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Kultur So liest sich der neue Milberg-Roman
Nachrichten Kultur So liest sich der neue Milberg-Roman
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17:08 03.05.2019
Axel Milberg erzählt in dem Romandebüt "Düsternbrook" seine Kindheitsgeschichte. Quelle: Christine Schroeder
Kiel

Zwischen Unbeschwertheit und Schatten entfaltet der Schauspieler Axel Milberg in seinem Romandebüt "Düsternbrook" die Erzählung seiner Kindheit in Kiel. Eine Leseprobe:

1 – Das grüne Auge

Blitze zuckten am Himmel, ein Donnerwetter zerbrach über uns, der Himmel zerriss zwischen schwarzen Wolken, und ein Lichtstrahl fiel von einer abgelenkten und törichten Sonne auf ein dreieckiges Rasenstück.

Und da stand ich, klein und dunkelblond auf grünem Grund und drehte mich, und die Welt drehte sich um mich.

Mit einer Musik fing alles an, sie hatte mich dorthin getrieben.

Auf einem kleinen Tisch, zu Hause neben dem Sofa, stand ein Radio, auf dessen Vorderseite ein ovales, wässriges Glasauge leuchtete, darunter Wörter wie Hilversum, Berlin-Ost, Monte Carlo und Beromünster. Wenn man an einem Rad drehte, wanderte ein Zeiger hinter dem Glas zu diesen Ortsnamen, und es zischelten und knirschten Stimmen, Orchester, dänische Sprache, Tanzkapellen, bis endlich diese Musik erklang, die ich jetzt so dringlich vernahm.

Ich erkannte, aus einem alten Radio kann bloß alte Musik rauskommen, natürlich.

Und Nachrichten von früher.

Ich summte mit, während ich mich drehte, und forderte alle mit wachsender Ungeduld auf, sich auch zu drehen.

»Die Musik singt, hört ihr das nicht? Kommt, los, tanzen, klatschen, klatschen!«

Eva und Elke, die Zwillingsschwestern von gegenüber mit den Zöpfen, mein Bruder Hans und Malte aus dem Nachbarhaus hörten nichts, fanden die weichen, fließenden Bewegungen von mir seltsam, und wenn sie sich überhaupt gedreht haben, dann drehten sie sich ab, und da ahnte ich, ich bin blöd und anstrengend für sie.

Meine Schwester Manuela wollte mir helfen und täuschte vor, sie höre auch Musik und taumelte und hüpfte ungelenk mit, war aber überhaupt nicht im Rhythmus. Also überhaupt nicht.

 

2 – Der Tod im Apfelbaum

Auf unserem Südbalkon drehte sich meine Mutter zu uns um und sagte: »Mein Ehering ist weg. Da war ein teurer Diamant dran. Beim Blumengießen ist er mir wahrscheinlich in den Garten geflogen. Wer ihn findet, bekommt hundert Mark.«

Sie hielt ihre rechte Hand hoch und schaute uns an. Manuela und Hans rannten in den Garten.

Ich suchte in den Blumenkästen, die sie gerade gegossen hatte. Der Ring blieb jedoch verschollen.

Aus dem Vorgarten rankte eine lila Klematis zwei Stockwerke hoch auf uns zu.

»Unser Haus hat einen Garten, warum also noch einen Kindergarten«, hatte sie entschieden und uns nicht zu anderen Gärtnern fortgeschickt. Wir blieben unter uns, all die Jahre, bis ich eingeschult wurde.

Am Abend war sie meistens von einem langen Tag mit uns erschöpft, und wenn Papa aus seinem Büro kam, sollten wir gleich schlafen. Selbst als ich noch nicht zur Schule ging, flüsterte sie – so ein abschließendes Flüstern war das, das schon mit einem Bein zur Tür raus war: »So, sagt euerm Vater gute Nacht und dann ab ins Bett!«

»Aber was mach ich dann?«, fragte ich.

»Kinder in deinem Alter brauchen zwölf Stunden Schlaf. Mindestens.«

»Aber ich bin überhaupt nicht müde.« Auch ich flüsterte.

