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Kultur Die Stadt Kiel sichert ihr Theater
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08:00 23.06.2019
Von Konrad Bockemühl
Daniel Karasek (links), Intendant Theater Kiel, und der stellvertretende kaufmännische Direktor Roland Schneider vermissen vom Land „eine klare Positionierung zu den Theatern“. Quelle: Ulf Dahl
Kiel

Auch er vermisst vom Land „eine klare Positionierung zu den Theatern“. Und hofft, dass der Warnschuss von der Trave wachrüttelt. Aber bei allen „großen Herausforderungen“ wirkt er in Kiel recht gelassen: Denn sein Haus kann auf die Stadt zählen. Die Kommune gleicht seit vielen Jahren zuverlässig bei den Tariferhöhungen aus, was das Land nicht mehr leistet und das Theater selbst nicht selbst stemmen kann.

Mindestlohn belastet die Theater

In Lübeck hatte Christian Schwandt seit vielen Jahren das Problem, dass die Stadt angesichts extrem knapper Kassen die Finanzlücken seines Hauses nicht aufgefüllt hat. Die 2009/10 ganz ausgesetzte Dynamisierung der Theaterzuschüsse über den Kommunalen Finanzausgleich ist 2012/13 durch die damalige Kulturministerin Anke Spoorendonk wieder eingeführt worden. Seitdem ist die Rate von 1,5 Prozent jährlich unverändert – während die Tarifabschlüsse in den letzten Jahren durchschnittlich über drei Prozent liegen. Die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns belastet die Theater zusätzlich. Christian Schwandt beziffert den Kostenanstieg somit auf rund 4 Prozent, in Kiel setzt der kommissarische Kaufmännische Direktor Roland Schneider die Zahl etwas niedriger an. Die drei Theaterchefs im Land hatten sich in diesem Jahr angesichts der allgemeinen Finanzlage auf die Zielmarke einer 2,5-prozentigen Dynamisierung verständigt. Bekannt ist, das Kulturministerin Karin Prien dieses Ziel öffentlich unterstützt. Auch Ministerpräsident Daniel Günther habe sich entsprechend geäußert, sagt Daniel Karasek. Weshalb er von Schwandts (56) Rücktritt zu diesem Zeitpunkt auch überrascht war.

Leidensdruck am Theater Kiel kleiner

Nun gilt es, sich mit den kommunalen Spitzenverbänden im Zuge der Verhandlungen über das ab 2022 wirksame Finanzausgleichsgesetz (FAG) zu einigen. Der Lübecker Schwandt scheint in die 2,5-Prozent-Perspektive nicht zu vertrauen, bei seinen Kollegen Karasek und Peter Grisebach (Landestheater) ist die Zuversicht größer. Und der Leidensdruck offenbar kleiner.

In Kiel auch deshalb, weil es schon „Tradition“ ist, dass die Stadt steigende Personalkosten über die derzeitigen 1,5 Prozent aus dem FAG hinaus zuverlässig ausgleicht. Die Stadt, sagt Karasek spürbar erleichtert, „tritt unendlich stark für ihr Theater ein“ (und bekommt dafür viel Theater zurück) – während der Anteil des Landes an der Finanzierung des Kieler Theaters stetig sinkt. Karasek spricht von einem letztlich „bedrohlichen Ungleichgewicht“ zu Lasten der Stadt. Kiel schießt im Wirtschaftsplan für die laufende Spielzeit 15,7 Millionen Euro gegenüber 14,6 Millionen Euro aus dem FAG-Zuschuss des Landes zu. Zum Vergleich: Vor elf Jahren zahlte das Land 13,3 Millionen Euro, die Stadt 11,3 Millionen. Soll heißen: Die Ausgaben vom Land stiegen seitdem um magere 1,3, die der Stadt um satte 4,4 Millionen Euro.

