Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur Spannende Rahmen-Handlungen
Nachrichten Kultur Spannende Rahmen-Handlungen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:52 14.07.2019
Wo steckt der Tod und wo sein Opfer? Der finale Maskenball in Verdis Oper auf dem Grünen Hügel der Eutiner Festspiele 2019. Quelle: Eutiner Festspiele
Eutin

Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu: Eingefasst in vorn bedrohlich zertrümmerte oder hinten beständig historisch gestaffelte Goldrahmen schiebt sich eine spätbarocke Hofgesellschaft (Kostüme: Martina Feldmann) ins Bild. Im entsprechenden Pop-up-Bühnenbild von Jörg Brombacher fächert die Regisseurin Dominique Caron, scheidende Intendantin der Eutiner Festspiele, auf dem Grünen Open-Air-Hügel der Rosenstadt sehr präzise, spannungsvoll und psychologisch klar jene fatale Dreiecksgeschichte auf, die Eugène Scribe zu seinem Roman und Giuseppe Verdi zu einer seiner wahrhaftigsten Opern gereizt hat: Ein Maskenball.

Historische Einordnung für Eutin

In einem kleinen Vorspann zur Urfassung macht Caron hübsch deutlich, dass Schwedens aufgeklärter König Gustav III. als Sohn des einst in Eutin regierenden Lübecker Fürstbischofs mehr Bezug zu uns hat als gedacht. Und dass sein Attentats-Tod auf einem Stockholmer Opernball im Jahr 1792 wohlmöglich durch Musik des dortigen Hofkapellmeisters Abbé Vogler untermalt wurde – dem Kompositionslehrer von Eutins großem Sohn Carl Maria von Weber!

Pop-up-Bilderreigen auf dem Grünen Hügel

Solche „Rahmen-Handlungen“ versperren im aufklappenden Bilderreigen keineswegs die Sicht auf das von der politischen Verschwörung ins private Eifersuchtsdrama Gedrehte. Caron zeichnet einen offenherzigen Herrscher, dessen Liebe zu den Menschen leider auch zur fatalen Leidenschaft für die Frau seines loyalsten Freundes führt. Der griechische Tenor Angelos Samartzis singt und spielt ihn mit einnehmend viriler Raubeinigkeit, lässt aber letzten belkantistischen Glanz, Lockerheit und Präzision vermissen.

Hervorragendes Sängerensemble der Eutiner Festspiele

Das bleiben aber die einzigen und nicht entscheidenden Abstriche im wirklich hervorragenden Sängerensemble. Die dänische Sopranistin Signe Ravn Heiberg steigert sich als Amelia wunderbar in die emotionale Achterbahnfahrt zwischen Ehemann und Geliebtem, Verlangen und Schuldgefühl hinein – mit opulent gleißendem skandinavischem Timbre. Ihr Renato ist sichtlich und hörbar ein nobler Charakter, der in die Geschichte schreibende Blutrache förmlich hineingedrängt wird. Kiels Kammersänger Tomohiro Takada, frei von jedweder brüllender Bariton-Unart, gibt einmal mehr eine Lehrstunde in Verdi-Linienführung. Wenn er sich mit den gräflichen Verschwörern zusammentut (Milcho Borovinov und Philip Björkvist), ist das zumindest stimmlich ein Fest.

Beziehungsgeflecht von Caron genau aufgefächert

Carons Inszenierung zeigt das fatale Beziehungsgeflecht im Stellungsspiel oder mit Bezugspersonen wie dem Kind (Jonas Belau) des auseinander driftenden Paares ganz deutlich. Auch für den Chor (einstudiert von Romely Pfund, mit Vorteilen im Männerstimmenregister) und die gar nicht unwichtig gehaltenen Nebenfiguren gilt das. Der Page Oscar, den die türkische Sopranistin Hale Soner fröhlich frech zwitschern lässt, macht sich durch Leichtfertigkeit mitschuldig. Und die Wahrsagerin Ulrica bleibt keine obskure Märchenhexe, sondern gleitet als Schicksalsgöttin bedrohlich durchs gerahmte Geschehen. Das liegt auch an der enormen Bühnenpräsenz von Milana Butaeva, deren Mezzosopran in Höhe und Mittellage freier klingt, aber in der abgründigen Tiefe der dramatischen Alt-Partie dann eben mit Mut zur Hässlichkeit beeindruckt.

Kammerphilharmonie Lübeck in guter Form

Zum erstklassigen Gelingen der sehenswerten Aufführung (mit ihren stimmungsvollen Ein- und Durchblicken in die schaurig-schöne Natur, aber ohne projezierte deutsche Übertitel) trägt sehr stark auch das mal kantig dramatische, mal genießerisch schwelgende Orchester bei. Hilary Griffiths, zurückgekehrt ans Pult langjähriger Erfolge, steuert die Kammerphilharmonie Lübeck auswendig und mit viel Verve durch Verdis Seelenschauer. Das Premierenpublikum zeigt sich restlos begeistert – und wird sich den Festspielabend in der Erinnerung einrahmen.

Die Daten für den Maskenball in Eutin

Eutiner Festspiele 2019: Verdi – Ein Maskenball. Termine am 13., 19. und 26. Juli, außerdem am 3., 9. und 22. August. Karten: 04521 / 800 10. www.eutiner-festspiele.de

Von Christian Strehk

Eindrücke aus der Verdi-Inszenierung auf dem Grünen Hügel im Eutiner Schlosspark.
Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur SHMF in Dänischer Straße - Wuchtig-verspielter Festivaltag in Kiel

Toccata und Fuge in d-Moll auf dem Carillon. Wuchtiger und zugleich verspielter hätte der Auftakt zum Festivaltag in der Dänischen Straße in Kiel nicht ausfallen können. Genauso setzte sich der „dänische“ Beitrag zum Schleswig-Holstein-Musikfestival fort.

Martin Geist 14.07.2019

Was ist denn da passiert? Die Toten Hosen wildern durch die Musikszene. Die Kult-Band präsentierte in Düsseldorf neu interpretierte Hosen-Klassiker und Cover wie die Rammstein-Ballade „Ohne dich“.

14.07.2019

Er gehört zu den Sängern, die man gleich an der Stimme erkennt: Singer-Songwriter George Ezra erklärt, warum seine Lieder so heiter sind, was er vom Brexit hält – und um wen es in seinem Hit „Hold My Girl“ geht.

13.07.2019