»Ich bin Ärztin. Ich bin todmüde. Keine Diskussion.«

»Aber …«

»Schlaf jetzt. Und sag nicht immer aber.«

Aber …, aber die Sonne stand noch hoch am Himmel, auch auf den Straßen war was los, kein Lärm, nicht in Düsternbrook, die Nachbarn begannen ihren Abend vorzubereiten, gedämpfte Stimmen versprachen eine Steigerung von Vergnügen, man trug was in die Gärten, Autotüren wurden zugeschlagen, und wir Geschwister sollten schlafen. Keiner von uns war müde, wir waren unruhig und gingen in der Schlafetage unterm Dach auf Entdeckungsreise.

Für Kinder ist Schlafen gehen Sterben.

Wir waren in einem abgedunkelten Zimmer, aber Hans fand die Nachttischlampe, es gab Licht. Manuela schmierte Nugat in ein Loch in der Tapete und verputzte die Stelle sorgfältig. Sie wollte die nächsten Wochen beobachten, wie sich die Füllung verhärtete. Hans sortierte abgestempelte Briefmarken in seinem Album um. Seine Angeberpinzette zitterte, als es plötzlich knallte, weil die Jalousie nach oben schoss.

Knatz-Schnirr.

Ich war aus meinem Bett auf das Fensterbrett gekrabbelt und hatte an der Schnur gezogen. Das lackierte Holz über den Heizkörpern war rissig.

Es war mir zu dunkel im Zimmer gewesen, ich hatte den Bakelitknopf am Ende der Schnur mit meinen Händen gepackt, die noch so klein waren, dass da, wo die Knöchel sind, Kuhlen waren. Dann kurz abwärtsgezogen und losgelassen. Die Schnur wickelte sich dreimal um das eingerollte Rollo.

Ich schob mich an die Fensterscheibe. Der Garten schien leer zu sein. Hatten meine Eltern nicht was von Obst gesagt und: »Wir sind ja da, hinterm Haus, keine Bange!« Und was von Aufheben und Einsammeln geflüstert?

Ich suchte sie. Das Fenster ging nach Osten, von dort kam morgens erstes Licht durch die Ritzen, jetzt warf unser Haus einen Schatten. Im dunkelbraunen Zwielicht lag der Garten. Da waren nur schwarze Punkte, das letzte Obst an den blattlosen Bäumen. Der Schatten verdunkelte auch die nahen Beete und Sträucher.

Erst dachte ich, niemand da, eine leere Düsternis, aber dann entdeckte ich meine Eltern, ganz nah am Haus, direkt unter mir. Sie waren beschäftigt, hatten zu tun, da, wo zwischen dem Balkon und Mauervorsprung der Geräteschuppen war. Eine Schubkarre stand zwischen ihnen, und gerade schaute mein Vater prüfend hoch zum Baum mit den Äpfeln. Sie nannten sie Boskop.

Der Apfelpflücker, eine dürre Bambusstange, hatte an seiner Spitze einen weißen Beutel, der von einem gezackten Rand eingefasst war und lehnte am Pflaumenbaum.

Und in meiner Sorge, verlassen zu sein, sah ich etwas, was da nicht hingehörte.

In einer Astgabel des Boskopbaumes hockte ein Männlein in einem schwarzen Umhang, unter dem ich seine klapperdürre Gestalt erkennen konnte. Sein Kopf lauerte auf den spitzen Knien. Aus einem Märchen war es dort hingeraten.

Huhu. Es hatte gelbe Augen.

Ein Zauberspruch hielt es dort fest. Gefangen im Baum konnte es niemanden mehr abholen, niemanden mitnehmen.

Krumm und buckelig wartete es auf seine Befreiung aus der Astgabel. Keckernd, mit seiner hohen Stimme verhandelte es mit jedem, der in seine Nähe kam, um ihn schließlich mitzunehmen, das hatte mir mal jemand aus einem Buch mit bunten Bildern vorgelesen.

