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Kultur Robert Forster – Wie ein Vogel ohne Schwarm
Nachrichten Kultur Robert Forster – Wie ein Vogel ohne Schwarm
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20:33 10.03.2019
Nicht in Mode, aber dennoch chic: Der Singer-Songwriter Robert Forster Quelle: Bleddyn Butcher
Berlin

Als junger, exzentrischer Popstaranwärter im London der Achtzigerjahre ließ sich Robert Forster mal die Haare färben. Und zwar grau. Weil ihm der Look des Schauspielers John Forsythe aus der TV-Serie „Der Denver-Clan“ so gut gefiel. Heute, mit 61, ist das Grau echt. Wie fühlt sich das an? „Mit der Farbe der Haare bin ich zufrieden“, antwortet er. „Ich wünschte nur, ich hätte mehr.“ Gegen sein schütteres Haar könne er nichts machen, fügt er noch hinzu. „Es sind die Gene.“

Forster stellt auf „Inferno“, seinem neuen, siebten Soloalbum, Fragen, die vermutlich viele mit Anfang 60 haben: Welche Voraussetzungen hatte ich? Was habe ich daraus gemacht? Welche Träume konnte ich verwirklichen? „Ich habe meine Möglichkeiten ausgeschöpft“, erklärt er beim Interview am Telefon. „Es ist wunderbar, das sagen zu können.“ Man nimmt ihm das gern ab, obwohl auch eine andere Antwort möglich erschien. Denn ein Popstar ist er nicht geworden.

Die Go-Betweens prägten einen neuen, alternativen Sound

Seine alte Band, die Go-Betweens aus Brisbane an der Ostküste Australiens, sind häufiger in „Risse“ gestürzt, über die er jetzt in dem Lied „Remain“ singt. „Sometimes this world has it’s cracks.“ Einmal wurden sie von ihrer englischen Plattenfirma fallen gelassen, als eine neue, vermeintlich vielversprechendere Band auftauchte. Es waren The Smiths. Forster ließ sich nie entmutigen.

Wie The Smiths oder R.E.M. gehörten auch die Go-Betweens in den Achtzigerjahren zu einer Riege junger Außenseiterbands, die sich nicht für unkaputtbar hielten wie die Stones. Sie prägten einen neuen, alternativen Sound, der zerbrechlicher, zweifelnder wirkte. Forster und sein bester Freund Grant McLennan, der 2006 im Alter von nur 48 Jahren an einem Herzinfarkt starb, gelten bis heute als geniales Songwriterduo. Doch selbst ihr wohl bestes Album, die Liebesliedersammlung „16 Lovers Lane“ von 1988, erreichte nirgendwo die Top Ten. Die Go-Betweens wurden vom Massenpublikum grausam missachtet. Sie hatten nie Hits. Ihre Songs wurden aber zu Mustern für clevere, ausgefeilte Popmusik. „We’re not a trendy band, we’re a groovy band“, sagte McLennan mal. Nicht in Mode, aber dennoch chic.

„Ich bin damit zufrieden, wie die Dinge gelaufen sind“: Indie-Idol Robert Forster. Quelle: Bleddyn Butcher

Forster wird für seine Musik mit den Go-Betweens und als Solokünstler als Indie-Idol verehrt. Hätte er stattdessen lieber mehr Platten verkauft oder Musikpreise gewonnen – so wie R.E.M.? Er besitze keinen Grammy, antwortet er, auch kein großes Haus und nicht viel Geld, aber: „Ich bin damit zufrieden, wie die Dinge gelaufen sind.“ „I don’t need no fame“, singt er heute rückblickend. Ruhm sei ihm schon damals nicht wichtig gewesen. Was denn dann? „Grant und ich wollten mit den Go-Betweens etwas erschaffen, an das wir wirklich glauben und das Bestand haben wird.“ Diese Bedeutsamkeit hat ihre Musik zweifellos erlangt. So wurde beispielsweise die McLennan-Komposition „Cattle and Cane“ über eine Kindheit zwischen Rinderweiden und Zuckerrohrfeldern unter die 30 besten Songs aller Zeiten aus Australien gewählt.

Das Cover von „Inferno“ zeigt Forster auf einem Gartenmöbel liegend. Das Foto entstand offensichtlich auf einer Veranda, vielleicht auf seiner eigenen in Brisbane, wo er mit seiner deutschen Frau Karin Bäumler und den beiden Kindern lebt. Doch jenseits des Geländers ist nur Schwarz zu sehen, kein Garten, kein Pazifik, kein Himmel. Stattdessen zieht das Wort „Inferno“ in Großbuchstaben auf wie eine Wolke der Bedrohung. Im Titelsong besingt er den Klimawandel, den viele Menschen immer noch nicht wahrhaben wollen. Forster ist besorgt über diese Ignoranz.

Die Go-Between Bridge ist ein Denkmal für seine alte Band

„One Bird in the Sky“, der schönste Song des Albums, wirkt wie das Selbstporträt eines Menschen, der sich im Lärm dieser Welt nach Stille und Zeit sehnt, der andere meidet. Ein Vogel ohne Schwarm. Der sensible, melancholische Sound der Go-Betweens ist immer noch präsent, er hallt von weit, weit her herbei. „Eat only what I eat, breathe only what I breathe, and then leave“, singt der 61-Jährige.

Wenn er ein Vöglein wär’, würde er wohl nur für Zwischenlandungen auf der Erde verweilen: essen, atmen, wieder verschwinden. Vielleicht noch ein bisschen surfen, aber in altersgerechten, zahmen Wellen, wie er in „Life Has Turned a Page“ singt. Vielleicht flöge er auch hin und wieder zu seiner Brücke über den Brisbane River.

Das „Inferno“ droht: Robert Forster ist besorgt darüber, dass viele Menschen den Klimawandel immer noch nicht wahrhaben wollen. Quelle: Bleddyn Butcher

Gelegentlich benutzt Forster die Go Between Bridge sogar. „Ich freue mich, dass es sie gibt.“ Diese Anerkennung ist einzigartig. Bisher wurde keine andere Brücke nach einer Band benannt. Den Namen, den er vor 40 Jahren vorgeschlagen hatte, sehe er heute auf Verkehrsschildern überall in der Stadt. Ganz bestimmt, sagte er mal dem „Spiegel“, hat die 2010 eröffnete, mautpflichtige Brücke schon mehr Geld eingespielt als die Alben der Gruppe.

Die Go Between Bridge ist ein Denkmal für seine alte Band – nicht für ihn selbst. Dies zu betonen ist ihm im Interview wichtig. Auf „Inferno“, das er im vorigen Juni in Berlin aufgenommen hat, blicke er zwar zurück, es sei aber keine Schlussbilanz. „In meinem Leben sind immer noch plötzliche Wendungen möglich“, sagt der 61-Jährige. „Ich fühle mich ziemlich jung.“

Robert Forster präsentiert sein neues Album „Inferno“ (Tapete Records) ab Ende April bei acht Konzerten in Deutschland. Seine Tournee führt ihn nach Berlin (30. April), Hamburg (1. Mai), Münster (3. Mai), Bielefeld (4. Mai), Bonn (5. Mai), Frankfurt (7. Mai), Schorndorf (8. Mai) und München (9.Mai).

Von Mathias Begalke

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