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Kultur Raue Spielfläche
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18:01 24.01.2017
Von Sabine Tholund
Schleswig

Die Bühne zeigt einen schäbigen, schwach ausgeleuchteten Bretterverschlag, in der Ecke liegt ein Mensch. Wie weggeworfen sieht die schmächtige Gestalt aus, die irgendwann zu minimalistisch nervtötenden Tönen aufsteht und sich mühsam durch den engen, käfigartigen Raum schleppt. Das Schauspiel nach Dostojewskis opulentem psychologischen Roman funktioniert erstaunlich gut in der geschickt verschlankten Inszenierung von Kathrin Mayr. Die Handlung hat die Regisseurin zeitlos gehalten und in einer Gesellschaft verortet, die durch das Auseinanderklaffen von Arm und Reich in Schieflage geraten ist. Fortdauernde Demütigungen, Armut und Hunger sind der Nährboden, in dem krude Gedanken gedeihen können. Und so wächst im Wahn aus Hunger und Fieber Raskolnikows gestörtes Menschenbild und damit die Idee zu einem „Experiment“: Der hochintelligente Ex-Student der Rechtswissenschaften beschließt, seine Pfandleiherin zu töten – nicht nur, um sie zu bestehlen, sondern auch, um zu beweisen, dass ein höher stehender Mensch das Recht hat, „einer Laus“ das Leben zu nehmen.

 Dass dieser ausgezehrte Typ, der in einem Moment wimmernd am Boden kauert, um kurz darauf in wildem Jähzorn aufzutrumpfen, nicht bei Sinnen ist, darüber besteht von Beginn an kein Zweifel. Zwischen stiller Verzweiflung und hochtrabender Hybris verleiht Reiner Schleberger dem fiebernden Totschläger eindrucksvoll widerstreitende Präsenz. Nach einem fesselnden Auftaktmonolog, in dem er zwischen Erzähler und Spielfigur wechselt, reißt er den hölzernen Verschlag, den Fabian Wendling auf angeschrägter Bühne eingerichtet hat, Planke für Planke mit lauten Getöse ein. Der auf diese so brutale Weise geweitete Raum wird raue Spielfläche für Begegnungen und Dialoge.

 Hier trifft Raskolnikow seinen Ex-Kommilitonen Rasumichin (flügelschlagend in hilfloser Hilfsbereitschaft: Flavio Kiener). Brüsk serviert er Mutter und Schwester ab (Karin Winkler, Malina von Gagern), deren bloße Anwesenheit ihm als stumme Anklage ins Fleisch schneidet. Und er verliebt sich in die zerbrechliche Sonja, die ihren Körper verkauft, um ihre Familie über Wasser zu halten (erstaunlich resolut: Alexandra Pernkopf).

 Beinahe allgegenwärtig auch im stummen Spiel geistert der ermittelnde Staatsanwalt durchs Bild, den Simon Keel als farblosen Beamten aus mausgrauem Pulli lächeln lässt. Mit leisen Schritten schleicht er herum und wiegt den Verdächtigen mit sanfter Freundlichkeit in Sicherheit, um ihn im nächsten Moment mit fester Stimme aus der Komfortzone zu katapultieren. Zum schnörkellosen Showdown versammeln sich alle Mitspieler wie zum Tribunal auf der Bühne. Raskolnikow gesteht, das Spiel ist aus. Sehenswert.

www.landestheater-sh.de

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