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Kultur Verneigung vor dem Lehrer
Nachrichten Kultur Verneigung vor dem Lehrer
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18:34 23.08.2019
Von Sabine Tholund
Klassentreffen 2019 der Koblasa-Schüler im Atelierhaus: v.li. Bertrand Freiesleben, Uschi Koch, Ingo Warnke, Pipe Lange, Heinz Teufel, Tobias Regensburger, Nana Schulz, Dieter Stolte, Jo Kley, Zuzana Hlinakova und Volker Tiemann. Quelle: Marco Ehrhardt
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Kiel

Jan Koblasa (1932-2017) gründete 1969 die Bildhauerklasse an der heutigen Muthesius Kunsthochschule. Bis 1996 wirkte er dort als Professor und prägte mehrere Generationen von Studenten. „Jedes Jahr ist er mit seinen Studierenden in den Steinbruch gefahren. Das sorgte für einen besonderen Zusammenhalt. Wir haben auch nach dem Studium Kontakt zu ihm gehalten und stehen bis heute im Austausch untereinander“, sagt Zuzana Hlinakova, die in den 80er Jahren bei ihren tschechischen Landsmann studierte. „Nach seinem Tod haben wir überlegt, wie wir seiner gedenken könnten.“ Eine Gemeinschaftsausstellung sollte es sein, es fehlte nur der geeignete Raum.

Wie ein Who-is-Who der hiesigen Kunstszene

Mit dem Atelierhaus hat das Organisationstrio, dem neben Hlinakova Uschi Koch und Aurel Rückner angehören, jetzt einen wunderbaren Ausstellungsort gefunden –das angrenzende Kesselhaus bietet zusätzlichen Platz. Nicht weniger als 35 Künstler, einige sind bereits um die Siebzig, andere erst in den Vierzigern, sind an der Schau beteiligt. Die Teilnehmerliste, auch mit Namen bereits verstorbener Künstler wie Ioerg B. oder Ben Siebenrock, liest sich wie ein Who-is-Who der hiesigen Kunstszene: Heinz Teufel, als Erfinder der „Diavographie“ bekannter Fotograf, ist dabei, die Bildhauer Ingo Warnke und Ulf Reisener sowie – als Jüngste im Bunde – die Flensburgerin Inga Momsen. Frisch aus der Werkstatt hat Steinbildhauer Jo Kley zwei amorph geformte Objekte mitgebracht, Tobias Regensburger zeigt eine seiner herrlich schrägen Großplastiken aus zusammengesuchten Gegenständen, Insa Winkler eine kritische, multimediale Arbeit zur industriellen Tierhaltung.

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Steinerne Clownsschuhe und Holzschleifen

Der Rundgang, durch Leihgaben der Stadtgalerie komplettiert, ist im besten Sinne des Wortes vielfältig. Da gibt es grafische Arbeiten von Jörg Haberland, die aussehen, wie einem altertümlichen Medizinbuch entnommen, die kindlichen Skulpturen von Uschi Koch und Susanne Schill aus Beton und Stein wirken erstaunlich zart und verletzlich, lustig ist ein buntes Ungetüm von Fritzi Metzger im Hof. Im Kesselhaus liegen zwei überdimensionale Clownsschuhe, geschmeidig aus dem Stein herausgearbeitet von Peter Goitowski alias Goi. Volker Tiemann lässt eine lackierte Holzschleife von einem Turm aus Hockern wehen und Nana Schulz präsentiert einen sehenswerten Animationsfilm in Stop-Motion-Technik, der ein sehr dünnes Holzmännchen beim Aufbau einer Orgel zeigt.

Die kompakte Formensprache des Lehrers

Der Eingangsbereich ist dem Meister selbst vorbehalten. Die Ausstellungsmacher haben hier unter anderem eine kleinformatige Holzskulptur aufgestellt, deren kompakte Formensprache durch eine Bemalung in schrillen Neonfarben konterkariert wird – eine der letzten bildhauerischen Arbeiten von Jan Koblasa, der an diesem besonderen Klassentreffen sicher seine Freude gehabt hätte.

Heiligendammer Str. 15. Eröffnung Fr. 23. August, 19 Uhr. Bis 22. Sept. Fr + Sa 15-18, So 12-18 Uhr. Finissage: 22.9, ,15 Uhr mit Künstlergespräch.

Die Frage nach

der großen Form

Auf die Frage, was Jan Koblasa als Lehrer ausgemacht hat, fällt beinahe jedem seiner ehemaligen Studierenden etwas ein. „Es gibt viele Geschichten zu erzählen“, sagt Zuzana Hlinkaova. „Er war sicher speziell. Und er hat uns herausgefordert.“ Eher wortkarg sei er gewesen, darüber sind sich alle einig. „Seine Korrekturen waren eher spärlich“, so Pipe Lange. Aber unmissverständlich. So habe er einmal, nachdem seine Studenten ein Semester lang an Porträtbüsten gearbeitet hatten, kurzer Hand zu einer großen Holzlatte gegriffen und das Ergebnis wochenlanger Arbeit mit ein paar wuchtig ausgeführten Schlägen „korrigiert“. „Aus dem Grundstudium habe ich zwei Sätze von ihm mitgenommen“, erinnert sich Heinz Teufel, der zur ersten Kieler Schülergeneration des Tschechen gehörte: „,Sehen Sie die große Form?’ lautete der eine, ,Das Ding muss Spannung haben’, der andere.“ Dass in den Wortbeiträgen des Lehrers die Würze in der Kürze lag, hat auch Jo Kley erfahren: „Er sagte nicht viel, aber wenn, dann musste man gern mal drei Wochen darüber nachdenken.“ Verdient gemacht hat sich ihr Lehrer, der immer darauf achtete, dass seine Klassen nicht zu groß wurden („Ihr müsst schließlich irgendwann alle davon leben können“) in vieler Hinsicht um seine ehemaligen Schüler. Kley: „Er hat für einen Zusammenhalt im Klassenverband gesorgt. Auch Jahre nach unserem Studium hat er uns regelmäßig zu sich nach Hause eingeladen. Das haben wir alle sehr genossen.“