Aber es war viel weniger klug als die Guten, die nämlich in ihrer Liebe erfinderisch waren. Niemand stirbt von nun an mehr in meiner Welt, ich war mir sicher.

Ich sah, dass meine Eltern ihm den Rücken zuwandten. Sie sprachen miteinander. Ich wurde endlich ruhig, und plötzlich kam die Müdigkeit. Ein letzter Blick.

Und da nahm mein Vater den Apfelpflücker zur Hand, dessen schimmernder Greifkranz auf halbem Weg hoch zu mir am Fenster einen dunklen Punkt umschloss, eine leichte Drehung, und der Punkt war weg.

So sieht das Cover von Axel Milbergs Roman aus. Quelle: Piper Verlag

3 – Hörstörz auf Römö

»Vorsicht bei Abfahrt des Zuges von Gleis 6a. Zurückbleiben!« Die Stimme schepperte in den alten Lautsprechern, während im Kieler Hauptbahnhof der Zug nach Flensburg abfuhr. Der Himmel war grau, Nieselregen setzte ein, Räder rollten, Möwen kreischten.

Mir fielen die Augen zu. Die Möwen, sie sind noch …, warum streiten Möwen eigentlich immer, immer streiten sie … es ist doch genug da für alle …

Schon war ich eingeschlafen.

Da wird es hell, ich sehe leuchtend blauen Himmel, eingerahmt vom Dach meines Kinderwagens, an den oberen Ecken leicht abgerundet, ich liege in einem Weidenkorbgeflecht auf Rädern, und an den Rändern ist dieses mit gestärktem Leinenstoff eingefasst. So sind die Kanten gepolstert, und niemand kann sich stechen.

Es schieben sich langsam kleine weiße Wolken vor das Blau, von einer Seite zur anderen wandern sie, verändern dabei ihre Form, oh, ein Ball, nein, ein Ballon, ein Fischvogel, oh, und verschwinden dann. Grillen zirpen. Oliven, Lorbeer. Es riecht nach Zitronensaft und Teer. Langsam taucht ganz nah das Gesicht meiner schönen Mutter auf, sie macht schlangenartige Bewegungen. Ihre Arme umkreisen ihren Kopf, sie singt in einer fremden Sprache, sie tanzt für mich. Sie hat ein weißes Kleid an, und mit einem Tuch wirbelt sie herum, sie bewegt sich im Rhythmus dunkler, auf Kuhhörnern gespielter Klänge.

Ich kiekse vor Glück, da dreht sie sich noch schneller, lachend wirft sie den Kopf in den Nacken. Ich kann die Augen nicht abwenden, will hochgenommen werden, nimm mich, mir wird schwindlig. Meine Händchen patschen aufeinander. Jetzt schüttelt sie übermütig den Wagen. Nein, hör auf, das ist zu viel.

Mama ist eine strenge Königin, sie regiert, sie liebt und fordert.

Mein Weidenkorb wackelt.

Tuuuuut, schttt.

»Sieh mal da rüber.« Papa rüttelte an mir.

»Papa?« Ich öffnete die Augen.

»Das ist eine Dänin.«

Mein Vater beugte sich zu mir hinunter und flüsterte mir ins Ohr. Meine Augen blieben halb geschlossen, während ich eine Dame musterte, die uns im Zugabteil schräg gegenübersaß. Sie hatte ein elegantes Kleid an, seltsam, das sah ich sofort, ein kompliziertes Kleid, schwarz, aber es war sicher schwer zuzukriegen. Wäre ich schon vierzehn oder sechzehn oder älter gewesen, hätte ich gedacht, dieses Kleid wäre schwer aufzukriegen. Außerdem war die Dame gegenüber richtig alt, vielleicht fünfunddreißig, mindestens aber sechzig, schätzte ich.

»Warum ist sie eine Dänin?«, flüsterte ich zurück, wohl etwas zu laut, denn mein Vater beugte sich wieder zu mir. Diese Nähe gefiel mir, vielleicht hatte ich nur deswegen gefragt.

