Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Mal klassisch, mal unterhaltsam
Nachrichten Kultur Mal klassisch, mal unterhaltsam
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:45 01.04.2019
Von Jürgen Gahre
Der Künstlerische Leiter Daniel Müller-Schott als Solist. Quelle: Oliver Borchert
Anzeige
Rügen

Müller-Schott kann also Musiker aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis zum gemeinsamen Musizieren einladen und so ein Programm erstellen, das seine Vorlieben und Leidenschaften widerspiegelt.

Weit gespannter musikalischer Geschmack

   Schon beim Durchblättern des Gesamtprogramms fällt auf, wie weitgespannt  sein musikalischer Geschmack und seine Interessen sind. Er tritt als Kammermusiker in den verschiedensten Formationen und als Solist auf, hat neben der Klassik auch Gefallen an Jazz, Chansons und intelligent vorgetragenem Pop, ist offen für Bearbeitungen bekannter Stücke und – ungewöhnlich genug für einen „seriösen“ Musiker – ist auch begeisterter Graffiti-Künstler, der immer noch mit der Spraydose umzugehen weiß.

Anzeige

Landschaft und zehn Tage Festival

   Seine gute Kenntnis der malerischen Orte auf Rügen haben, so scheint es, Daniel Müller-Schott bei der Planung des zehntägigen Festivals beeinflusst, denn die bizarren Formen der Insel, die ungemein abwechslungsreiche Landschaft mit ihren dichten Wäldern, seichten Bodden, Steilküsten und Kreidefelsen finden sich gleichsam wieder in dem ebenso auf- wie anregenden Programm.

Attraktive Seebrücke von Sellin

   Es ist erstaunlich, wie viele schöne und originelle Spielstätten Rügen zu bieten hat. Die Seebrücke von Sellin zählt sicherlich zu den attraktivsten. Hier das Signum Saxofonquartett – die vier Musiker waren 2016 Ensemble-Preisträger der Festspiele MV – zu erleben, ist ein besonderes Ereignis. Modest Mussorgsky „Bilder einer Ausstellung“ in der Fassung für vier Saxofone ist ein Ohrenschmaus der ersten Güte, denn der Erfindungsreichtum und die Experimentierfreude der Musiker lässt uns die Bilder mit ganz neuen Augen sehen. Dass das Auditorium meerumschlungen ist, also ringsum Wasser zu sehen ist, gibt dem Auftritt dieser vier Musiker eine faszinierende Aura.

Kammermusik an entlegenen Orten

   Wer für Müller-Schotts Darbietung der Suiten für Violoncello von Johann Sebastian Bach im hoch auf dem Berge inmitten von Wäldern gelegenen Jagdschloss Granitz keine Karten mehr bekommen hat, der konnte sich in der an der Küste gelegenen Kunstscheune Vaschvitz das französische Quatuor Modigliani mit Brahms' 2. Streichquartett und Mozarts g-Moll Streichquintett (Pauline Sachse, 2. Viola) anhören. Der intime Rahmen der umgebauten Scheune hat aus dem passionierten Spiel der Musiker ein Hörerlebnis der besonderen Art gemacht. Kammermusik an solch entlegenen Orten zu hören, ist eine der Hauptattraktionen von Rügen.

Schumanns Cellokonzert

   Sehr viel mehr Menschen konnte der als Solist auftretende Daniel Müller-Schott mit Robert Schumanns Cellokonzert in den Marstall von Putbus locken. Die Neubrandenburgische Philharmonie wurde von Sebastian Tewinkel einfühlsam durch die Partitur geführt und war auch bei Franz Schuberts Sinfonien 6 & 7 (Unvollendete) hoch motiviert, hatte allerdings mit der Überakustik des klassizistischen Saales zu kämpfen.

Schostakowitsch und Unterhaltsames

Um den pompösen, vornehmen Kurhaus-Saal in Binz zu füllen, muss das Programm wohl weit gefächert sein, und so ließ Müller-Schott nach seiner fulminanten Interpretation der Cello-Sonate von Schostakowitsch (Simon Trpčeski, Klavier) Unterhaltsames folgen: Anne-Christin Schwarz und Stephan Braun präsentierten sich als „deep strings“ mit eigenen, höchst effektvollen Kompositionen, der Auftritt des Wiener Duos BartolomeyBittmann (Cello und Mandoline) war derart wild und fetzig, dass einem die Luft wegbleiben konnte.

Graffiti und Saxofone

Um seine Vielseitigkeit zu demonstrieren, zeigte Müller-Schott einen Film, in dem er als Graffiti-Künstler zu sehen ist, mit Atemschutz vor einer großen Leinwand zusammen mit einem weiteren Künstler. Das Signum Saxofonquartett spielte dazu ein Haydn Quartett in eigener Fassung. Das war jedoch eine künstlerisch entbehrliche Angelegenheit, die dennoch zu loben ist, weil das Graffiti-Bild mit den grell-bunten Schriftzügen „Musik für Rügen“ am 11. Mai bei einer Charity-Gala in Stralsund versteigert werden wird. Mit dem Erlös werden Projekte wie „Krebs und Sport“ oder „MV gegen HPV“ unterstützt. In den nächsten Tagen aber löst ein künstlerisches Highlight das andere ab: Das renommierte Armida Quartett spielt Beethoven und Bartók, die legendäre „Crazy Queen of Barock“ Simone Kermes tritt in Göhren auf, um nur einige zu nennen.