Hohe Personalkosten

Bei dem 35,6-Millionen-Euro Gesamtetat der laufenden Spielzeit sind 5,3 Millionen Euro Erlöse aus Ticketeinnahmen und Sponsoren-/Werbeeinnahmen kalkuliert. Auf der Ausgabenseite schlagen die Personalkosten mit 25,7 Millionen Euro zu Buche – über 70 Prozent. Da bleibt nicht allzu viel freies Geld für die Kunst: Auf 0,7 Millionen Euro sind die Materialkosten für Bühnenbilder und Kostüme angesetzt (die Kostensteigerungen im Sachkostenbereich muss das Theater übrigens allein kompensieren), 2,5 Millionen Euro fallen an Fremdleistungen, auch für selbstständige künstlerische Gäste, ob Solist oder Orchesteraushilfe, an. Die Kosten einer Produktion sind wegen des Personalkostenanteils schwer zu beziffern. Sie liegen zwischen 2000 Euro für kleinere Produktionen bis zu 600 000 Euro beim großem Sommer-Open-Air – das aber nur durch erhebliches zusätzliches Sponsoring finanzierbar ist.

Renate Treutel zum Theater

Kiels Kulturdezernentin Renate Treutel bescheinigt der Landeshauptstadt eine vielfältige Kulturlandschaft und bezeichnet das Theater als „ein stattliches städtisches Flaggschiff“. Es sei für den kommunalen Haushalt ein Kraftakt, ein Fünf-Sparten-Theater auskömmlich zu finanzieren. „Zudem haben wir derzeit vor der Brust, die bauliche Substanz aufzufrischen“, so Treutel weiter. Die Ratsversammlung steigere den Kulturzuschuss Jahr für Jahr. „Entsprechend braucht es auch eine konsequente Dynamisierung der Landesförderung analog der Tarifsteigerung. Das Theater ist eine Visitenkarte ersten Ranges für Kiel und Schleswig-Holstein.“

Die Theater haben in den letzten Jahren deutlich mehr Geld selbst erwirtschaften müssen. Aber sie sind eben kein Wirtschaftsbetrieb, sondern erfüllen einen gesellschaftlichen, kulturellen Auftrag, der jenseits profitablen Denkens die künstlerische Freiheit und letztlich auch die Demokratie sichert. Karasek nennt die Theater denn auch „Aufklärungsmotoren“. Und obwohl die Eigenfinanzierungsquote von rund 16 Prozent laut Schneider über dem Bundesdurchschnitt liegt, betrug in der Spielzeit 2015/16 der öffentliche Zuschuss pro Besucher rund 106 Euro. Dafür bietet das Theater Kiel mit seinen fünf Sparten Oper, Schauspiel, Konzertwesen, Junges Theater und Ballett an drei Spielstätten und rund 570 Beschäftigten nahezu 1000 Veranstaltungen pro Spielzeit – und begrüßt seit einigen Jahren schon mehr als eine Viertelmillion Besucher pro Saison. Karin Prien wurde hier bis dato, wie in Lübeck, nicht gesichtet.

Wer auf der Bühne anfängt, bekommt am wenigsten

Die hohen Personalkosten werden nicht etwa durch Spitzengagen für hervorragende Opernsänger, Schauspieler oder Solotänzer des Theaters geprägt. Wer prominent auf der Bühne steht, bekommt eher am wenigsten: In diesem Bereich gilt eine magere Mindestgage von 2000 Euro brutto monatlich, über die dann jeweils, auch an Dienstjahren orientiert, frei verhandelt wird – das Gros der Ausgaben, auch höhere Gehälter werden für die gewerkschaftlich stark vertretenen 33 Choristen und vor allem die 85 (B-)Orchestermusiker gezahlt. Bei den Instrumentalisten liegt das Durchschnittsgehalt bei rund 4500 Euro brutto. Das Theater Kiel als Anstalt öffentlichen Rechts (AöR) hält sich in allen Bereichen an geltende Tarifverträge. Andere Theater mussten in ihrer Not schon zeitweise Haustarife verhandeln. In Staatstheatern, wie z.B. Schwerin, liegen die Tarife höher, auch Musiker in A-Orchestern werden besser bezahlt. 2016/17 wurde im Kieler Vorstandstrio für den Kieler Generalintendanten eine Vergütung von 179000, für den GMD von 119000 Euro und für den kaufmännischen Direktor von 85000 Euro (2017/18) offengelegt.

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