Er erklärte: »Däninnen rauchen Zigarren, sie rauchen gerne, ja, Zigarren und Zigarillos.«

Unser Zug fuhr bis auf die Insel Rømø in Dänemark. Im Norden von Sylt.

Mama war überarbeitet. Papa hatte seine acht Stunden im Büro und mittags eine Stunde geschlossen, aber Mama hatte nie geschlossen.

Sie halste sich auch zu viel auf. Ich hatte mitbekommen, dass sie die Putzfrau nicht mehr haben wollte. Am Abend hatte sie sich bei meinem Vater über sie beschwert. Und gab ein Gespräch wieder: »Frau Milberg, jetzt sagen Sie mal, soll ich den Staub von links nach rechts oder von rechts nach links wischen?« Nein. Meine Mutter wollte das Geld lieber für was anderes ausgeben. Unsere Kinderkleidung nähte sie, versorgte den Garten, kochte, kaufte ein. Hängte die Wäsche zum Trocknen auf, mangelte die Wäsche und sagte, tja, die Frau Schmeller geht zweimal die Woche zum Friseur, das spare ich lieber für einen Museumsbesuch oder einen Abend in der Oper.

Unser Hotel stand auf dem Strand. Bei Ebbe wich das Meer Kilometer zurück, verschwand am Horizont, und manche fuhren mit dem Auto bis auf das knallfeste Watt vor. Den ganzen Strandkram ausladen.

Unser großes Hotel war warm eingepackt in grauem Holz und hatte zur Meerseite einen einstöckigen Vorbau.

Kamen wir vom Strand zurück, sah ich durch die Fenster in den Frühstücksraum, wo wir am Morgen saßen und von unseren Tischen auf das Watt blickten, sah die Strandsegler, kleine Leute konnte ich am Horizont entdecken, das Meer war ein dünner Trennstrich zwischen Himmel und Schlick, wir hörten gedämpftes Rufen nach welchen, die wir nicht sehen konnten, weil sie noch am Haus rumlungerten und ungern den Windschatten verließen, den Wind scheuten, der sonst in den Ohren dröhnte.

Kam man aber von draußen zurück, in diesen Wintergarten hinein, drückte man mit beiden Armen die Holztüre auf und von innen wieder mit beiden Händen zu, damit sie einem nicht aus den Händen gerissen wurde. Staunend vertraute sich der Gast der Stille im Inneren an.

Morgens stand an der Wand des Frühstücksraums ein Morgenmads buffet, ein endloses Angebot. Ich sah Fisch und Fisch. Hering vor allem, in Sahne, mit und ohne Zwiebeln, mit Äpfeln, gebraten, in süß-sauer eingelegt, Krabben, oh Krabben, Mayonnaise, Zitronenscheiben, Kapern, gehackte Zwiebeln, Sahne in Kannen, Rollmöpse durchbohrt mit einem Holzstöckchen, geräucherte Schillerlocken, hart gekochte Eier, schon geschält, es war das Paradies, und man durfte so oft mit dem Teller hin, wie man lustig war.

Die ersten Male gingen wir zögernd zum Buffet, erwarteten, dass uns jemand ansprach, aufhielt, zurechtwies. Aber niemand erhob Einwände.

Doch mit jedem Tage unseres Aufenthaltes ließ unser Hunger nach. Bald kannten wir alle Varianten von Köstlichkeiten, die raren und teuren, die ungenießbaren, und irgendwann gab es nichts, was wir Kinder nicht mal probiert hatten. So bildeten sich Vorlieben und Wiederholungen, gegen Ende war Knäckebrot mit gesalzener Butter mein absoluter Favorit.

Hier waren wir für zwei Wochen mit Mama und meinen Geschwistern.

