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Kultur Große Schwester, kleiner Bruder
Nachrichten Kultur Große Schwester, kleiner Bruder
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18:42 18.08.2014
Von Oliver Stenzel
Gemeinsam auf musiklaischere Spurensuche: Matthias Kirschnereit, Fritzi Haberlandt und Stefan Kurt. Quelle: Nickolaus
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Kiel

Für deren musikalische Ausgestaltung sorgte in der ausverkauften Kieler Förde-Sparkasse der Pianist Matthias Kirschnereit. Im steten Wechsel rezitieren Haberlandt und Kurt dabei vor allem aus dem Briefwechsel des Geschwisterpaars, in dem sich dessen Enthusiasmus füreinander sowie für das Musizieren und Komponieren spiegelt. „Die Musik will so gar nicht rutschen ohne dich“, schreibt Hensel an Mendelssohn, als dieser sich auf Reisen begeben hat, um Johann Wolfgang von Goethe kennenzulernen. „Jeder gute Mensch hat so empfunden und kann es ja nicht sagen“, lobt der aufstrebende Komponist den ideellen Gehalt von Fanny Hensels eigenen Werken, die diese dem Bruder beständig zusendet.

 Beiden Rezitatoren gelingt es, den Briefwechsel der Geschwister mit Ausdruck und Leben zu füllen. Stefan Kurt mischt dabei Begeisterung mit Besonnenheit und Schalk, Fritzi Haberlandt setzt ganz auf den Tonfall der Euphorie. Ein bisschen schade, dass sie diesen auch bei der Verlesung der erklärenden Zwischentexte beibehält, die der ansonsten gelungenen Quellenauswahl eine didaktische Note am Rande verleihen. Matthias Kirschnereits musikalische Ergänzungen zur Lesung fokussieren naturgemäß die Klaviermusik von Mendelssohn und Hensel, die auch im dem Briefwechsel eine zentrale Rolle spielt. Eröffnend nimmt er den ersten Satz aus Mendelssohns Fantasie fis-Moll op. 28 sehr buchstäblich, scheint dem Hörer alle seine Wendungen deutlich vor Augen führen zu wollen und kostet auch den Schluss in langen musikalischen Atemzügen aus. Dieses Interpretationsmodell kommt in der ersten Konzerthälfte immer wieder zur Anwendung, so dass auch die Ähnlichkeiten der Schreibweisen von Hensel und Mendelssohn hier mit breiter Feder unterstrichen werden. Eine differenzierte Exegese gelingt Kirschnereit bei den Variations sérieuses d-Moll op. 54, deren rhythmische Herausforderungen er geschmeidig meistert.

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 Nach der Pause rückt zusehends der Hauptkonflikt der Geschwister in den Mittelpunkt der Lesung: Fanny Hensel wollte ihre eigenen Kompositionen gerne veröffentlichen, der Bruder sprach sich lange Zeit dagegen aus und gab der Schwester seinen Handwerkssegen erst kurz vor ihrem unerwarteten Tod. Schon ein halbes Jahr später folgte der hiervon tief erschütterte Bruder, dessen etwas steif und leider nicht fehlerfrei präsentierte Lieder ohne Worte den zweiten Teil des Abends begleiten, seiner Schwester schon ein halbes Jahr später in die andere Welt.