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Kultur Herz und Seele: Janine und Johannes
Nachrichten Kultur Herz und Seele: Janine und Johannes
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17:40 06.08.2019
Leidenschaftliche Intensität und technische Souveränität: Janine Jansen.
Leidenschaftliche Intensität und technische Souveränität: Janine Jansen. Quelle: Axel Nickolaus
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Lübeck

Der Dirigent tritt seitwärts vom Podest. Er macht ehrfürchtig Platz für einen besonders magischen musikalischen Moment im Kontext einer großen Interpretation. Janine Jansen, charismatische Porträtkünstlerin des Schleswig-Holstein Musik Festival 2019, versenkt sich körperlich und tonlich tief in die für das D-Dur-Violinkonzert seines Freundes Johannes Brahms geschriebene Solo-Kadenz von Joseph Joachim. Die 41-jährige niederländische Stargeigerin erfindet sie im freien Puls von aufregender Beschleunigung und aufhorchender Nachdenklichkeit wie neu.

Janine Jansens Spiel erinnert an Ginette Neveu

So wie sie den gesamten Solopart leuchten, ergrimmen, schmeicheln oder heftig aufbegehren lässt. Wer sich mit der Aufführungsgeschichte beschäftigt hat, fühlt sich im besten Sinne an den überragenden Mitschnitt mit der Carl-Flesch-Schülerin Ginette Neveu (1919-1949) erinnert, die der Musikwelt viel zu früh durch einen Flugzeugabsturz verloren gegangen ist. Hier wie dort fesselt im endlosen Tonstrom das glasklar Seidige oder auch zupackend Kratzbürstige – immer emphatisch nah am vom Komponisten Notierten.

NDR Elbphilharmonie Orchester als sensibler Partner

Krzysztof Urbanski hat die ebenfalls sichtlich von Jansens Spiel begeisterten NDR Elbphilharmoniker auf ein sensibles Begleiten eingeschworen. Nirgendwo wird das alte Klischee bedient, Brahms habe einen symphonischen Koloss „gegen“ die Geige komponiert. Überall herrscht Transparenz, an neuralgischen Punkten mit Pianopianissimo-Subtilität zumindest im Streicherchor. Überall schwebt der Stradivari-Strahl über den Dingen.

Jansens Temperament

Der langsame Mittelsatz beginnt im Vorkonzert am Sonnabend vielleicht noch etwas zu handfest, vor allem aber zu schnell: mehr als gehendes Andante denn als zauberisch verklärtes Adagio. Aber Jansen sorgt nach und nach auch hier für Aura – und entfesselt ihr enormes Temperament im Finale.

Schwerpunktkomponist Bach als Zugabe

Das Publikum ist zu Recht hingerissen. Zugabe als Dank für den Bravo-Sturm: Ein wunderbar beseelt und entrückt zelebrierter langsamer Satz aus den Violinen-Partiten von Johann Sebastian Bach als erster kleiner Beitrag zum Komponisten-Schwerpunkt unter optimalen (Publikums-)Bedingungen – nach den völlig fehlplatzierten Solo-Suiten mit Geiger Christian Tetzlaff und Cellistin Alisa Weilerstein an zwei Abenden im Großen Saal des Unruheherds Elbphilharmonie.

Urbanski mit malerisch schwammigem Brahms

Wenn Ministerpräsident Daniel Günther zur offiziellen Eröffnung in der Lübecker Musikhalle die Anziehungskraft des SHMF würdigt und die 3sat-Fernsehkameras live geschaltet werden, sind letzte Unstimmigkeiten in den Bläsern und Wackelkontakte im kontrapunktischen Gefüge vielleicht ja überwunden. Urbanski ertanzt sich mit organisch flüssigen Bewegungen und kleinen Fingerzeigen eine innige Lesart von Brahms’ Vierter Symphonie – voller Terzfall-Seufzer, malerischer Ausblicke und federnder Energie. 

NDR Elbphilharmonie Orchester ohne letzte Knorrigkeit

In historisch korrekter „altdeutscher“ Aufstellung mit den stereofon an der Rampe links und rechts verteilten Ersten und Zweiten Violinen sowie den links konzentrierten Celli und Bässen wird das sinfonische Opus summum des Wiener Meisters ansprechend aufgefächert, entbehrt aber letzter dramatischer Kraft und e-Moll-Knorrigkeit.

Brahms-Finale mit guten Ansätzen

Wo der melancholische ältere Brahms selber die Früchte trotz der Entstehung in der Sommerfrische der Steiermark 1884/85 nicht mehr reifen hörte, zeigen die Kirschen hier reichlich viel Süße. Auch der dritte Satz kippt nicht elektrisierend ins Groteske eines Totentanzes. Allenfalls das Finale zeigt unter Urbanski ansatzweise erdiger und gewaltiger klingende Ansätze. Es ist Brahms’ maximal kunstvoller Versuch, in 30 Variationen und einer rasend aufgebrachten Coda Bachs Bassmodell aus dem Kantatensatz "Meine Tage in dem Leide" (BWV 150) „energico e passionato“ auf hochromantische Weise zu überhöhen.

Dramaturgisch schwacher Bach-Anklang

Den Chor des jungen Arnstädter Bach zur Feier des Komponisten-Schwerpunkts mit dem ordentlich disponierten NDR Chor einfach vor die gesamte Symphonie vorzuschalten, wirkt dramaturgisch viel zu schwach und bleibt für viele im Publikum vermutlich unerklärlich. Da hätte man schon den Mut haben müssen, ihn unmittelbar vor den vierten Satz in die Symphonie zu implantieren.

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Von Christian Strehk