Beim ersten Mal waren wir alle mit dem Zug auf die Insel gefahren. Dann fuhr Papa mit dem Zug zurück und holte unser Auto aus der Werkstatt. Als er nun wieder da war und wir zum Strand wollten, parkte er die Isabella Borgward natürlich auch auf dem Watt, ein graues geschwungenes Auto mit einer Silberleiste, und meine Geschwister nahmen mich in die Mitte, damit ich nicht weggepustet wurde, oder Mama hielt mich an ihrer Hand, aber auch Papa streckte den Arm aus, über den er seinen schweren Bademantel gelegt hatte, und ich hielt beide fest.

»Wisst ihr, was Pinsebrade ist?« Meine Mutter unterbrach ihn sofort: »Ja, Klaus, du hast jetzt so oft gefragt. Pinsel ist der Dings, äh, also beim Hirsch sein, na ja, der Däne nennt Pfingsten Pinse, es ist also ein Pfingstbraten und nicht vom Rothirsch sein bestes Stück.«

Mama war immer verärgert, wenn jemand von dem Schnippedillerich sprach, also dem Piephahn, sie hatte auch im Medizinstudium bei den anatomischen Prüfungen absichtlich falsch geantwortet, als es zu den Geschlechtsteilen Fragen gab, obwohl sie die Antworten wusste.

Dann war Papa wieder zurück nach Kiel gefahren. Nicht mit dem Zug, diesmal hatte er das Auto genommen.

»Kannst du deine Frau nicht leiden, geh zu Milberg, lass dich scheiden.« Diese Reklame hing in den Kieler Straßenbahnen, schmal und lang über den Seitenfenstern, man konnte sie sehen, wenn man nach den Halteschlaufen griff, um in den wenigen Kurven, die Kiel hatte, einen sicheren Stand zu haben.

Der Satz ermutigte manch unzufriedenen Ehemann, dem Angebot eines Kieler Anwalts zu folgen.

Es waren natürlich nicht nur Männer, die mein Vater vertrat, auch Frauen suchten seinen Rat.

Nicht nur bei Scheidungen, keineswegs, auch im Strafrecht war mein Vater als Anwalt gefragt und stand als Verteidiger in seiner schwarzen Robe vor Gericht.

»Ich vertrete gerade einen jungen Vater wegen Totschlags.« »Was hat der denn gemacht, Papa?« »Der hat sein Kind an die Wand geschmissen.« Ich war Papas Kind und dachte, es ist nicht richtig, dass er dem hilft.

»Sooo, dein Vater ist also Rechtsanwalt?«, hatte eines Tages der Lehrer meines Bruders heimtückisch wiederholt: »Soso – und was macht er da den ganzen Tag?« Hans hatte natürlich keinen Schimmer und musste, so wie ihn die ganze Klasse anstarrte, irgendwas sagen. Er dachte lange nach und erinnerte sich schließlich, wie wir alle Papa mit dem Gewehr nach Hause kommen sahen, meist mit einem tropfenden Rucksack, und draußen war es gerade dunkel geworden. Er roch dann nach Zigaretten und Wald. Ja, jetzt war es Hans klar: »Papa geht auf die Pirsch und steht dann rechts an Wald!«

Wir hatten uns den ganzen Tag auf Rømø vor dem Wind versteckt. Mama war besonders empfindlich und schimpfte mit uns, wenn die Kopftücher verrutschten.

Jetzt lag sie im Hotelzimmer auf der einen Seite des Doppelbetts. Wir drei Kinder standen am Fußende und betrachteten sie. Es war still im Zimmer. Ein dänischer Arzt beugte sich über sie. Schnüre hingen aus seinen Ohren, die mattgrau glänzten, auch ein silbernes Metallteil war am anderen Ende, so ähnlich wie bei Papas Isabella Borgward.

Aber der Wagen war nicht da und er auch nicht. Nur wir drei. Und diese liegende Frau, die in ihrer Hinfälligkeit nur wenig an meine Mutter erinnerte.

Das Fußende des Bettes war ein ovales weißes Holz, auf dem Bettkasten aufgesetzt, und bildete einen Schutz, für die Mutter vor ihren Kindern und für uns Kinder vor ihrer Mutter. Stirbt sie etwa? Wir alle hatten große Angst. Das geht ja gar nicht, so plötzlich, sie trug doch auch immer Mütze im Sturm.

