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Kultur Ein heiterer Melancholiker
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18:39 05.03.2009
Kaisborstel

Es ist fraglich, ob Günter Kunert der Charakterisierung als kreuzfideler Pessimist durch den Kollegen Biermann anlässlich einer gemeinsamen Lesung in Kiel vor einem Jahr zustimmen möchte. Als ich den Schriftsteller 1999 in dem Dörfchen Kaisborstel bei Itzehoe besuchte, um ihn wegen seines bevorstehenden 70. Geburtstags zu interviewen, bezeichnete er seine Grundstimmung als „heitere Melancholie“. Immerhin.

Kreuzfidel zu sein aber hat der Lyriker, Erzähler und Essayist Günter Kunert, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, auch wenig Anlass. 1929 in Berlin als Sohn einer jüdischen Mutter und eines bald sogenannten „arischen“ Vaters geboren, bezeichnet er sich schon gern einmal mit grimmigem Humor nach dem bekannten Likör „Mampe Halb und Halb“ als „Mampe“. Der nichtjüdische Vater rettete ihn, rettete die Mutter vor dem Gas in Auschwitz, in dem der Großteil der Familie Warschauer umkam. Wieder und wieder hat Kunert das Thema beschäftigt, und noch in dem vor drei Jahren erschienenen Gedichtband "Der alte Mann" spricht mit seiner Seele, wohl einem lyrischen Selbstporträt, klagt er: „Wer zählt / die Toten, nennt die Namen / solcher, die barfuß zu Asche / verkamen“, um an anderer Stelle sarkastisch zu formulieren: „Die Juden / sind unser Unglück. Warum / bin ich ohne Juden / nicht glücklicher?“

Kaum ein Wunder, dass Günter Kunert, der als Jugendlicher den Gaskammern entkommen war, der ständig bangen musste, dass dem Vater, seiner Lebensversicherung, in den Bombennächten von Berlin nichts zustoßen würde, weil man ihn sonst samt der Mutter „abgeholt“ hätte, wie der verschleiernde Euphemismus lautete, kaum verwunderlich, dass ein solcher der Katastrophe Entronnener 1949, mit 20 Jahren, in die SED eintrat. Die junge DDR gab sich im Unterschied zur Bundesrepublik, in der alte Nazis weiter Recht sprechen und in Amt und Würden bleiben durften, entschieden antifaschistisch. Kunert glaubte ihr, glaubte an das Versprechen des Sozialismus von einer gerechten Welt ohne Krieg.

Sein erstes Gedicht veröffentlichte der Student der Grafik mit 18 Jahren in einer Ostberliner Tageszeitung. Im Jahr seines Eintritts in die SED kam auch sein erster Gedichtband "Wegschilder und Mauerinschriften" heraus, der Bertolt Brecht und den Schriftsteller und Kulturminister Johannes R. Becher auf den jungen Lyriker aufmerksam machte. In rascher Folge kamen jetzt Gedicht- und Erzählbände heraus, der populäre Autor erhielt bedeutende Literaturpreise. Doch schon bald eckte Günter Kunert auch mit seiner Kritik am real existierenden Sozialismus bei Kulturfunktionären und der Parteiführung an. Trotzdem war er im System der DDR ein Privilegierter. Er durfte ins Ausland reisen und an amerikanischen und englischen Universitäten als Gastdozent und „Writer in residence“ agieren.

Doch als Kunert 1976 wie viele andere Schriftsteller und Kulturschaffende gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierte, war das Maß dessen, was die Parteiführung für gerade noch erträglich hielt, voll. Soeben in die Akademie der Künste aufgenommen, wurde er flugs wieder ausgeschlossen. Dass er auch aus der SED, in der er widerborstig trotz aller Kritik geblieben war, flog, versteht sich von selbst.

1979 folgte die Übersiedlung aus der DDR in die Bundesrepublik, aus Ostberlin, der „Hauptstadt der Republik“, nach Kaisborstel. Ob ihm der Umzug aus der Großstadt in die schleswig-holsteinische Provinz, in die flache Landschaft der Elbmarschen schwer gefallen sei, fragte ich ihn damals vor zehn Jahren. Günter Kunert lachte nur. „Ach i wo“, war die Antwort. „Ich brauche den Trubel nicht.“ Zur Heimat ist ihm Kaisborstel dabei nicht geworden: „Ich habe keine Heimat.“ Doch „zu Hause“ fühlt er sich sehr wohl.

Auch in der Bundesrepublik wurde Kunert mit seinen Gedichten, Erzählungen, Hörspielen und Essays schnell bekannt. In allen Genres überwiegt eine skeptische, aus Erfahrung geborene Haltung, auch ein abgrundtiefer Pessimismus, was die Zukunft der Welt und der Menschheit angeht. Kunert warnte schon vor der Klimakatastrophe, als die Mehrzahl der Politiker das noch für Panikmache hielt. So färbt der Zorn bis heute seine lyrische Stimme, wenn er, Brecht paraphrasierend, schreibt „ gedenket meiner mit Nachsicht / wie ich eurer / unnachsichtig gedenke.“ Nein, kreuzfidel ist Kunert bei der Betrachtung der Zeit- und Weltläufte nicht geworden. Der grimmige Humor aber ist ihm geblieben. Was von ihm bleiben wird? „Am Anfang war das Wort, am Ende / das Antiquariat.“

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