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Kultur Die Hintergedanken des Virtuosen
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13:26 30.01.2019
Foto: Tastenzauberer mit Interpretationshaltung: Josef Bulva.
Tastenzauberer mit Interpretationshaltung: Josef Bulva. Quelle: Angelo Antelini
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Kiel

Mit „Hintergedanken“ hat er erklärtermaßen einen Klavierabend programmiert, mit dem er demnächst in der Berliner Philharmonie, in der Münchner Residenz und dem Wiener Musikverein zur Diskussion seiner Neuinterpretationen einlädt. Vorab hatte er die Werkfolge von Mozart, Beethoven, Chopin und Skrjabin noch mit einem Sonderkonzert in der Reihe „klassisch beflügelt“ bei den Musikfreunden Kiel ausprobiert – weil er die intime Atmosphäre und den Steinway-Flügel in der Ansgarkirche schätzt.

Ohne Wut über verlorene Groschen

Gerne echauffiert sich Bulva über unausrottbare Klischees der Musikhistorie. So mündet seine erste Programmhälfte in ein populäres Rondo, in dem der späte Beethoven angeblich seine Wut über den verlorenen Groschen ausgelebt hat: „Ein Blödsinn!“, so Bulva, „es ist das Werk des 18-jährigen Virtuosen, das bei den Interpreten im richtigen Tempo berechtigte Ängste auslöst.“ Es sei ein in der „spießigen Romantik“ entstandenes Problem, das jedem Opus ein Etikett angehaftet wurde. „Beethoven hat auch nie eine Appassionata geschrieben!“ Er selber sei vor Jahrzehnten der erste Pianist gewesen, der den Beginn der Mondschein-Sonate als kunstvolle dreistimmige Invention und nicht als Mendelssohn-Lied ohne Worte aufgefasst habe. „Ich will den Werken nun mal nichts andichten.“

Tiefgang in Beethovens Opus 90

Zuvor kombiniert Bulva die kontrastierenden Beethoven-Sonaten op.78 und op.90, die man nicht alle Tage hört. „Der Kopfsatz der e-Moll-Sonate op.90 ist das Traurigste, was Beethoven je fürs Klavier geschaffen hat. Ich bewundere Emil Gilels sehr, halte es aber für falsch, das Tempo hier nach dem Motto Augen-zu-und-durch zu wählen.“ Gerade der Anfang brauche viel Zeit, um alles wie gewünscht „mit Empfindung und Ausdruck“ darstellen zu können.

Wie Skrjabin auf Chopin Bezug nahm

Vollends quer zur traditionellen Aufführungstradition will Bulva nach der Konzertpause vorgehen. Er kombiniert Chopins berühmte b-Moll-Sonate mit Alexander Skrjabins fis-Moll-Sonate op.23, die er schon vor 30 Jahren auf Schallplatte eingespielt habe und für das beste Werk des Russen halte – „nicht nur wegen des Ohrwurms im dritten Satz“. Bei einem langen Krankenhaus-Aufenhalt sei ihm plötzlich klar geworden, dass sich Skrjabin auf Chopin beziehe. „Wenn man beispielsweise die Röntgenbilder der Anfangssätze übereinander legt, erkennt man ihre konstruktive Gleichheit.“

Skrjabin "dramatico"

Auch Bulva weiß, dass Skrjabin das Werk auf einem Welte-Mignon-Klavier aufgezeichnet hat. Und er regt sich auf: „Alle, selbst Gilels und Richter, spielen das wie er seitdem als Arpeggio-Marmelade. Aber es steht ’dramatico’ davor. Es ist keine hingeharfte Romanze. Skrjabin konnte seinem eigenen Notentext spieltechnisch nicht folgen, bei ihm fehlt sogar ein Viertel des Tonmaterials.“ Auch das Finale reagiere auf Chopins enigmatischen letzten Satz, der das Nichts nach dem Tod aufzeige. „Vergleichbar bei Skrjabin: Das ist keineswegs ein revolutionärer Sturmlauf-Angriff auf den Winterpalais in St. Petersburg. Nur wenige Takte sind tatsächlich Fortissimo. Bei mir hört man beispielsweise die linke Hand im Pianissimo – als wäre sie von Scarlatti.“

Von Christian Strehk