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Kultur Die verstörendsten Beiträge kommen aus Dresden
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22:13 20.05.2019
Das Stück „Das grosse Heft“ inszenierte Regisseur Ulrich Rasche für das Staatstheater Dresden. Quelle: Sebastian Hoppe/Staatstheater Dresden
Berlin

Bevor die 16 männlichen Schauspieler vom Staatstheater Dresden am Sonntagabend mit kurzem Beifall in die Pause verabschiedet wurden, rief ein Zuschauer im Parkett nur „hässlich“. Nach der Pause ging es dann noch krasser zur Sache, denn es folgte eine pathetische Steigerung in Leni-Riefenstahl- oder Rammstein-Manier. Wie das Publikum am Sonntag kurz vor Mitternacht nach vier Stunden monotonem und suggestivem Deklamieren im Haus der Berliner Festspiele reagieren würde, war durchaus offen. Die meisten Zuschauer hielt es nicht in den Sitzen, ein wahrer Begeisterungssturm brach los .

Mit der zweiten Gastspiel-Aufführungen von „Das große Heft“ nach dem Roman von Ágota Kristóf ging am Montagabend in Berlin das 56. Theatertreffen zu Ende. Die Leistungsschau der Branche lädt jedes Jahr zehn Inszenierungen ein, die einen Überblick über Trends im zeitgenössischen Regietheater ermöglichen.

Puristisches Konzept

Ulrich Rasche war schon zum dritten Mal dabei. Der Regisseur ist seinem puristischen Konzept treu geblieben. Er stellt Schauspieler mit weit aufgerissenen Augen auf riesige Scheiben, die gegen den Uhrzeigersinn rotieren. Wer rechts vom Mittelpunkt steht, muss unentwegt vorwärts schreiten, wer links steht unentwegt rückwärts. Denn es gilt, auf der Stelle zu treten, sei es barfuß oder in Stiefeln.

Aus diesem athletischen und rhythmisierten Grundgestus werden die Texte ins Publikum gesprochen, einzeln oder in Sprechchören. Dank der Mikroports legen sich die gut verständlichen Worte über einen gleichförmigen, mitreißenden Klangteppich, den vier Musiker auf der Seitenbühne live einspielen. Das dämonische Potential des Stückes, das von der Verrohung zweier Brüder im Krieg handelt, kommt so besonders intensiv zur Entfaltung.

Nacktheit wird in Szene gesetzt

Zwei der zehn Beiträge stammten in diesem Jahr aus Dresden, es waren die verstörendsten. Auch „Erniedrigte und Beleidigte“ in der Regie von Sebastian Hartmann setzte auf harte Schwarz-Weiß-Kontraste und eine unheilvolle Stimmung. Es gab Triumphe wie Christopher Rüpings Zehnstunden-Inszenierung „Dionysos Stadt“. Aber es gab auch Enttäuschungen wie Simon StonesHotel Strindberg“, das nur Spielfilm- und Puppenstuben-Ästhetik hinter Glas bot.

Um so kraftvoller kam die Schauspielkunst in Thorsten Lensings „Unendlicher Spaß“ zur Geltung. In „Oratorium“, einer Mitmach-Performance über die Ungerechtigkeit des Erbens von She She Pop, musste sich der Besucher zum Teil fremdschämen. Warum das Theatertreffen aus dem Segment der freien Gruppen nicht „Unheimliches Tal“, eine bahnbrechende Bühnenarbeit von Riminiprotokoll, eingeladen hat, blieb ein Geheimnis.

Szene aus „Das große Heft“. Quelle: Sebastian Hoppe/Staatstheater Dresden

In diesem Jahrgang gab es viele entkleidete Männer zu sehen. Ihre Nacktheit wurde meist von männlichen Regisseuren in Szene gesetzt, nur in „Persona“ (Deutsches Theater) ging die Idee auf die feministische Aktivistin Anna Bergmann zurück. In Ulrich Rasches „Das große Heft“ fielen zwar nicht die Hosen. Dafür war ein maskuliner Reigen aus 16 behaarten und schwitzenden Männer-Oberkörpern zu bewundern. Einzelne Prachtexemplare wurden zusätzlich herangezoomt. Im nächsten Jahr soll mindestens die Hälfte aller eingeladenen Aufführungen von Regisseurinnen stammen. Man darf gespannt sein, ob sich dann auch die Optik der Nacktdarstellungen auf der Bühne verschiebt.

Von RND/Karim Saab

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