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Kultur Protestwelle gegen den NDR
Nachrichten Kultur Protestwelle gegen den NDR
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18:48 19.08.2014
Von Paul Wagner
Die Redaktion des NDR muss einen Proteststurm über sich ergehen lassen. Quelle: NDR
Hamburg

Die meisten Absender werfen den Autorinnen unsaubere Recherchen und Skandalisierung sowie Verunglimpfung des Christentums vor. Diese weisen die Kritik jetzt in einer Stellungnahme zurück.

Die Dokumentation mit dem Titel „Mission unter falscher Flagge – Radikale Christen in Deutschland“ lief am Montag vergangener Woche um 22.40 Uhr vor etwa 1,5 Millionen Zuschauern im Hauptprogramm der ARD. Seither ist sie in der Mediathek der Sendeanstalt abrufbar. Die Autorinnen zeichnen in dem 45-minütigen Film das Bild von Gemeinschaften am äußersten Rand des christlichen Glaubens in Deutschland. Mehrere Szenen zeigen massenhaft Gläubige in freikirchlichen Gottesdiensten und auf Veranstaltungen mehrerer Vereine. Selbst ernannte Prediger verteufeln dort Homosexualität, werben eindringlich um Spenden und machen Verbrechen der Vorfahren sowie Satan für Krankheiten wie Krebs oder Depressionen verantwortlich. Diese seien jedoch durch Gebete und Bekenntnisse heilbar. Zudem locke ein Verein in Berlin Kinder aus sozial schwachen Familien gezielt mit Süßigkeiten von Spielplätzen zu ihren Angeboten. Aussteiger berichten anonym beziehungsweise verfremdet über ihre Erfahrungen in evangelikalen Freikirchen. Demnach gehe es in einigen der Gemeinden vor allem um Geld, Anerkennung und Macht.

Die Reaktionen auf die Dokumentation kamen prompt. Am Tag nach der Ausstrahlung erklärte der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Michael Diener: „...leider stellen die beiden Filmtitel wie auch die Zusammenstellung der einzelnen Filmbeiträge evangelikale Christen unter einen Generalverdacht. Das kann und darf in dieser Weise nicht geschehen.“ Diener hatte zuvor nach Angaben der Filmemacher mehrere Interviewanfragen abgelehnt. Der Vorsitzende des Dachverbands, in dem nach eigenen Angaben etwa 1,3 Millionen Christen organisiert sind, äußerte sich aber auch kritisch zu einigen im Film gezeigten Beispielen: „Durch Handziehen eine Heilung von Depression anzuzeigen, ist ebenso unseriös wie die Aufforderung, Spendengelder für alle sichtbar hochzuhalten. Auch schriftliche Beichtspiegel, die weit in die Intimsphäre eines Menschen eingreifen, halte ich für unangebracht.“

In Tausenden Schreiben wurden die Filmemacher nach eigenen Angaben zum Teil extrem beschimpft: Sie seien „verpfuschte Existenzen“, „von Teufel getrieben“, „psychisch gestört“ oder „furchtbare Sünder“. Jetzt verteidigen sie in einer Stellungnahme ihre Produktion: „Wir bedauern, dass sich Zuschauer durch unsere Berichterstattung offenbar persönlich verletzt fühlen. Wir hatten nie die Absicht, pauschal alle Christen oder evangelikale Gläubige zu diffamieren. Uns ging es darum, in ganz konkreten – gut dokumentierten – Fällen auf Missstände aufmerksam zu machen.“ Und: Hunderte von Zuschauern hätten sich bei der Redaktion bedankt, weitere kritikwürdige Gemeinden benannt und den Autoren Standhaftigkeit gewünscht.