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Kultur Selbstausbeutung bei jedem Auftritt
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06:31 11.05.2019
Von Ruth Bender
Beim Alles-oder-nichts-Tischgespräch zur Zukunft der freien Theater in Kiel versammelt: Petra Bolek, Stephan Schlafke, Magrit Dürr und Sigrid Detloff (v.li. vordere Reihe) sowie Markus Dentler, Uli Hausmann, Jan Deck und Anne Schneider (hinten). Quelle: Marco Ehrhardt
Kiel

Sie spielen als Einzelkämpfer in Gemeindesälen auf dem Dorf oder in Schulaulen (Marc Schnittger, Theater Wolkenschieber) und tragen so die kulturelle Bildung aufs Land. Sie packen die Kritik an Gesellschaft und Gegenwart beharrlich in die Suche nach neuen Theaterformen (Theater Pilkentafel) oder sie ziehen aus und bereichern den Sommer mit einer Open-Air-Version des Kleinen Prinzen (Theater Die Komödianten).

Eine Arbeit, die oft nur mit reichlich Idealismus und der Bereitschaft zur Selbstausbeutung zu realisieren ist. Denn die Fördermittel für die freie Theaterszene sind zumal in Schleswig-Holstein überschaubar – mit 456000 Euro jährlich liegt das Land im Bundesvergleich vor Mecklenburg-Vorpommern (300075 Euro) auf dem vorletzten Platz. Dazu kommt, das die Förderung oft abhängig ist von komplementären Mitteln und mit bürokratischen Hürden verbunden.

Landesverband freies Theater Schleswig-Holstein

Jetzt haben die mittlerweile 18 freien Theater und Theatermacher, die im Landesverband freies Theater Schleswig-Holstein organisiert sind, Alarm geschlagen, kürzlich auch in einer Gesprächsrunde im Theater Die Komödianten die Politik auf ihre Situation aufmerksam gemacht und ein selbst erarbeitetes Fördermodell vorgestellt.

Den bürokratischen Aufwand für vergleichsweise geringe Summen beklagen die Theatermacher ebenso wie mangelnde Transparenz und die Praxis, dass manche Förderung ohne Drittmittel gar nicht erst fließt. „Die Bedingungen in Schleswig-Holstein machen es quasi unmöglich, Bundesmittel abzurufen“, sagt etwa Anne Schneider, Regisseurin und Geschäftsführerin des Bundesverbands freie darstellende Künste in Berlin. Weil die Beteiligung vor Ort oft keine ausreichende finanzielle Basis darstellt.

Freie Theater

In Schleswig-Holstein derzeit geförderte freie Theater und Theatermacher:

Theater Combinale, Lübeck

Taschenoper Lübeck

Kobalt Figurentheater Lübeck

Theater Die Komödianten, Kiel

Polnisches Theater Kiel

Gruppe DeichArt Kiel

Theater Pilkentafel  Flensburg

Marc Schnittger Figurentheater

Figurentheater Wolkenschieber

Krimmelmokel Puppentheater

Theater Die Exen (Karin Schmitt)

Schleswig-Holstein hindert mit Bürokratie

Theatermacherin Charlotte Pfeiffer sagt es so: „Die Voraussetzungen, die Schleswig-Holstein bietet, verhindern das Arbeiten vor Ort. Der bürokratische Aufwand lohnt nicht.“ Die gebürtige Hamburgerin, im Mai beim renommierten Kinder- und Jugendtheatertreffen „Augenblick mal!“ in Berlin mit gleich zwei Stücken eingeladen und im Juni mit einem davon beim Impulse Festival in Düsseldorf, lebt zwar schon lange in Dithmarschen – ihre Projekte aber realisiert sie vornehmlich von Hamburg (Kampnagel, Lichthof-Theater) bis München.

Oft kein Mindestlohn

„Die Leute wandern ab, weil Schleswig-Holstein hinterherhinkt“, sagt Anne Schneider. Und Elisabeth Bohde vom Theater Pilkentafel, gerade vom Bund mit einer großen Förderung bestätigt, fragt sich, wie sie den Nachwuchs aus den Metropolen an „die Ränder“ ziehen kann. Und beklagt, dass die derzeitigen Förderrichtlinien kaum Raum für die Einbindung freier Gruppen lassen. „Künstlerische Forschungsräume brauchen Schutzräume“, verweist Anne Schneider auf die Erneuerungskraft. Dazu kommt, dass freie Künstler und Theater für ihre Arbeit oft nicht einmal den Mindestlohn erreichen. Der Jahresdurchschnitt liegt bei rund 21000 Euro. Ein Umstand, der laut Schneider in keinem Verhältnis steht zur „Professionalität der freien Szene, die sich durch Gestaltungswillen, Flexibilitiät und Neuerungskraft auszeichnet“.