Der Arzt nahm die Schläuche aus seinen Ohrlöchern und drehte sich langsam zu uns um. Er schaute besorgt, seine Stirn lag in Falten. Er war hübsch anzusehen. Ihn hatte das lange Vorbeugen hinunter zur Kranken mächtig angestrengt.

»Pludsligt Høretab, ähemm, also, hört ihr jetzt mal, eure Mutter … Ja, sie ist sehr erschöpft. Sie sagte mir, sie braucht viel Erholung. Sie hat sich übergeanstrengt. Sie ist ja auch eine Kollegin, eine Doktorin. Ja, also, das weiß ich natürlich nicht genau, aber ihr Kinder müsst sie, ihr müsst also, ja, sie wird euch schon sagen. Hört ihr? Ich werde unten ein Rezept abgeben, versteht ihr, unten im Hotel, und dann wird man etwas aus der Apotek holen. Und seid artig mit eure Mutter.«

Er ging zur Zimmertür, viel Ruhe, ja, viel Ruhe, und wir drängten uns um unsere Mama. Sie wartete, dass sich die Zimmertür schloss, dann sprach sie sehr leise und klar: »Wisst ihr, ihr seid schuld, dass ich auf einem Ohr ein andauerndes Pfeifen habe und nicht mehr richtig höre und bald gar nichts mehr höre. Ihr seid ungezogen und helft nicht, und immer seid ihr viel zu wild und zu laut. Das kommt davon, ach ja, ich bin zu gutmütig und lasse mir auch alles gefallen.« Ich dachte an den Doktor und dass er diesen Schlauch aus seinen Ohren gezogen hat, und der Schlauch war genauso grau wie unser Auto, mit dem Papa weggefahren ist.

Da gab es einen geheimen Zusammenhang. Ich würde das schon noch herausfinden.

Ich sah nicht mehr in das Gesicht von unserer Mutter, mein Blick ging zur Bettdecke, über den Holzboden aus dem Fenster auf das Watt, und da hinten stand mein Vater in der Ferne und winkte mir zu, nur mir. Ich sollte zu ihm laufen. Aber Papa, das kann ich nicht, das wäre ungezogen.

Er war nicht da draußen. Er war auf Jagd. Aber hier im Zimmer war etwas, das zurückgelassen wurde. Diese Schnur, die sich der dänische Arzt in die Ohren gesteckt und im Zimmer vergessen hatte. Ich nahm sie vom Bettende in meine linke Hand, beobachtete meine Mutter, die müde Richtung Fenster schaute, und ging zum Schrank. Ich öffnete die knarrende rechte Tür. Ich sah drei, vier helle Sommerkleider auf Holzbügeln.

An der Innenseite der geöffneten Schranktür war ein Spiegel. Ich machte die Tür langsam weiter auf, bis ich das Gesicht meiner Mutter in den Kissen entdeckte. Dann steckte ich mir die zwei Schlauchenden in die Ohren, hielt das runde Metallstück an den Spiegel, sodass es aussah, als würde ich die Brust meines Spiegelbildes abhören, und runzelte kritisch die Stirn, genau wie der Doktor es gemacht hatte.

Ich räusperte mich und sagte: »Höretabb, Göretabb.« Die Frau in der Schranktür öffnete den Mund und dachte nach. Hinter ihrem Staunen verbarg sich ein Lächeln.

4 – Sonne, Mond und Sterne

Es war nicht teuer gewesen. Gut, teurer als unsere Höhensonne war der Ferienbungalow schon.

Es gab plötzlich ein Haus auf einer Insel im Mittelmeer, das mein Vater angemietet hatte, und damit überraschte er meine Mutter. »Von einem Anwaltskollegen«, meinte er.

»Bah, diese Putzfraueninsel, da wollte ich nie hin!« Meine Mutter träumte von Capri oder Ischia.

