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Kultur „Beale Street“ – Liebe ist stärker als der Hass
Nachrichten Kultur „Beale Street“ – Liebe ist stärker als der Hass
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06:00 05.03.2019
Nichts kann sie trennen: Fonny (Stephan James) und Tish (KiKi Layne). Quelle: Foto: Tatum Mangus/Annapurna Pictures
Hannover

Tish hat beinahe ihr ganzes Leben noch vor sich. Sie ist 19 Jahre jung und trägt ein Kind in ihrem Bauch, auf das sie sich freut. Aber eines weiß Tish schon genau: „Ich wünsche wirklich niemandem, dass er den, den er liebt, durch eine Glasscheibe angucken muss.“

Ein Cop hatte eine Rechnung mit Fonny offen

Ihren Verlobten Fonny kann sie nur durch eine Scheibe anschauen. Der drei Jahre Ältere, ein Bildhauer, sitzt im Gefängnis für eine Tat, die er nicht begangen hat. Er hat die puertoricanische Frau auf der anderen Seite von New York nicht vergewaltigt. Er war gar nicht vor Ort, als das Verbrechen geschah.

Aber ein Cop hatte noch eine Rechnung mit Fonny offen. Vermutlich lief es so ab: Der Polizist hatte die Frau unter Druck gesetzt, eine Falschaussage zu machen. Als Weißer und in seiner Position war das nicht schwer. Und er hatte es schließlich „nur“ mit einer Einwandererin und einem Schwarzen zu tun. Die Frau identifizierte Fonny bei einer Gegenüberstellung – den einzigen Schwarzen in einer Reihe von weißen Männern.

Eine Geschichte über Rassismus, die in warmen Farben leuchtet

Und nun sitzt Fonny hinter dem dicken Glas, telefoniert über einen Hörer an der Wand mit Tish und versucht, nicht zu verzweifeln. Seine Gerichtstermin wird immer wieder verschoben.

Bei einer Geschichte über Rassismus in den USA wäre man nicht überrascht, wenn diese grau und schwer auf den Zuschauern lasten würde. Aber das Verblüffende ist: „Beale Street“ leuchtet in warmen Farben. Jazzige Klänge schwellen perlend an, die Figuren verströmen eine stille Zuversicht. Das Romantische wiegt mehr als der Rassismus.

Barry Jenkins’ Film leuchtet, weil die Liebe zwischen Tish (KiKi Layne) und Fonny (Stephan James) alle Ungerechtigkeiten und Drangsalierungen überstrahlt. „Beale Street“ ist ein Film über die Kraft der Liebe, so wie es auch schon Jenkins’ voriger Film „Moonlight“ in seinen schönsten Momenten war: Da wiegte der schwarze, angeblich so harte Drogendealer Juan seinen schwarzen Ziehsohn Chiron in Miami im mondbeschienen Meer, und es war kein bisschen kitschig.

„Moonlight“ gewann 2017 den Oscar für den besten Film. Und falls sich jemand nicht mehr daran erinnern kann, liegt das daran, dass die Laudatoren Faye Dunaway und Warren Beatty zunächst „La La Land“ als Sieger ausgerufen hatten. Sie hatten den falschen Umschlag geöffnet.

So zärtlich war im Kino selten ein erster Kuss zu sehen

In „Beale Street“ blicken wir in langen Rückblenden auf die Zeit vor dem Gefängnis zurück: Tish und Fonny kannten sich schon aus Kindertagen. Sie planschten zusammen in der Badewanne, sie waren beste Freunde. Irgendwann hat es „Zoom“ gemacht. So zärtlich wie hier haben wir im Kino selten einen ersten Kuss und eine erste gemeinsame Nacht gezeigt bekommen.

Nun ist Tish schwanger, und ihre Familie kennt nur ein Ziel: Sie will Fonny aus dem Gefängnis rausholen, bevor dessen Sohn auf diese brutale Welt kommt. Denn ein Film über die Familienliebe ist „Beale Street“ auch. Tishs Eltern und ihre Schwester halten zu ihrem Kind – anders als die Familie von Fonny, die in ihrem Selbsthass gefangen ist und Tish nicht anerkennt.

Ach so, „Beale Street“ spielt in den Siebzigerjahren. Aber das vergisst man bald. Etwas Zeitloses haftet dieser Geschichte an. Sie könnte genauso in unserer „Black Lives Matter“-Gegenwart spielen, in der amerikanische Polizisten immer noch straflos Schwarze zusammenprügeln und in den Rücken schießen können.

„Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street geboren“

So wenig wie sich dieser Film gefühlsmäßig auf die Siebzigerjahre reduzieren lässt, so wenig ist es ein New-York-Film. Die berühmte Beale Street, die dem Film den Namen gibt, liegt in Downtown Memphis im US-Staat Tennessee und gilt als Heimat der schwarzen Musik. Louis Armstrong, Muddy Waters und B. B. King erfanden dort den Memphis Blues.

Doch wie hat James Baldwin gesagt, der 1974 mit seinem Roman „If Beale Street Could Talk“ die Vorlage für den Film geliefert hat? „Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street geboren, ob in Jackson, Mississippi, oder in Harlem in New York: Die Beale Street ist unser Erbe.“

In kurzen Einblendungen sehen wir Schwarz-Weiß-Bilder von herrisch dreinschauenden weißen Polizisten, die Schwarze mit ihren Schlagstöcken in Schach halten. Ein Freund von Baldwin hatte sechs Jahre lang unschuldig in Haft gesessen. Dieser Vorfall inspirierte ihn zu seinem Roman.

Tish und Fonny verkörpern eine stille Würde

Das unselige Erbe Amerikas müssen auch Tish und Fonny ertragen. Aber zugleich verkörpern sie eine stille Würde: Sie geben sich dieser Vergangenheit nicht geschlagen. Wenn Tish nachts albträumt und voller Panik in ihrem Bett aufwacht, dann ist sofort ihre Mutter Sharon (Regina King wurde für ihre Rolle mit dem Oscar als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet) bei ihr und beruhigt sie: „Die Liebe hat dich bis hierher gebracht, nun trau ihr auch künftig“, sagt sie.

Und dann traut Tish der Liebe. Aber weiterkämpfen für Fonny hinter der Glasscheibe wird sie auch.

Von Stefan Stosch / RND

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