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Kultur Theaterkunst für jedermann
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10:54 24.05.2019
Das Kieler Opernhaus auf einer historischen Postkarte. Quelle: Volksbühne Kiel
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Kiel

Wenn am Sonnabend die Gala im Schauspielhaus schon vor der offiziellen Premiere ein paar Songszenen aus Franz Wittenbrinks neuem Baumarkt-Liederabend Hammer raushaut, darf der in Wellen erfolgreichen Geschichte eines ursprünglich für die Arbeiterschaft begonnen Vorzeigeprojekts gedacht werden. Kein Wunder, dass zu den Gründungs- und Neugründungsterminen gerne Gerhart Hauptmanns Sozialdrama Die Weber gespielt wurde: Die „Volksbühne für jedermann“ sollte mit ihren Vergünstigungen einer Bevölkerungsschicht zu Theatererlebnissen verhelfen, die sonst wohl kaum dazu gekommen wäre.

1894 Gründung der Volksbühne Kiel

Die industrielle Revolution hatte neben sozialer Not und Ausbeutung auch linke Parteien, Gewerkschaften und die Idee geboren, die Arbeitschaft zu bilden. Aus entsprechenden Clubs am Rande der Legalität entstand 1890, gleich nach Aufhebung des „Sozialistengesetzes“, kamen in Berlin fast 2000 Menschen zusammen, um die Volksbühne zu gründen. Der zukünftige Vorsitzende, Schriftsteller Bruno Wille, proklamierte eindeutig: „Die Kunst soll dem Volke gehören, nicht aber Privilegium eines Teils der Bevölkerung, einer Gesellschaftsklasse sein“. 1893 folgte Hamburg – und schon 1894 Kiel.

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Wechselvolle Geschichte der Volksbühne

Der Kieler Theaterkenner Rolf-Peter Carl hat die Anfänge erhellend recherchiert: „Die Geschichte der Volksbühne Kiel verlief – den Zeitläuften geschuldet – recht wechselvoll. Der im Frühjahr 1894 gebildete Verein verzeichnete gleich zu Anfang etwa 200 Mitglieder und begann seine Arbeit mit einer akzentsetzenden Lesung aus Hauptmanns Webern, der als erste szenische Aufführung Max Halbes Jugend folgte.“ Mit dem seinerzeit noch privat geführten Kieler Stadttheater unter seinem Direktor Carl Heinrich Hoffmann sei allerdings keine Einigung zustande gekommen – die Vorstellung fand im Lokal Colosseum am Exerzierplatz statt. „Die Kieler Volksbühne hatte überhaupt von Beginn an mit großen Widerständen zu kämpfen. Sie musste sich ihre Schauspieler und den Regisseur suchen (das Stadttheaterensemble stand nicht zur Verfügung), sie war auf die Anmietung eines geeigneten Saals angewiesen und sie bekam schon sehr bald Probleme mit der Polizei als Zensurbehörde.“

Öffentliche Lustbarkeit für Pfennigbeträge

„Öffentliche Lustbarkeit“ bedurfte polizeilicher Erlaubnis, so Carl, und zum Verhängnis sei der ersten Volksbühne paradoxerweise gerade ihr wachsender Zuspruch in der Bevölkerung geworden. „1897 wurde ihr mitgeteilt, angesichts ihrer Mitgliederzahl handele es sich bei ihren Aufführungen nicht mehr um eine geschlossene Gesellschaft, mithin unterlägen sie künftig generell der Zensur. Daraufhin gab der Verein auf.“ Dabei war die Idee so gut gewesen: Nach einer Aufnahmegebühr von 25 Pfennigen betrug der monatliche Beitrag 50 Pfennige. Und dafür gab es eine Vorstellung je Monat in der Saison. Die verfügbaren Plätze seien verlost worden. Dieses Prinzip, so Carl, sei allen Volksbühnen gemeinsam und unterscheide sie in ihren Angeboten in den Wahlabos und den Abonnements zu festgelegten Termine bis heute von anderen Besucherorganisationen. Zusätzlich erhalten Mitglieder im Einzelverkauf stets vergünstigte Konditionen.

Neugründung der Volksbühne im Jahr 1920

Erst 1920 wurde die Kieler Volksbühne wieder eine eingetragene Institution – noch immer ausschließlich für die „organisierte Arbeiterschaft“. Rolf-Peter Carl: „Die Voraussetzungen für die regelmäßige Arbeit einer neuen Volksbühne waren erst nach dem Ende des 1. Weltkriegs und dem Sturz der Monarchie gegeben. Das ‚rote‘ Kiel holte sich mit Dr. Max Alberty ein früheres Mitglied des Dresdner Arbeiter- und Soldatenrats aus den Revolutionstagen Ende 1918 als neuen Theaterleiter.“ Er habe in Verhandlungen mit der Stadt Kiel darauf bestanden, dass das noch immer privat geführte Theater in die Trägerschaft der Stadt übernommen wurde und sah in einer breit gestützten Besucherorganisation zum einen die Garantie für eine wirtschaftlich tragfähige Auslastung der Vorstellungen und zum anderen die Chance, das Theater von einem als Geschäft angelegten Amüsierbetrieb in eine wirkliche Volksbildungsanstalt umzuwandeln. Inflation und Wirtschaftskrise bedingten dann 1929 die Öffnung für Beamte und Angestellte. 

Seit 1949 besteht die Volksbühne dauerhaft

Doch 1933 kam die Volksbühne Kiel einem Verbot der an die Macht gelangten Nationalsozialisten zuvor und löste sich erneut auf. Erst im Dezember 1949 wurde der gemeinnützige Verein reaktiviert – und besteht bis heute.

Die Jubiläumsveranstaltungen

Volksbühnengala zum 125. im Schauspielhaus Kiel, 25. Mai, 20 Uhr. Karten: 0431 / 901 901. 

Kiel literarisch! Horst Stenzel liest Gedichte und Texte über Kiel, Mo 27. Mai, 19 Uhr, Theater Die Komödianten, Kiel.

Holger Mantey – von Mozart bis Gershwin, von Bach bis Bonanza, Di 28. Mai, 19 Uhr, Musiculum Kiel.

Georg Kreisler Abend, Mi 29. Mai, 19 Uhr, Kulturforum Kiel.

Tickets: Tel. 0431 / 982 78 90. www.volksbuehne-kiel.de

Von Christian Strehk