»Aber es soll wunderschön sein. Man muss sich nur auskennen! Außerdem, nichts gegen Putzfr…, also gegen eine Hilfe im Haushalt.«

Und dann fuhren meine Eltern mit uns drei Kindern an einem Junitag von Kiel auf der Bundesstraße 404 nach Hamburg, wir stiegen in ein Flugzeug mit lauter anderen Familien und flogen über die Alpen. Ich beugte mich über meinen Bruder, der natürlich am Fenster saß, und sah Berge mit Schnee.

Als der Pilot auf einer kleinen Insel landete, klatschten alle plötzlich, auch meine Eltern und wir. Dann warteten wir auf die Koffer, fuhren mit einem Bus in einen Vorort, gingen durch ein hohes Gitter und mieteten in einer Baracke an einem Parkplatz ein billiges Auto von Hasso.

Zwischen Manacor und Porto Christo war nur rötlicher Schotter auf der Straße. Es staubte, es gab Schlaglöcher, Manuela wurde schlecht, die Scheiben waren beschlagen, hungrig und durstig kamen wir in der Playa Romantica an, fanden Miguels Haus und erbaten den Schlüssel. »Si, bienvenido. Pero …« Es dauerte eine Weile, bis wir verstanden. Miguel konnte ganz gut Deutsch, denn viele Rentner und Sonnenhungrige waren aus Deutschland hier. Sie hatten eines der Häuschen in der Siedlung erworben, und manche überwinterten hier sogar.

Das Haus war einstöckig, hatte blaue Fensterläden, die Zimmer hatten Steinböden, und im Garten standen Kakteen. Und ein hoher Baum gab etwas Schatten.

»Eucalipto! Dann keine Mücken im Haus, verstehen?«, erklärte uns Miguel mit lauter Stimme, während er die Fenster schloss. Leiser ergänzte er, dass in das Haus eingebrochen worden war. Der Einbrecher hatte hier gewohnt und geschlafen und war in seinem Bett tot aufgefunden worden.

Gestern erst, als Carmen und ihre Freundin für uns sauber machen wollten, da hatten sie ihn gefunden.

Als Mama uns am Abend alle ins Bett gebracht hatte, konnte ich nicht einschlafen.

Ich dachte an den toten Landstreicher.

»Ssssst!« Mein Vater machte im Halbdunkeln ein Zeichen und stellte sich in die Tür, hinter der die Außentreppe aufs Dach führte.

Ich stand leise auf, dass meine Geschwister nicht wach wurden, und schlich ihm nach.

Es wurde plötzlich laut, der Lärm der Zikaden zischelte und alles funkelte. So viele Sterne gab es in Kiel nicht. Wie sie zwinkerten und glänzten. Da war kein Schleier, keine Wolke. Nichts Ungenaues.

Mein Papa hatte die Brille zur Seite gelegt.

Wie immer, wenn etwas Nahes zu betrachten war.

Aber diesmal lagen wir beide auf dem Rücken und schauten in den Sternenhimmel.

Er schob seinen Unterarm unter seinen Hinterkopf und begann leise: »Ich dachte immer, um uns sind die Besucher aus dieser großen Welt. Man trifft vielleicht mal jemanden. Aber ich habe sie nie gesehen. Es ist wie mit dem Einbrecher heute. Er war da, aber wir haben ihn nicht gesehen.«

»Aber Spuren von ihm, die haben wir gesehen«, flüsterte ich. Zwischen seinen Sätzen waren lange Pausen. Es klang wie in der Kirche.

»Spuren von ihm, ja genau. Weißt du, entweder gibt es die anderen Sternenbewohner nicht. Oder sie existieren, aber ich sehe sie nicht, weil Menschen sie einfach nicht sehen können. Sie sind für uns Menschen unsichtbar, weil … es gibt mehr Naturgesetze als die paar, die wir in unserer überschaubaren Welt herausgefunden haben. Aber so wie die Wissenschaftler immer sagen, die Regeln gelten überall – also Atome, Wasserstoff, Kohlenstoff, Staub, Bewegung, Abstände, Energie, Temperatur –, sie bestimmen die Möglichkeit für Leben, das ist vielleicht Kokolores.« Mein Vater machte seine typische Handbewegung, als würde er eine Fliege verscheuchen, die es nicht gab.

