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Kultur Große Gefühle, verpasste Nähe
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14:23 03.11.2019
Von Ruth Bender
Paar in zwei Welten: Ausnahmetänzerin Carolina Agüero und Amilcar Moret Gonzalez glänzten als unmögliche Liebende Tatjana und Onegin.  Quelle: Olaf Struck
Kiel

Es ist eine kühl schimmernde Welt, in der sich „Eugen Onegin“ bewegt. Metallisch pastell glänzen die kompliziert gefältelten Kleider, die Angelo Alberto der Ballgesellschaft entworfen hat, die gleich zu Beginn in präziser Formation über die Bühne im Opernhaus wirbelt.

Und es ist ein genial vertrackter Raum, den Bühnenbildnerin Eva Adler für Yaroslav Ivanenkos Ballettabend nach dem Versepos (1833) von Alexander Puschkin entworfen hat. Mit grauen, gerundeten Wänden, die hier die (Spiel-)Räume für die Protagonisten öffnen, begrenzen, verschließen.

In ihre Gefühlswelten verwoben

So verführerisch stilvoll wie streng geordnet kommt so ein Bild des Moskauer Adels im 19. Jahrhundert auf den Punkt. Und die Tänzer kreiseln darin um den Protagonisten, hofierend, spielerisch, aber auch stets auf Distanz. Nähe gibt es für diesen Onegin bestenfalls momentweise in Ivanenkos Interpretation der ikonischen Figur aus dem russischen Nationalepos.

Auf klar poetische Bilder hat Kiels Ballettchef die Geschichte von Onegin, der die Liebe verpasst und im Duell den Freund erschießt, heruntergebrochen; die Figuren in ihre Gefühlswelten verwoben gezeichnet. Da kippt Onegin eben noch in die Erinnerung an die Kindheit auf dem Lande, sieht man die Verlobung von seinem Freund Lenski mit der leichtherzigen Olga über die Bühne gehen.

Leichtfüßig geht es durch Onegins Ankunft und die Begegnung mit Tatjana – in einem Pas de deux, in dessen zurückhaltender Leichtigkeit der Zweifel schon angelegt ist.

Vielfältige Tatjana am Ballett Kiel

Carolina Agüero lässt Tatjana schillern zwischen versponnener Leserin, heillos Liebender und sprühender Ballkönigin. Und die Strenge der klassischen Form bricht die formidable Gast-Primaballerina, langjährige Solistin in Neumeiers Hamburg Ballett, mit einer lässigen Natürlichkeit, die den Bewegungsfluss unmittelbar aus dem Inneren der Figur entfaltet.

Da kann auch mal melancholisches Flamenco-Gefühl aufkommen, wenn sie Onegins Absage verarbeitet. Vor allem aber lässt Agüero keinen Zweifel daran, dass diese Tatjana bei allem Schmerz mehr vorhat, als an verschmähter Liebe zu verglühen.

Irrlichternder Onegin

Amilcar Moret Gonzalez agiert als ebenbürtiger Partner; ein kühl brennender, in sich verkapselter Onegin, der mit enormer Präsenz und ausgreifenden Sprüngen den Raum füllt – und sich sogleich wieder entzieht. Und in seinen ruhelos irrlichternden Soli wird er tatsächlich zum Sinnbild des Heimatlosen, wie ihn Dostojewski im Textausschnitt im Programmheft beschreibt. So einer kann vor den eigenen Gefühlen nur flüchten in den nächsten zerstörerischen Flirt.

Ivanenko gelingt es, dass Schwere ins Filigrane zu übersetzen, komplizierte Beziehungen und widerstreitende Seelenlagen in fragile Muster aufzulösen. Und was auf den ersten Blick etwas schematisch erscheinen mag, entwickelt schnell zwingende Folgerichtigkeit.

Im Konzert der Gefühle

Dass der Choreograf dazu mit Dirigent Daniel Carlberg jenseits der Oper „Eugen Onegin“ vorwiegend auf Kammermusik von Tschaikowsky zurückgegriffen hat, erweist sich als sinniger Verstärker. Da begleiten Stücke für Geige (Dong Young Lee) und Klavier (Carlberg) die Innenwelten der Protagonisten, treibt die sinfonische Dichtung „Francesca da Rimini“das Drama an. Und die vom Ersten Kapellmeister inspiriert geführten Kieler Philharmoniker fliegen, schweben, spüren durch das Konzert der Gefühle.

Eugen Onegin in Kiel: Harmonische Ganzheit

Natürlich gibt es rasante Ballszenen, ein dynamisches Männerballett, ein schwebleichtes Mädchentrio. Drumherum verclustert und versteinert die Adelsgesellschaft zu übermächtigen Skulpturen oder irrt als düsteres Alptraumbild durch Tatjanas Träume. Und während sich Lenski und Olga in Gestalt von Christopher Carduck und Leisa Martinez Santana wie beflügelt ihrer Verliebtheit hingeben, umfließen Onegin und Tatjana einander vorsichtig wie im gegenseitigen Ausprobieren. Und für einen Moment scheint sie möglich, die Nähe zwischen ihre Welten.

Die Compagnie, verstärkt durch Mitglieder der Ballettakademie Kiel, kann sich an diesem Abend einmal mehr als harmonisch vielfältige Ganzheit beweisen. Und Ivanenko gelingt hier – Tschechow manchmal näher als Puschkin - eine Studie der Selbstzerstörung und verpassten Gelegenheiten.

Termine „Eugen Onegin“ in Kiel

Opernhaus Kiel. 10. Nov., 6., 10. Dez., 4., 26., 29. Jan. Kartentel.0431/901901, www.theater-kiel.de

Hier sehen Sie Bilder von „Eugen Onegin“ in Kiel.

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