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Kultur Filmkritik zu „Gemini Man“ - Ang Lee wagt sich an einen schwierigen Stoff
Nachrichten Kultur Filmkritik zu „Gemini Man“ - Ang Lee wagt sich an einen schwierigen Stoff
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18:04 02.10.2019
Held in der Midlifecrisis: Henry Brogan (Will Smith) begegnet in „Gemini Man“ seinem jüngeren Ich.
Held in der Midlifecrisis: Henry Brogan (Will Smith) begegnet in „Gemini Man“ seinem jüngeren Ich. Quelle: -/Paramount Pictures/dpa
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Nach 72 Abschüssen hat Henry Brogan (Will Smith) genug von seiner Existenz als lizenzierter Attentäter des US-Geheimdienstes. Der 51-Jährige will sich zur Ruhe setzen, gerät aber durch einen undurchsichtigen Komplott bald ins Visier seiner früheren Auftraggeber, die den Scharfschützen nun selbst auf die Abschussliste setzen. Damit nicht genug, sieht sich der omnipotente Elitekiller bald einem 25 Jahre jüngeren Gegner gegenüber, der die gleichen Kampfkunstfertigkeiten hat und ihm zudem verdammt ähnlich sieht.

Seit Ende der Neunziger wurde das Drehbuch zu „Gemini Man“ in Hollywood herumgereicht. Ursprünglich sollte Tony Scott Regie führen und hochkarätige Stars wie Harrison Ford, Mel Gibson und Clint Eastwood waren für die Hauptrolle im Gespräch. Aber dann sind Regisseure und Produzenten vor dem Stoff immer wieder zurückgeschreckt, weil die technische Umsetzung zu schwierig erschien. Schließlich galt es, einen glaubwürdig verjüngten Klon des Helden als dessen Gegner auf die Leinwand zu bringen.

Ang Lee verjüngt Will Smith und dreht mit 120 Bildern pro Sekunde

Nun hat Ang Lee das Regiezepter übernommen, der - wie man schon seit „Tiger & Dragon“ (2000) weiß - vor keiner künstlerisch-technischen Herausforderung zurückschreckt. Und so gibt sich Lee nicht mit der digitalen Verjüngungskur für seinen Hauptdarsteller Will Smith zufrieden, sondern führt eine weitere High-Tech-Innovation ein: Statt mit den üblichen 24 Bildern pro Sekunde wurde „Gemini Man“ in einem hochauflösenden 3-D-Format mit 120 Bildern pro Sekunde aufgenommen. Das Verfahren hatte Lee schon in seinem letzten Film „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ ausprobiert, der jedoch an den Kinokassen gründlich floppte.

In Deutschland kann kein Kino die 120er-Version spielen, weshalb sich das Publikum mit der halbierten Bildfrequenz bescheiden muss. Das visuelle Ergebnis ist vor allem eins: superscharf. Wer will, kann die grauen Haare auf Will Smiths Kopf einzeln zählen und sich an jedem Staubkorn, das durch die Luft wirbelt, ergötzen. Aber auf die gesamte Filmstrecke ist die radikale Schärfe der Bilder eher eine anstrengende Ablenkung, die nicht in ein hyperrealistisches Seherlebnis mündet, sondern als visuelle Spielerei ihren Reiz bald verliert.

Die Rechnung des Hyperrealismus geht nicht immer auf

Nur in einer Handvoll Actionszenen geht das Konzept auf. Die Motorradjagd durch eine kolumbianische Kleinstadt etwa, in der Henry zum ersten Mal mit seiner jüngeren Klonversion konfrontiert wird, ist fulminant choreografiert und profitiert von der visuellen Verdichtung. Solche Szenen bestimmen die gut funktionierende Oberflächenspannung von „Gemini Man“ und lenken zeitweise erfolgreich von der lahmen Plotkonstruktion ab.

Der ins Auge springenden technischen Innovationskraft steht hier nämlich die ebenso auffällige Vorhersehbarkeit des Skripts entgegen. Lee und seine drei Drehbuchautoren schlagen kaum erzählerisches Kapital aus der Prämisse, dass hier ein Held in der Midlifecrisis der 25 Jahre jüngeren Version seiner selbst gegenübersteht. Für eine produktive Verunsicherung des Protagonisten bleibt im hektischen Actiongetümmel keine Zeit.

Prima Bösewichte trösten über manche Plotroutine hinweg

Dass der kinderlose Berufskiller den Klon schon bald als Sohnemann rekrutiert, ist eine echte Nullüberraschung. Manchmal tröstet ja noch ein veritabler Bösewicht über so manche Plotroutine hinweg. Aber auch diese Chance wurde mit dem Engagement von Clive Owen vertan, der hier seine Auftritte in die Länge zieht, als würde er für jede Filmsekunde einzeln bezahlt. Und so bleibt „Gemini Man“ ein hochtechnisiertes Actionvehikel, dem die narrative Seele fehlt.

Kinostart: 3. Oktober 2019

Deutscher Titel: „Gemini Man“

Regie: Ang Lee

Darsteller: Will Smith, Clive Owen

Länge: 117 Minuten

Altersfreigabe: ab 12 Jahren

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Von Martin Schwickert/RND