort Kaisborstel bei Itzehoe, abgelegen am Feldrand in der ehemaligen Schule. Seinen DDR-Roman „Die zweite Frau“ von 1976 hat der Schriftsteller, der am 6. März 90 Jahre alt wird, vor drei Jahren zufällig im Keller wiedergefunden. Ein Gespräch über das Leben in Ost-Berlin, die Biermann-Resolution und ein Essen mit Günter Grass.

Herr Kunert, wie geht es Ihnen?

Leider ist es mit dem Laufen nicht mehr so weit her. Aber Klagen bringt ja nichts. Wenn es fürs Klagen Geld geben würde, würde ich 24 Stunden lang klagen.

Nun können Sie sich aber freuen, Ihr Buch erscheint jetzt. Es geht um Stasi, Mangelwirtschaft, Sex und Alkohol. Das wäre doch nie gedruckt worden in der DDR.

Das war mir natürlich klar. Aber ich musste es einfach schreiben. Es war eine brenzlige Situation, man wusste nie, wie es sich entwickelt. Ich hatte ja schon lange Schwierigkeiten in der DDR und wollte einfach die Situation festhalten.

Ihre Texte wurden schon in den 1960er Jahren im Münchner Hanser-Verlag verlegt und Sie konnten reisen. Sie hätten das Manuskript im Westen veröffentlichen können.

Das habe ich mich nicht getraut. Ich hatte es ja auch weggelegt, weil die Biermann-Ausbürgerung 1976 dann unser Leben bestimmt hat. Da hatte ich ganz andere Sorgen.

Sie gehörten zu den Erstunterzeichnern der Protestresolution gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Wie lief das ab?

Mein Kollege Stephan Hermlin hat mich am 17. November vormittags angerufen und gesagt „Komm her“. Auf der Fahrt dahin folgte mir ein Funkwagen. Und am Ende sagte Christa Wolf: „Jetzt bin ich mir sicher, dass wir alle verhaftet werden.“ Vorher hatte Heinrich Böll mich noch angerufen, als die Nachricht von Biermanns Ausbürgerung kam, und gefragt: „Was machen Sie denn jetzt, Sie müssen doch was unternehmen?“ Und da habe ich gesagt: „Herr Böll, es wird schon was geschehen. Auf Wiedersehen.“

Hat er nicht gewusst, dass die Telefone abgehört wurden?

Ach, die Westler waren doch alle naiv! Die konnten sich gar nicht vorstellen, dass man immer den kleinen Mann, der mithörte, in der Nähe hatte. Für mich und meine Frau war damals klar, dass wir nicht bleiben können.

Sie hätten ja bei Ihren Reisen einfach drüben bleiben können.

Ja, aber meine Frau hat immer gesagt: Ich gehe nicht ohne unsere Katzen und deine Bilder.

1979 konnten Sie gehen und alle Sachen mitnehmen.

Ja, die Zöllner haben alles dokumentiert und in russische Maschinenkisten aus Holz gepackt. Auch die Manuskripte. Das alles wurde in den Westen gebracht. Wir sind in unserem alten Renault 16 gefahren, hinten drin sieben Katzenkörbchen.

Was hat Sie dann aufs Dorf nach Schleswig-Holstein verschlagen?

Ich wollte in den Norden, ich bin kein Bergfreund. Ein Hamburger Freund hatte ein Haus bei Itzehoe gemietet, dann haben wir die ehemalige Schule gekauft. Die Kisten kamen erst mal in den Keller, ich hab die auch gar nicht mehr angerührt.

Sie haben auch nie an den Roman gedacht?

Nein, wirklich nicht. Erst der ganze Trubel mit Biermann und die Ausreise, dann der Neuanfang hier. Es gab ja so viel zu tun. Ich habe geschrieben, gemalt, Hörspiele und Filme gemacht, wir sind viel gereist. So vor drei Jahren habe ich angefangen, in den alten Kisten zu kramen und Gedichte von damals zu suchen, um sie aufzuarbeiten. Gedichte sind ja etwas, an dem man lange arbeitet. Und plötzlich hatte ich den Roman in der Hand. Er sah furchtbar aus. Mit Maschine geschrieben und ganz viel reingekritzelt. Ich habe ihn zum Abschreiben gegeben und war neugierig, ob er was taugt. Dann habe ich drin geblättert und fand es von der Zeit nicht zernagt und vielleicht ganz interessant. Der Hanser-Verlag wollte den Roman nicht drucken. Dann habe ich ihn zu Wallstein gegeben, zwei Tage später hatte ich den Vertrag.

