Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Gershwin-Best of mit einer Prise Musette
Nachrichten Kultur Gershwin-Best of mit einer Prise Musette
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:17 29.09.2019
Von Christian Strehk
I got rhythm: das Gershwin-Ensemble mit "Ein Amerikaner in Paris" im Kieler Opernhaus. Quelle: Olaf Struck
Kiel

Paris galt schon dem Feuilletonisten Ludwig Börne als das Ziffernblatt Europas: Man erkennt dort stets die Zeitläufte, noch bevor man hört, was die Stunde geschlagen hat. So erging es auch dem begnadeten amerikanischen Komponisten George Gershwin, als ihm 1928 in der französischen Hauptstadt zwischen nervigen Autohupen und der allseits erträglichen Leichtigkeit des Seins aufs Schönste der kreative Kopf schwirrte. Und so ging es der Welt, die dort nach ihrem Kriegstrauma in den 50er-Jahren Aufbruchstimmung atmete.

Tanztheater nach Gershwin mit konkreterem Plot

Hollywood ließ dieses Gefühl mit dem Traumpaar Gene Kelly und Leslie Caron schon 1951 zu einem grenzwertig handlungsarmen, aber bilderreichen Filmmusical-Hit gerinnen. Erstaunlich spät, erst 2014 im Pariser Chatelet, wurde ein sehr geschickt mit mehr Plot und Bühnenblut von Craig Lucas aufgefrischtes Tanztheater aus der sinfonisch angejazzten Keimzelle "Ein Amerikaner in Paris".

Bejubelte Premiere der Deutschen Erstaufführung

Das Theater Kiel hat davon tatsächlich die Deutsche Erstaufführung an Land gezogen – und glänzt mit einer sehr charmanten, reich bejubelten Premiere. In ihr reißen zwar allemal auch Broadway-taugliche Show-Tableaus mit Steptanz-Lines und allerlei Synchrongewirbel mit. Vor allem aber sind die starken, gegenüber dem Film noch vermehrten George- und Ira-Gershwin-Songs organisch eingebunden. Dass sich entsprechend "I got rhythm"-Impulse, aber auch Nonchalance und Melancholie breit machen, liegt einerseits an der mal genießerisch, mal cool pulsierenden Philharmoniker-Kapelle unter der spürbar animierenden Leitung von Daniel Carlberg. Mit zusätzlich präsenten Akkordeon-Klängen wird noch eine Prise Musette und Chanson beigemischt.

Hellhörige Choreografie und Personenregie

Zudem gelingt es der Choreografin und Regisseurin Ricarda Regina Ludigkeit, hellhörig mit der Musik mitzuatmen. Die Bühne von Hans Kudlich wandelt im Handumdrehen mit rollenden und hängenden Elementen die Szene. Und ähnlich wie die Kostüme von Gabriele Heimann sorgen riesige Nachkriegsfotos unter dem Eiffelturm-Bogen für Nostalgiegefühle aus der Seine-Metropole.

Regisseurin Ludigkeit profiliert die Figuren

Ludigkeit hat sichtlich Freude an der songnahen und texttreuen Profilierung der sprechenden und singenden Tänzer. Herman Bedke erinnert als einsamer, letztlich doch nur mit seiner Musik und dem Klavier verheirateter Komponist und Erzähler Adam Hochberg stark an Gershwin höchstselbst. Sein steifes Bein lässt aber nie vergessen, dass der fatale Krieg noch nicht lange her ist.

Eindrücke von der Deutschen Erstaufführung von "Ein Amerikaner in Paris" am Kieler Opernhaus.

Umso unversehrt vitaler wirkt Peter Lesiak als lebensgieriger Maler Jerry Mulligan: Dieser amerikanische GI in Paris vergaloppiert sich fohlenhaft zwischen seiner flammenden Liebe zur jungen Ballett-Entdeckung Lise Dassin und den künstlerischen Chancen, die ihm die stinkreiche Mäzenatin Milo Davenport (sehr schön divenhaft: Léonie Thoms Salfeld) nicht ganz uneigennützig eröffnet. Anders als im Film wird er als Ausstatter in die Tanztheater-Produktion einer – na klar – russischen Compagnie eingebunden. Dass dadurch stilistisch Ballett und Musical-Dance etwas unscharf durcheinander geraten – geschenkt.

Lynsey Reid als Lise Dassin

Die neue Prima Ballerina Lise, der Lynsey Reid als Figur und in Bewegung schwebende Leichtigkeit verleiht, braucht Zeit, sich aus einer moralischen Klemme zu lösen: In Zuneigung fühlt sie sich als Jüdin dem Resistance-Kämpfer Henri Baurel verpflichtet, dessen großbürgerlich aufrechte Mutter (köstlich schnippisch: Alice Wittmer) sie vor den Nazis versteckt hatte. Doch Henri, den Sascha Stead in eigener Lebensglück-Sache trefflich kleinmütig zeichnet, muss sich selber erst frei machen – im Coming-out als homosexueller Chansonnier ...

Deutsche Dialoge, englischsprachige Songs

Gesungen wird durchweg sehr ordentlich, wenn auch nicht überwältigend. Das liegt vielleicht auch an der an sich angenehm dezenten Verstärkung: Mitte rechts im Parkett tönten die Stimmen etwas zu distanziert. Dennoch funktioniert das Nach- und Durcheinander von deutschsprachigen Dialogen und englischen Songtexten der Evergreens, (Wieder-)Entdeckungen und geschickt arrangierten orchestralen Meisterwerken bestens. Ein Zweieinhalb-Stunden-Abend mit Charisma!

Termine, Karten

Ein Amerikaner in Paris: Termine in Kiel

Opernhaus Kiel. Termine am 6. (Restkarten), 12., 15. und 17. Oktober, 21. November, 18. sowie 22. Dezember. Weitere 13 Termine im neuen Jahr 2020. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

Mehr zur Kultur in der Region lesen Sie hier.

Fans der Autoren Peter Prange und Sebastian Fitzek haben allen Grund zur Freude. Denn die beiden deutschen Bestseller-Garanten arbeiten eigenen Angaben zufolge an einem gemeinsamen Buch. Dabei soll es sich um einen Thriller handeln.

29.09.2019
Kultur Molitors Architekturfotos Das Bauhaus-Welterbe

Seit zehn Jahren spürt der Berliner Fotograf Jean Molitor in der ganzen Welt den Erben des Bauhauses nach. 100 Jahre nach Gründung der Weimarer Kunstschule stellt das Kulturforum S-H nun sein Kunstprojekt bau1haus mit 44 Abbildungen zur – überaus reizvollen – Ästhetik moderner Bauten vor.

Konrad Bockemühl 29.09.2019
Kultur Konzert in Nikolaikirche Königreich im Großformat

Ein in jeder Beziehung großartiges Konzert durften das Publikum in der vollbesetzten Nikolaikirche erleben. Gunther Strothmann, Kieler Arzt, Musiker und Carillonneur, hat sich mit der Aufführung von Edward Elgars Oratorium „The Kingdom“ einer Aufgabe von wahrhaft biblischem Ausmaß gestellt.

Thomas Richter 29.09.2019