Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Florian Künstler: Kunstvolle Balladen auf der KN-Bühne
Nachrichten Kultur Florian Künstler: Kunstvolle Balladen auf der KN-Bühne
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 10.05.2020
Von Thomas Bunjes
Sang seine Lieder zur Akustikgitarre: Florian Künstler aus Lübeck. Quelle: Uwe Paesler
Anzeige
Kiel

Flugs greift Florian Künstler nach dem Konzert auf der KN-Bühne (siehe Video) zum Smartphone, aktiviert die Aufnahmefunktion und singt improvisiert die Zeile „was sind schon Tage, wenn es nur um Stunden geht“. Inspiriert von einem Satz, den die KN-Kollegin gerade mit Blick auf Corona so dahingesagt hatte.

Macht der 34-jährige Singer-Songwriter aus Lübeck oft so. „Das Ding ist voll damit“, erzählt er, „da kann ich hochscrollen, das dauert zehn Minuten, bis ich am Ende bin.“ Aber so könne er seine Ideen festhalten, sonst seien die weg.

Anzeige

„Wenn ich im Auto oder auf dem Fahrrad bin, muss ich rechts ranfahren und das einfangen.“ Nur wenige Ideen setze er dann tatsächlich auch um. Und nur, wenn er sie dann gerade spüre, wenn sie in ihm etwas auslösten und sie mit seinem Leben zusammenpassten – dann beginnt der Cineast mit einer Vorliebe für Robin Williams, Plots für seine Songs zu entwickeln. 

Video: Florian Künstler auf der KN-Bühne

KN-Bühne: Spendenaktion

KN-Bühne: So können Sie spenden

Die KN-Bühne lädt von Di-So jeweils um 20 Uhr auf KN-online zur Vorstellung und bietet den vom Veranstaltungsverbot der Corona-Krise schwer betroffenen freien Künstlern eine Plattform.

Spenden für die Künstler sind erwünscht: auf dem Spendenkonto „KN hilft e.V.“ bei der Förde Sparkasse (Konto DE05 2105 0170 1400 2620 00). Die Spenden werden wöchentlich unter den auftretenden Künstlern aufgeteilt. Am Dienstag, 12. Mai 2020, auf der KN-Bühne: Kay Herzig.

Diese Künstler standen schon auf der KN-Bühne - zu den Videos:

Erst spät den Gesang entdeckt

Fünf davon spielt er auf der KN-Bühne: die intensiven Balladen "Leise", "1000 Raketen" und "Der Rest der Straße schläft noch", das flottere "Wie geht’s dir eigentlich?" und "Freund in mir" mit hymnischem Refrain. Satt hallt seine Stimme durch die leere KN-Kundenhalle, klingt stämmiger als seine Sprechstimme. Doch den Gesang hat Künstler erst spät für sich entdeckt.

„Ich habe nicht gedacht, dass ich singen kann und auch nicht darüber nachgedacht zu singen“, sagt er. Das änderte sich erst, als er mit 19, 20 Jahren mit einem Kumpel Straßenmusik gemacht, irgendwann mal die Backing-Vocals gesungen und gemerkt habe, „dass es gut ging einfach“.

Aufgewachsen bei Pflegefamilie in Ratekau

Musik macht Künstler, seit er 14 war, da bekam er von seinem Vater eine Gitarre zu Weihnachten und auch Gitarrenunterricht. „Den fand ich allerdings nicht so cool, weil ich auch Skateboard gefahren bin.“ Sei damals eher ein „Pflichttermin“ für ihn gewesen, doch heute sei er froh über jede Stunde. „Meine ganze Familie hat gesungen, Posaune gespielt, Gitarre. Gesang war immer um mich rum.“

Seine Pflegefamilie in Ratekau, bei der Künstler behütet aufwuchs, in deren Obhut das Berliner Jugendamt den siebenjährigen Sohn einer alleinerziehenden, drogenabhängigen Mutter gegeben hatte.

