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Kultur Betörend und verstörend
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18:58 06.06.2019
Von Beate Jänicke
Eindrucksvolles Solo: Katherina Sattler in "Ellbogen". Quelle: Sinje Hasheider
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Kiel

Nach Stationen in Niedersachsen, Bremen und Hamburg wurde es am Mittwoch, begleitet von vielen guten Wünschen, im vollbesetzten Jungen Theater im Werftpark eröffnet. Bis einschließlich Sonntag sind über 30 Veranstaltungen – Theateraufführungen, Diskussionen, Workshops, Partys – an unterschiedlichen Spielorten in Kiel und Umgebung zu sehen. Einig sind sich Werftparktheaterleiterin Astrid Großgasteiger und der Intendant des Theaters Kiel Daniel Karasek mit ihren vielen Gästen und Unterstützern, dass dem Jugendtheater eine wichtige gesellschaftliche Rolle zukommt. „Räume schaffen“ bedeute das Jugendtheater, hoben die verschiedenen Redner hervor, oder auch, dass das Theater „Sand sein solle im Getriebe einer konsumistischen Gesellschaft“. Da passte die musikalische Einstimmung durch den Schauspieler Lasse Wagner prima, der den Ton, Steine, Scherben-Klassiker „Der Traum ist aus“ zur akustischen Gitarre mit viel Power auf die Bühne brachte, getreu dem Festival-Motto „Vielfalt (er)leben“.

Auftakt mit Hamburger Produktion Ellbogen

Gleich am ersten Abend gab es im Studio des Theaters Kiel ein fulminantes Solo-Stück zu sehen. „Ellbogen“ des Jungen Schauspielhauses Hamburg, nach einem Roman der Autorin Fatma Aydemir. Kahl ist die Bühne, nur zwei goldene Ballons – eine Eins und eine Acht – künden von einem 18. Geburtstag, der Boden ist bedeckt wie von Asche. Dazu noch ein Häufchen Klamotten in der Ecke, mehr braucht die Schauspielerin Katherina Sattler nicht, um die Geschichte der jungen Deutsch-Türkin Hazal zum Leben zu erwecken. Deren Volljährigkeit steht an. Doch wo andere große Partys schmeißen, sieht Hazals Leben grundlegend anders aus. Von den Eltern an der sehr kurzen Leine gehalten, ohne Aussicht auf einen Weg mit persönlichen oder beruflichen Perspektiven, schlittert sie geradewegs hinein in die Katastrophe. Getrieben stapft Katherina Sattler als Hazal über die Bühne, gefangen wie ein Tier im Käfig. Der heimliche Ausflug mit den beiden Freundinnen zur betrunkenen Feier ihres Geburtstages in einem Berliner Club endet mit einem Totschlag der Mädchen an einem Opfer, das zufällig ihren Weg kreuzt.

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Großer Auftritt für Katherina Sattler

In der sehr genau geführten Personen-Regie von Alexander Riemenschneider porträtiert Katherina Sattler diese Hazal mit jeder kleinsten Bewegung bis ins Mienenspiel. Ihre überbordende Lebenslust, ihr Aufbegehren gegen Autoritäten, ihr funkelnder Witz, aber auch ihr Zorn und ihre Verzweiflung über eine Welt, von der sie glaubt, dass sowieso „jeder Stein auf meinem Weg vorherbestimmt ist“. Die Darstellerin schafft das Kunststück, als Hazal zugleich sympathisch zu wirken und mit ihrer Brutalität zu verstören. Kein Charakter, den man einfach achselzuckend wieder beiseite schiebt und vergisst.

Blitzschnelle Stimmungswechsel

Auch die anderen Figuren der Geschichte bringt Katherina Sattler mit ihrem Spiel auf den Punkt. Der stockend sprechende, desinteressierte Vater, die herumkommandierende Mutter, der verpeilte Junkie-Freund, zu dem sie nach Istanbul, ihrem Sehnsuchtsort flieht, der sich als gar nicht so paradiesisch entpuppt. Blitzschnell wechselt Katherina Sattler die Figuren und die Stimmungen. Unter allem aber liegt stets eine nur mühsam beherrschte Wut über ein verpasstes Leben, das gar nicht erst richtig begonnen hat. Grandios.

Weitere Termine des Festivals: www.theater-kiel.de

Mehr Kultur aus der Region auf www.kn-online.de/kultur

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