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Kultur Die Pianistin und ihr Chauffeur
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07:01 30.03.2018
Frithjof von Bodungen war in den Sechzigerjahren Chauffeur der Pianistin Elly Ney. Quelle: Marco Ehrhardt
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Lehmkuhlen

Wenigstens das Büchlein in der aufwändig produzierten Arthaus-Box lässt keinen Zweifel: Elly Ney sei künstlerisch zu den bedeutendsten Tastenkünstlern des 20. Jahrhunderts zu zählen. Und tatsächlich: Wer Aufnahmen der vor fünfzig Jahren in Tutzing am Starnberger See verstorbenen „Volkspianistin“ hört, kann sich ihrer Aura, der Anschlagskultur und bedächtigen Gestaltungskraft kaum entziehen. Bei näherer Beschäftigung bedarf es allerdings auch einigen Abstraktionsvermögens, denn Ney hing und hängt der menschliche Makel an, dass sie im Dritten Reich als glühende Verehrerin von Adolf Hitler und der nationalsozialistischen Ideologie auftrat.

Muss man Künstler politisieren?

„Muss man denn auch die Kunst der Künstler politisieren?“, fragt mit Frithjof von Bodungen ein seit langem im Kreis Plön beheimateter Verehrer, der der heftig umstrittenen Künstlerin in ihrem letzten Lebensjahrzehnt näher war als irgendjemand sonst. Als ihr junger Chauffeur und „Schutzengel“ hatte er Ney in den 60er-Jahren von Konzert zu Konzert gefahren. Der später viel im europäischen Ausland kaufmännisch Tätige, aber auch studierte Sänger ist heute äußerst skeptisch, ob man der sensiblen Persönlichkeit mit dem Klischeebild der hörigen Propaganda-Speerspitze und Ewiggestrigen annähernd gerecht wird.

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Von Bodungen leugnet dabei weder ihre antisemitische Haltung noch Tatsachen wie die NSDAP-Mitgliedschaft ab 1937. Er wirbt lediglich um eine umfassend dokumentarisch korrekte Betrachtung. Entgegen anderweitiger Behauptungen habe Ney beispielsweise nie Hitler persönlich vorgespielt („das Etikett ’Hitlers Pianistin’ ist deshalb absurd ...“). Auch habe sie sich sehr wohl für ihr enthusiastisches Mitläufertum entschuldigt. Sonst wäre ihre unter anderem vom Bundespräsidenten Theodor Heuss betriebene Rehabilitation 1952, Ehrungen in Tutzing, Konzerte in London oder das Engagement als Solistin zur Eröffnung der Bonner Beethovenhalle 1959 wohl undenkbar gewesen.

Ihren frühen Antisemitismus erklärt sich von Bodungen mit persönlichen Verletzungen in Musikerkreisen. „Dabei hatte sie sich zur Nazi-Zeit Ärger gemacht, weil sie sich für den jüdisch-stämmigen Stargeiger Carl Flesch eingesetzt hatte. Und weil sie als Professorin am Salzburger Mozarteum einen Schüler jüdischer Abstammung unterrichtete, wurde sie von der Gestapo angegangen. Derart eigenständige Frauen waren doch sowieso nichts für die Führungsequipe in Berlin ...“ Ney landete aber doch auf der ominösen „Gottbegnadeten-Liste“, auf der Hitler und Goebbels noch 1944 insgesamt 1041 Künstler auswiesen. Allerdings tauchen da auch die Namen der Kollegen Kempff und Gieseking auf.

Neue Veröffentlichungen von DVD bis CD

Der jetzt als DVD veröffentlichte Arthaus-Film Mondscheinsonate – Die Volkspianistin Elly Ney gibt sich alle Mühe, die Person Ney in den braunsten Farben zu malen. Sehr viel differenzierter geht der Regisseur und Autor Axel Fuhrmann dann nach ausführlicherer Rücksprache mit von Bodungen in seinem stimmungsvollen BR-Radiofeature vor. Elly Ney und ihr Chauffeur nimmt Bezug auf die pfiffige Idee des jungen Wegbegleiters, im Mercedes der Pianistin auf Tonband aufzuzeichnen, wie sie über Auftritte vom Vorabend erzählte, mit den Noten auf dem Schoß Interpretationswendungen diskutierte oder Kollegen beurteilte. Auch Konzerte, wie die nun erstmals veröffentlichten, in intimer Schlichtheit glänzenden Mozart-Klavierquartette, hat von Bodungen mitgeschnitten.

„Mir war es aber besonders wichtig, im Zuge dieses mehrteiligen Porträts die Filmaufnahme der Beethoven-Sonate op. 26 auf den Markt zu bringen. Kaum einer wusste mehr davon“, so Frithjof von Bodungen, der bei der Aufzeichnung 1965 in Berlin dabei gewesen war. Als „Konzert ohne Publikum“, also als live durchgespieltes Werk fasziniert die eigenwillige As-Dur-Sonate mit ihrem Trauermarsch als langsamen Satz unter den Händen der über Achtzigjährigen unmittelbar. Der erfolgreiche Schatzgräber aus Lehmkuhlen hofft jetzt auf faire Resonanz. Schließlich sei das Publikum auch in den zwei Jahrzehnten nach Kriegsende immer auf Seiten jener Künstlerin gewesen, die in den Zwanziger Jahren schon eine glänzende Karriere in den USA gemacht hatte. „Man brauchte nur einen Elly-Ney-Zettel auszuhängen, dann war das Konzert schon bald ausgebucht ...“

Mondscheinsonate. Die Volkspianistin Elly Ney, DVD-Video von Axel Fuhrmann inkl. Beethoven-Sonate As-Dur op. 26, CD1 mit Mozarts Klavierquartetten und Klaviertrio G-Dur KV 564, CD2 mit BR-Radiofeature „Elly Ney und ihr Chauffeur“, DokFabrik, Arthaus Musik.

Von Christian Strehk