Sie ist wichtig, die freie Szene, das bestätigt auf Anfrage auch Kulturministerin Karin Prien: „Da das Land nicht über eine Theaterhochschule verfügt, sind wir auf neue Ansätze und junge Theaterschaffende von außen angewiesen.“ Die freie Theaterlandschaft funktioniert als Experimentierraum und mit ihrer Mobilität und Flexibilität als Ergänzung zu den festen Strukturen der Stadttheater. Im Kinder- und Jugendbereich sind sie nach einer Studie der Assitej unbestrittener Marktführer. Kein Wunder, dass Stefan Schlafke vom Kobalt Puppentheater die freie Szene auch „als Experten für kulturelle Bildung“ sieht.

95000 Zuschauer in 1100 Vorstellungen

An die 100 Produktionen, rund 20 davon Premieren, haben die 16 im Landesverband organisierten Theater in SH vom Combinale und der Taschenoper Lübeck über Komödianten und Einzelkämpfer wie Marc Schnittger bis zur Pilkentafel Flensburg 2016 auf die Bühne gebracht. Mit rund 95000 Zuschauern in 1100 Veranstaltungen. Eine Auslastung von rund 75 Prozent, die den Vergleich mit den staatlichen Bühnen nicht scheuen muss: Das Theater Kiel etwa zählte in der Spielzeit 2016/17 in 907 Vorstellungen 240000 Besucher.

„Die freie Szene hat sich aus sich heraus entwickelt“, erklärt Elisabeth Bohde. „Wir haben ein originäres Angebot, das so von den Stadttheatern nie erbracht werden könnte, weil es dem individuellen Gestaltungswillen der einzelnen Künstler entspringt.“ Und Ivan Dentler von den Komödianten ergänzt: „Wir erreichen ein Publikum, das im klassischen Stadttheater gar nicht auftaucht.“

Was die freien Theater brauchen

Was freie Theater brauchen

Zwei Jahre lang hat der Landesverband mit dem Frankfurter Kollegen Jan Deck an einem neuen Förderentwurf gearbeitet, der praxisnahe Förderung und auskömmliche soziale Rahmenbedingungen sichern soll. „Die Strukturen und Änderungsprozesse in der freien Szene passen nicht mehr zusammen“, sagt Deck. Im neuen Vorschlag wird nun stärker differenziert. Danach soll die Förderung, angelegt auf vier Jahre, auf der einen Seite die (feste) Infrastruktur stützen, auf der anderen der künstlerischen Arbeit eine Basis verschaffen. Dazu kommen Konzeptions- und Projektförderungen, die Kooperationen ebenso stärken sollen wie die Diversität der Szene vom festen Haus bis zu Tanz und reisendem Puppentheater.

„Das Land muss die professionellen freien Theater so unterstützen, dass vergleichbare Gagen und Honorare, wie an den städtischen Bühnen gezahlt werden können“, sagt Markus Dentler. „Die Politik muss neugierig und stolz sein auf die freie Szene im Land.“ Und Sigrid Dettlof vom Theater Combinale bringt es auf den Punkt: „Wenn die Fördermittel nicht angehoben werden, brauchen wir gar nicht über eine Reform zu reden.“ 1,4 Millionen Euro jährlich sind laut Jan Deck notwendig.

Die finanzielle Lage der freien Theater findet auch Kulturministerin Karin Prien unbefriedigend und macht sich für einen Ausbau stark. So wurden etwa die Projektmittel für 2019 um 50000 Euro aufgestockt. Auch das bundesweite Netzwerk „Flausen“, das vor allem junge Künstler fördert, will die Ministerin dauerhaft unterstützen. Die vom Verband ins Spiel gebrachte Summe hält sie allerdings für kaum realisierbar: „Eine Aufstockung wird nur schrittweise erfolgen können“, sagt sie und nimmt auch die Kommunen in die Pflicht, „deren Bürger direkt von den Angeboten dieser Theater profitieren“.

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