»Wir sehen Körper, Lichtwellen, Farben und Bewegung. Formen.«

»Papa?«

»Ja?«

»Mir ist kalt.«

»Weißt du, es ist einfach völlig unmöglich, dass bei diesen Trilliarden von Sternen wir die einzigen Lebewesen sind. Wesen sind, ja – nennen wir sie Wesen.«

»Papa, glaubst du, sie sind böse?«

»Ob sie böse oder gute Absichten haben, ist eine menschliche Frage. Vielleicht haben sie gar keine Absichten. Sie sind einfach da und haben keinen Plan.« Mein Vater lachte kurz auf, drehte sich zu mir und blickte mich zärtlich an.

»Und damit kommen wir zu dir.«

Das Haus war ein kleines Haus und hatte diesen Dachgarten.

Ich fand, Papa hatte auch einen Dachgarten, es waren ihm die Haare schon früh ausgefallen, er hatte drumrum welche, aber nicht oben. Er trug Hut oder Kappe, besonders im Sommer. Heute war es am Mittag einundvierzig Grad gewesen. Zu heiß für meinen Vater, der die Hitze nicht vertrug. Endlich muss ich nicht frieren, hatte meine Mutter gesagt, die in Rio geboren war und glaubte, die ersten Lebensjahre dort hätten sie geprägt, und die im kalten Kiel die Wärme ihrer Kindheit nicht vergessen konnte.

Hier auf unserer kleinen Dachterrasse war gerade der beste Platz der Welt, das wusste ich.

»Was hast du gesagt? Dir ist kalt?«, fragte Papa mich.

»Ich weiß nicht mehr.«

Ich verstand nicht alles von dem, was mein Vater erzählte. Die Sache mit der Temperatur und den Entfernungen, die es braucht, um Leben entstehen zu lassen. Mir war klar, dass wir nicht allein waren. Natürlich waren wir das nicht. Aber das war nicht so wichtig, denn ich fühlte mich in diesem Augenblick sicher und geborgen neben meinem Vater. Unter dem funkelnden Sommerhimmel rutschte ich noch ein wenig näher zu ihm.

Die Außerirdischen sind wie Einbrecher in unsere Welt. Und wieder dachte ich an ihn, der gestern hier im Haus gefunden wurde.

Tot. Erstickt an seinem Erbrochenen. Er hatte Feigen gegessen und diesen süßen Sekt getrunken. Freixenet. Mama sprach manchmal von etwas, was sie Fröschenée nannte. Das verträgt sich nicht mit angegorenen Feigen, sagte sie.

Die Flasche stand noch da, leer getrunken, mit einem blassgrünen Etikett.

So ein süßes Zeug, hatte sie gesagt.

Bevor wir ins Haus gekommen waren, hatte Carmen schon alles aufgeräumt. Sie war die Frau von Miguel und Wirtin von der kleinen Kneipe auf der anderen Straßenseite, die auch »Carmen« hieß, und sie kümmerte sich um unser Ferienhaus. Das Einzige, was noch an den Einbrecher erinnerte, war ein schwarzes Brillengestell auf dem Nachttisch.

Obwohl es nicht stank, hatten wir eine Flasche 4711 auf dem Boden zwischen unseren Betten zerschlagen. Danach roch es im Schlafzimmer, als mich mein Vater zurückbrachte.

Vor dem Einschlafen deckte meine Mutter uns alle noch zu.

Ich war überrascht, als sie sagte: »Mir tut der Mann leid. Der arme Mann. Ein Einbrecher ohne Familie, ohne Wohnung, er wollte es auch mal schön haben. Ich hätte ihn gerne kennengelernt.«

Ein Interview mit Axel Milberg lesen Sie hier.

Axel Milberg: Düsternbrook. Roman. Piper Verlag, 288 Seiten, 22 Euro

Von KN-online

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