Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Ein präziser Puppenspieler
Nachrichten Kultur Ein präziser Puppenspieler
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 12.07.2013
Von Christian Strehk
Der Dirigent Krzysztof Urbanski, erst 1982 in Polen geboren, fasziniert mit Geist, Herz und Autorität. Quelle: Axel Nickolaus
Büdelsdorf

Umgeblättert wird ausschließlich im Kopf, dort wo Krzysztof Urbanski die riesige Partitur von Dmitri Schostakowitschs Zehnter Symphonie derart detailgenau abgespeichert hat, dass er mühelos auswendig Einzelnoten, Lautstärke-Angaben und Artikulationswünsche abrufen kann – und auch noch exakt alle Taktzahlen parat hat.

Am Rande der Nordart tobt sich nun auch wieder die Schwesterkunst aus: In der ACO-Thormannhalle hat das Schleswig-Holstein Festival Orchester seine Tutti-Proben aufgenommen. Am Pult steht ein Phänomen: Der Dirigent Krzysztof Urbanski, erst 1982 in Polen geboren, fasziniert mit Geist, Herz und Autorität.

 Solch frappierende Hirnakrobatik garantiert noch keine gute musikalische Ausbeute, doch auch die lässt nicht auf sich warten. Der smarte Pole am Pult hat nämlich ganz präzise Klangvorstellungen und reagiert mit schmerzverzerrter Mimik und hartem Abklopfen, wenn ihm das Gewünschte von den jungen Musikern nicht gleich geboten wird. Auf der anderen Seite kann man ihn auch glücksstrahlend erleben, wenn das frisch aus aller Herren Länder zusammengesetzte Orchester Schostakowitschs extrem virtuose Aufgaben rasant und mit Elan umsetzt.

 „Das ist ein musikalisches Porträt von Stalin“, erläutert Urbanski den brutalen zweiten Satz und bekommt von den Holzbläsern prompt mit hochgereckten Schalltrichtern das gewünscht „rohe“ und „mit zusammengebissenen Zähnen“ gemalte Abbild des sowjetischen Diktators und Massenmörders in ätzend penetranten Tönen geliefert. Die Streicher ziehen die Köpfe ein und scharren prompt anerkennend mit den Füßen. Der junge Maestro applaudiert.

 Es herrscht also Harmonie in der einmal mehr bestens geeigneten Thormannhalle, in der sich gegen Mittag auch der rundum zufriedene Hausherr, Hans-Julius Ahlmann, blicken lässt. Während Akademieleiter Christoph Böhmke in der Pausenansprache noch für die eigenverantwortliche Müllentsorgung im Garten des Nachtquartiers Nordkolleg werben muss, herrscht in der Probe strenge Disziplin. So jung und „cool“ Krzysztof Urbanski in seinen Sneaker-Schuhen wippt, so sensibel und ablehnend scharf reagiert er nämlich auf jegliches Störgeräusch. Ein scharfer Blick über die Schulter ruft beispielsweise die tuschelnden Celli zurück auf die Stuhlkanten, als er sich intensiv den Violinen widmen möchte.

 Krzysztof Urbanski zählt zu den Senkrechtstartern der internationalen Dirigentenszene, amtiert zur Zeit als Chef im norwegischen Trondheim und als Musikdirektor des Indianapolis Symphony Orchestra. Betrachtet man den präzisen Schlag der rechten Hand und die völlig unabhängig und weich modellierende Linke, die Lautstärkeschweller wie ein Puppenspieler mit unsichtbaren Fäden aus dem Orchester zu ziehen scheint, dann traut man ihm rasch noch höhere Aufgaben zu. Vor allem, weil sein heller Kopf mit viel Ausdruckswillen und einem wachen Ohr glücklich zu korrespondieren scheint. In Schostakowitschs klangästhetisch wohl reichster Symphonie, die deshalb sogar einen Karajan begeisterte, sucht und findet Urbanski immer wieder einen dichten Tonstrom, den er sich „nicht schmallippig, sondern vollmundig“ wünscht. „Die Anschlussnote ist nicht plötzlich lauter, sondern wächst aus der vorigen heraus“, ist ein Satz, der ihm wichtig ist, bevor er wieder – rein imaginär, versteht sich – die Seite in der Partitur wendet.