Rausschmiss und erste Bühnenerfahrung

Doch Fragen nach seiner Herkunft holen den Musiker ein, er rebelliert gegen die dörfliche Enge und fliegt mit 19 zu Hause raus, als es zu Spannungen kommt. Mit 20 zieht er mit seinem Kumpel Immo, ebenfalls Musiker, in eine WG in Lübeck. „Charlie und Herr Künstler“ nennen sie sich als Duo.

Sie tingeln, Straßenmusik, Open-Mic-Sessions, ein siegreicher Auftritt 2011 beim Talentwettbewerb „Schleswig-Holstein-Hammer“ auf der Kieler Woche: NDR-Bühne, Tausende von Zuschauern, und Jurymitglied Heinz Rudolf Kunze adelt ihren melancholischen Popsong als „das beste Lied des Abends“.

Job gekündigt und alles auf eine Karte

Sein Duopartner wechselt bald in einen bürgerlichen Job, Künstler findet in Berlin einen neuen, macht eine Ausbildung zum medizinischen Bademeister, pendelt zwischen Berlin und Hamburg, zwischen frühem Schichtdienst und kleinen Bühnen in der Nacht, reibt sich auf. „Es war das Anstrengendste überhaupt“, sagt Künstler. „Aber ich musste das machen – das war das, was mich nur glücklich macht.“ Schließlich 2018 ein „Klickmoment“, er schmeißt seinen Job, wählt die Kunst, alles auf eine Karte.

Major-Label-Deal und bald Debüt-EP

Künstler findet eine feste Band, ein Management und bald mit Columbia Records auch ein großes Plattenlabel. „Es macht Spaß, gutes Bauchgefühl, es kamen Leute dazu, die Bock drauf hatten“, fasst er es zusammen. Meetings, Artists-Workshops, Interviewtraining mit TV-Moderatorin Bärbel Schäfer. Am 5. Juni soll "Leise" als erster Song der Debüt-EP rauskommen, das Skript für den Videodreh hat Künstler auch schon gelesen. „Bin gespannt, das ist ja schon wie ’ne Geburt jetzt, nach 15 Jahren als Musiker.“ Anfang kommenden Jahres sei dann wohl mit dem ersten Album zu rechnen. 

Corona grätscht in Karriereplan rein

In die geplante Radio-Promotour grätscht ihm Corona rein. Stattdessen werde es wohl ein virtuelles Showcase geben. Ansonsten werfe ihn die Pandemie nicht aus der Bahn, er habe keine Angst davor, vielleicht nicht erfolgreich zu werden. Sein Geld für Miete und Strom verdiene er momentan nur noch als Schulbegleiter für autistische und „wilde“ Kinder, die er wohl mit seiner eigenen Vita auch „ganz gut“ verstehe.

„Die Zeit in Lübeck nach dem Rausschmiss zu Hause war meine schlimmste Zeit“, resümiert Florian Künstler. Eine Zeit, in der die Musik und gute Freunde ihm Halt gaben. „Das war so’n Megaknäuel. Wo du entweder fällst oder nicht.“ 

Newsletter der Kieler Nachrichten

Newsletter der Kieler Nachrichten

Kennen Sie schon die Post aus dem Newsroom? Den kostenfreien Newsletter der Kieler Nachrichten versenden wir Mo-Fr ab 17 Uhr. Hier können Sie sich für unser Mailing anmelden.

Sie interessieren sich für Holstein Kiel? Dann melden Sie sich hier für den Newsletter "Holstein Kiel - Die Woche" kostenfrei an. Versand: jeden Freitag, 11.30 Uhr.

Lesen Sie auch:

Weitere Informationen zum Coronavirus erhalten Sie auf unserer Themenseite.

Christian Strehk 10.05.2020
KN-online (Kieler Nachrichten) 10.05.2020
Anzeige