Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Der Zwerg: Wahrheit kann töten
Nachrichten Kultur Der Zwerg: Wahrheit kann töten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:01 26.03.2019
Von Jürgen Gahre
Foto: "Der Zwerg" an der Deutschen Oper Berlin.
"Der Zwerg" an der Deutschen Oper Berlin. Quelle: Mehnert Tsallagova
Anzeige
Berlin

Wir sehen Alma Schindler (die spätere Alma Mahler-Werfel) während einer Unterrichtsstunde bei Zemlinsky. Seine Liebesavancen wehrt sie ab, am Schluss mit solcher Heftigkeit, dass er zu Boden fällt. Daraufhin zwingt sie ihn, in den Spiegel zu schauen, damit er seine „unglaubliche Hässlichkeit“ – so einer ihrer Tagebucheinträge – mit eigenen Augen sieht.

Diese nur 10-minütige Szene leitet direkt über zur Oper, die vom 18. Geburtstag einer verwöhnten    Infantin handelt. Sie bekommt viele Geschenke, freut sich aber besonders über einen Zwerg, von dem sie weiß, dass er sich nie im Spiegel gesehen hat, also nicht ahnt, wie hässlich er ist. Er verliebt sich in sie und glaubt, auch sie empfinde Liebe für ihn. Erst wenn er sein Spiegelbild sieht, erfährt er die Wahrheit über sein Aussehen, erkennt, dass er für die Infantin nur ein Spielzeug gewesen ist und stirbt an zerbrochenem Herzen.

Miteinander und Gegeneinander

Der Bühnenbildner Rainer Sellmaier zeigt den Prolog als schwülstige Fin-de-siècle-Szene, während das Bühnenbild für die Oper im Kontrast dazu recht modern anmutet. Kratzer lässt sie in einem schlichten, weißen Saal spielen, auf dessen Podium ein Orchester anlässlich der Geburtstagsfeier Platz nimmt. Die  Rolle des Zwerges hat er mit dem jungen britischen Tenor David Butt Philip besetzt und ihm den 1996 in Berlin geborenen, kleinwüchsigen Schauspieler Mick Morris Mehnert zur Seite gestellt.

Was anfänglich lediglich eine Synchronisation ist, entwickelt sich zu einem Miteinander und auch Gegeneinander der beiden, was psychologisch gut ausgeleuchtet ist und eine immense Spannung erzeugt. Tragischer Höhepunkt ist natürlich der Moment, wenn der Zwerg sich in seiner ganzen Hässlichkeit mit einem Schrei des Entsetzens erkennt, mit seinem Spiegelbild in Konflikt gerät und den Kampf verliert: er stirbt an der Erkenntnis der Wahrheit.

Donna Clara, das Luxusweibchen

Elena Tsallagova macht aus Donna Clara ein verwöhntes Luxusweibchen, dessen Lebenszweck in Hedonismus und Vergnügen besteht. Mit ihrer ich-will-alles-und-zwar-jetzt Mentalität wirkt sie sehr modern. Einen Augenblick lang aber zeigt sie ein ehrliches Gefühl beim ersten Duett mit dem Zwerg. Da ahnt sie, wie ihr Leben jenseits der von ihr stets erwarteten Oberflächlichkeit sein könnte. Zu Reue und Trauer ist sie am Ende nicht fähig. Das überlässt sie ihrer Zofe Ghita, die von Emily Magee herzerwärmend verkörpert wird.

Das Orchester der Deutschen Oper Berlin wird von Donald Runnicles sicher und facettenreich durch die Partitur geführt. Enthusiastischer Applaus für alle.

Weitere Vorstellungen am 30. 3., 7. 4. und 12. 4. 2019