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Kultur Zwischen Titanic und Tinnitus
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'Frequenz-Festival: Zwischen Titanic und Tinnitus

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09:33 12.10.2020
Von Jörg Meyer
Kalligrafie und Klang korrelieren in „Mute Sound World – Talking with Beethoven“ von Marleen Krallmann (vorne) und Maya Shenfeld. Quelle: Jörg Meyer
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Kiel

Abstand zu halten im engen Gang zum Sinneraum im Musiculum, wo am ersten Tag des Frequenz-Festivals für jeweils nur sechs Zuhörer die Uraufführung von Julia Mihálys audio-visueller Installation Oh, das Universum, denken sie läuft, ist so schwierig wie in einem Rettungsboot. Die Notrufe von letzteren und Funksprüche von Schiffen, die zu Hilfe eilen, aber dann im rettenden Hafen abgewiesen werden, hört man schon von draußen.

Schiffsdiesel und Hoffnungsbilder

Weit mehr als die Opfer des Untergangs der Titanic sind bei der Flucht über das Mittelmeer ertrunken, eine tägliche Tragödie, vor der wir im sicheren Europa oft die Augen verschließen. Wie die Strand-Urlauber, über die sich Sibylle Berg in ihrer Satire Helges Leben bitter lustig macht, wenn sie im Meer die Weite des Universums genüsslich erahnen, was der Installation den Titel gab. Denjenigen, die womöglich irgendwann sagen werden, sie hätten nichts davon gewusst, will Mihály die Ohren öffnen – mit bedrohlichem und das Gehör bedrängendem Grummeln von Schiffsdieseln und dem tödlich aufbrausenden Meer.

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Doch Wasser kann auch Leben spenden. So sehen wir im Kontrast zum Sound auf der Leinwand ein kleines Pflänzchen, das in der Nische einer Mauer wächst, bewässert von einer Pfütze. Ein Sinnbild für die Hoffnung der Flüchtenden auf ein besseres Leben jenseits der Mauer um Europa.

Beethoven verfremdet

In großer Not war auch Beethoven, als er ab 1818 fast ertaubt war. Seine Musik hörte er nur noch gestört durch einen Tinnitus, mit seiner Umgebung verständigte er sich über die „Konversationshefte“ schriftlich. Beides verbinden die Designerin und Kalligrafin Marleen Krallmann und die Komponistin und Klangkünstlerin Maya Shenfeld in ihrer Performance Mute Sound World – Talking with Beethoven.

Shenfeld verfremdet Beethovens Musik elektronisch zu jenem dumpf dröhnenden Klangbrei, den er durch den Filter der Beinahe-Taubheit gehört haben mag. Ganz kurz flammen jedoch die reinen Klänge auf, weil Beethoven die Musik zwar nicht mehr hören, aber immer noch denken konnte.

Vom Schreiben und Verschwinden der Klänge

Dazu schreibt Krallmann mit einem langen Pinsel, wie man ihn von der Kalligrafie des chinesischen Shodō (Weg des Schreibens) kennt, Worte auf eine endlose Papierrolle, etwa „Schwerhörigkeit“ oder „Ungenügen“. Die Zeilen überlappen sich dabei zur Unleserlichkeit und die Schrift wird zum Ornament. Sie verblasst, wenn dem Pinsel die Farbe ausgeht. Der visuelle Eindruck spiegelt so das Verschwinden der Klänge im Ohrgeräusch. Ein bewegendes Bild synästhetischer Sinnlichkeit – selbst (oder gerade) im Schwinden der Sinne.

Bis 18. Oktober in Kiel. Ausführliches Programm und weitere Termine unter: www.frequenz-festival.de.