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Kultur Hoffnungsschimmer und Wahnsinnstusch
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13:16 14.04.2019
Foto: Intimes Musizieren: Der norwegische Cellist und Grammy-Preisträger Truls Mørk mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter Krzystof Urbanski im Kieler Schloss.
Intimes Musizieren: Der norwegische Cellist und Grammy-Preisträger Truls Mørk mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter Krzystof Urbanski im Kieler Schloss. Quelle: Marco Ehrhardt
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Schon das Fingerspitzengefühl des wunderbar feinsinnigen Cellisten Truls Mørk sorgt für atemloses Lauschen im gut besuchten Kieler Schloss. Der 57-jährige Norweger streichelt sein Montagnana-Streichinstrument von 1732 liebevoll. Er lässt es frühlingshaft singen und tänzeln, während ihn die Musikerinnen und Musiker des NDR Elbphilharmonie Orchesters Hamburg mit einem zart gewebten C-Dur-Klangteppich ummanteln.

Casals Gesang als Zugabe nach Haydn

Das wegen seiner Höhenflüge in Daumenlage technisch gefürchtete Werk tönt ganz schwerelos entspannt und genießerisch. Perfekt passt dazu – sozusagen als Echo des Haydn-Adagios – das innige katalanische Volkslied El Cant dels Ocells (Der Gesang der Vögel), das einst auch die Cello-Legende Pablo Casals so gerne als Zugabe zelebrierte. 

Schostakowitschs Vierte Symphonie

Wenn nach der Pause dann die c-Moll-Symphonie des vom Regime an Leib und Leben bedrohten Petersburgers aus der Schublade springt wie der Teufel aus der Kiste, ist der 36-jährige polnische Dirigent Krzystof Urbanski endgültig in seinem Element. Auswendig steuert er das riesig besetzte, die Belastbarkeit der Schloss-Akustik sprengende Schlüsselwerk der osteuropäischen Moderne ins Ziel

Klangregisseur Krzystof Urbanski

Es mag sein, dass die Elbphilharmoniker hier und da noch nicht ganz die Präzision der 2018 preisgekrönten Live-Mitschnitt-Referenz (Boston Symphony unter Andris Nelsons) erreichen. Aber wie der Schreikrampf im Kopfsatz, die wahnsinnigen Fieberkurven der Fugen, die fratzenhaft verzerrten Kirmes-Anklänge oder das bedrohliche Klickern der Stundenuhr am Ende des zweiten Satzes hier scharf geschlossen werden, ist allemal faszinierend. Die Vierte Symphonie, da kommt im Streiber-Konzert kein Zweifel auf, ist Schostakowitschs purste, avantgardistischste.  

Trommelfeuer und innige Momente

Sehr spannungsvoll gelingen den NDR-Musikern gerade auch die ganz nach innen gekehrten Momente. Da klagen etwa die Soli in Fagott und Flöte bewegend. Und nach dem militaristisch dröhnenden Trommelfeuer und dem mehrfach verbogen blökenden Sowjet-Tusch fesselt das sagenhaft gut komponierte, nebulöse Ausblenden des Schlusssatzes: in ein fassungsloses Nichts – mit kleinen Hoffnungsfunken der Celesta-Glöckchen. Obwohl dieses Werk der fatalen 30er-Jahre eigentlich noch heute jedes Publikum überfordert, herrschen nach dem Verglimmen lange Stille und dann große Begeisterung.

Von Christian Strehk

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