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Kultur Ein bisschen Wahnsinn
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00:15 09.04.2013
Von Beate König
Profis am Pult und in den Soli: Georg Fritzsch und Susan Gouthro Quelle: ehr
Kiel

„Es wird ein zirzensisches Erlebnis“ hatte Dirigent Georg Fritzsch die Zuhörer auf ein lyrisches Oboen-Solo, ein optimistisch strahlendes Trompeten-Solo, einen effektvoll krachenden Orgeleinsatz, lebendig pulsierende Streicher vorbereitet. Und auf den Chor, der nach Kräften 120 Seiten Notenmaterial dazu powerte.

 Mit McCartneys 2004 erstmals uraufgeführtem Werk war das Ecce cor meum-Projekt noch ambitionierter als die vorangegangenen Mitsing-Events mit Carmina Burana und Mahlers Auferstehungssinfonie. Die Präsidentin des Landessängerbunds Heide Simonis hatte insistiert und das Theater vom musikalischen Erlebniswert überzeugt, so Fritzsch.

 Gearbeitet wurde nach bewährtem Muster: Leseprobe Freitagabend, Einzeltraining für alle Stimmen am Sonnabend Vormittag, Tutti-Probe mit Generalprobe im Anschluss bis elf Uhr nachts, sonntags Konzert. „Es ist ein bisschen Wahnsinn dabei und es ist ein Wagnis,“ resümierte Fritzsch nach der Generalprobe. In der Tat: Mehr Probenzeit hätte den Hör-und Singgenuss mit Sicherheit erhöht.

 Choreinsätze auf jeder Seite der Partitur hieß die Herausforderung für Sänger, die teils 850 Kilometer zum Mitmachkonzert gereist waren. Ein Tenor strich da schon am ersten Probenabend die Segel. Anders Henrike Petersen; der Heikendorferin stand Begeisterung im Gesicht geschrieben: „Es ist beglückend, gemeinsam zu singen.“ Und noch anders Amelie Wittmold: „Die Musik ist im ersten Moment langweilig, weniger poppig. Erst durchs Selbersingen wird das Oratorium schön.“ Neugier auf McCartneys Komposition hielt sie bei der Stange.

 Die Musik des Ex-Beatles hat es beim zweiten Hören in sich. Jahrhunderte musikalischer Tradition glitzern zwischen den modernen Harmonien. Eine Anmutung von Gregorianik, zwei Läufe in einer Kirchentonart, ein Stück Choral, ein Thema aus einer Bach-Invention mischen sich mit duftigen Debussy-Impressionen, Quarten wie aus Carl Orffs musikalischem Setzkasten, Clusterklängen und Minimalmusik. Beatles-Kenner hören Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band und Let It Be, Filmfreunde Herr der Ringe und Phantom der Oper.

 Chordirektorin Barbara Kler, ihr Vorgänger David Maiwald, Gerd Herklotz, Michael Nündel und Kapellmeister Leo Siberski gingen in dem Stil-Amalgam weniger auf Spurensuche, sie bimsten mit den Sängern Töne. Maiwalds Trick: Entspannung per Ninja-Kampfsprung. Gut, um die Mitte zu finden und die Schultern zu lockern, versicherte der Ex-Kieler den Sopranen. Mit „Aktiv!Aktiv!“-Rufen erhöhte Barbara Kler die Einsatzfreude im Alt deutlich.

 Die wurde in den Orchesterproben gebraucht. Love, Joy und Peace sollten auswendig präsentiert werden können. Die 30 Jungs des Knabenchors der Chorakademie Dortmund machten vor, wie es geht: Perfekt vorbereitet, waren die auswendig singenden Gäste vom ersten Ton an eine tragende Säule in Probe und Konzert.

 Großartige Momente im Konzert, das partienweise deutlich besser gelang als der Klangrausch in der Generalprobe: 450 Kehlen erzeugen ein samtigsanftes Summen, in das Oboist Matthieu Gonon ein berührendes Solo im Interlude betten kann, dem Satz, den McCartney seiner verstorbenen Frau Linda widmete. Großartig Susan Gouthros schlank-fröhlicher Sopran, und wie 450 Stimmen das Sängergeständnis McCartneys (Music will show you my heart) teilen und in das grandiose Leuchten des zunehmend spannenden Finales Ecce cor meum mit Knaben, Orchester und Chor einmünden. Fazit: Ein großartiges Gemeinschaftserlebnis. Manchmal ist eine Portion Größenwahn ein Gewinn.

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