Haben Sie etwas geändert?

Kein einziges Wort. Auch der Titel ist geblieben.

Sie schreiben über einen Stasi-Mann „Herr Müller“. Sie hatten sicherlich auch Begegnungen mit „Müllers“.

Ja, aber nicht so offensichtlich. Ich habe nach dem Mauerfall meine Akten eingesehen und hatte Angst, dass ich jemanden von unseren Freunden finden würde. Aber es war Gott sei Dank niemand von unseren engen Freunden dabei. Es waren Lektoren, Verleger, Dramaturgen und einige, die man nicht identifizieren konnte.

Hat man versucht, Sie zu werben für die Stasi?

Nein. Einmal bin ich von einem Polizisten angesprochen worden, ob ich nicht Polizeihelfer werden wollte. Das war kurz nachdem meine Frau aus Westberlin zu mir nach Treptow gezogen war. Ich stellte mich dumm, was mir leicht fällt, und fragte: „Was soll ich denn da machen?“ Er sagte: „Na, wenn Sie einkaufen gehen, hören Sie einfach, was die Leute so reden.“ „Tut mir leid“, habe ich gesagt. „Wenn ich anstehen muss, dann überlege ich immer, was ich morgen so schreiben könnte. Da höre ich gar nichts.“ Und damit war das Gespräch beendet. Keiner musste mitmachen, sage ich immer.

Haben Sie geahnt, dass es mit der DDR schnell zu Ende gehen würde?

Nein, aber da die Situation immer schlechter wurde, erwartete ich irgendwas. Auch wegen Gorbatschow. Ich habe mit Freunden jeweils um eine Flasche Sekt gewettet, dass es eine große Veränderung geben wird, und habe dann mehrere Flaschen gewonnen.

Was haben Sie von der Wiedervereinigung erwartet?

Ich hatte keine Vorstellung. Aber mir war klar, dass es kompliziert wird.

Günter Grass hat sich ja gegen eine Wiedervereinigung positioniert.

Grass war im Grunde ein realitätsblinder Mann. Wir haben uns zwar öfter gegenseitig besucht, bis zum Mauerfall. Ich habe mich gefreut, er überhaupt nicht. Das war der Bruch in unserer Beziehung, von da an war ich sein Feind. Wir haben kein Wort mehr miteinander gesprochen.

Sie kannten sich ja schon seit Ostzeiten.

Es gab ja in Ostberlin einen kleinen Klub von Schriftstellern, wir lasen uns gegenseitig Manuskripte vor. Grass kam auch öfter dazu.

Wie haben Sie ihn damals erlebt?

Sehr eitel. Eine Diva ist nichts dagegen. Einmal wollte er unbedingt Kutteln kochen. Die gab’s ja gar nicht in der DDR. Aber als ich dann zum Schlachter ging, hingen da plötzlich Kutteln, das ist der Magen von Wiederkäuern Also war man vorher bestens informiert. Die sahen ekelhaft aus, wie so ’ne poröse Haut. Meine Frau hatte vorher vorsichtshalber noch eine Gulaschsuppe gekocht. Grass kam in die Küche, sah die andere Suppe und beschwerte sich: „Dann bin ich hier ja völlig überflüssig.“ Er hat die Kutteln dann gekocht und alle mussten probieren. Die Gesichter! Dieses schuhsolenartige Zeug schmeckte überhaupt nicht.

Und keiner hat sich getraut, das abzulehnen?

Natürlich nicht. Und dann kam meine Frau mit der Gulaschsuppe und die Begeisterung war groß. Nur er war den ganzen Abend gekränkt.

Schreiben Sie noch täglich?

Fast. Ich arbeite ja an meinem Big Book mit Betrachtungen, Erinnerungen, kommentierten obskuren Zeitungsmeldungen. Insgesamt 7000 Seiten. Einige sind schon erschienen, die anderen folgen noch.

Zur Person

Günter Kunert wurde am 6. März 1929 in Berlin geboren. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges studierte er in Ost-Berlin Grafik. 1948 trat er der SED bei. 1972/73 war er Gastdozent an der University of Texas in Austin, 1975 an der University of Warwick in England. Neben Lyrik schrieb er Kurzgeschichten, Essays, autobiographische Aufzeichnungen, Aphorismen, Glossen und Satiren, Märchen und ScienceFiction, Hörspiele, Reden, Reiseskizzen, Drehbücher, Kinderbücher und Romane. Kunert malt und zeichnet ebenfalls.

Von Petra Haase

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