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Kultur Opulenz und Augenzwinkern im Gewand
Nachrichten Kultur Opulenz und Augenzwinkern im Gewand
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17:07 18.08.2019
Kostüm- und Bühnenbildnerin Claudia Spielmann im Opernhaus Kiel
Kostüm- und Bühnenbildnerin Claudia Spielmann im Opernhaus Kiel Quelle: Björn Schaller
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Kiel

„Bei einer Open-Air-Produktion ist jede Form von Dezenz eine Schwäche. Was drinnen im Opernhaus womöglich elegant wirken kann und intime Atmosphäre schafft, funktioniert draußen möglicherweise nicht.“ Claudia Spielmann, die Malerin, Bühnenbildnerin und vor allem erfahrene Kostümbildnerin, ist beim diesjährigen „Sommertheater“ mit Giuseppe Verdis spätem Meisterwerk Aida für den Rausch der Stoffe zuständig. In einer Woche ist auf dem Rathausplatz Premiere.

Abstimmung mit Bühnenbild und Regiekonzept

„Ich muss in enger Abstimmung mit dem Bühnenbildner Lars Peter und passend zum Regiekonzept von Daniel Karasek eine Welt erschaffen.“ Gebremst werde sie dabei nur durch ihren Etat, lacht die in Kiel für ihre Ausstatter-Qualitäten sehr geschätzte Künstlerin. „Konzept und Szenario müssen als erstes stehen. Mit einem Klavierauszug vergegenwärtige ich mir Auf- und Abtritte. Dann nehmen die Figuren im wahrsten Sinne Gestalt an.“ Spielmann besorgt innerhalb eines halben Jahres vor der Produktion alle notwendigen Stoffe selber, ist auf Schnäppchenjagd, erinnert sich an Bestände im Fundus, die womöglich neu kombiniert werden können.

Edle Stoffe, raffinierte Kombinationen

Wer geglaubt hat, die Bühne arbeite „auf Entfernung“ vornehmlich mit billigen Effekten und Materialien, kommt beim Rundgang in der hauseigenen Schneiderei aus dem Staunen kaum heraus. Da hängt auf Kleiderpuppen und an Garderobenstangen jede Menge Stoffliches, das raffiniert durchwirkt, umgefärbt, plissiert, beschichtet oder kombiniert ist und dann geschickt zugeschnitten wird. „Jeder Sänger, ob Solist oder Chorist, bringt andere Maße, andere Proportionen mit. Da reagieren wir sehr differenziert in der Änderung der Ausschnittlinien – damit es stets vorteilhaft wirkt“, so Spielmann. Die Menge und Typisierung der Kostüme in dreistelliger Anzahl hat sie im Kopf. Vorbildfotos und von ihrer Hand gezeichnete Figurinen helfen den Kolleginnen in den Herren- und Damenschneidereien, diese Vorstellungen handwerklich umzusetzen.

Aida als opulentes Kostümfest

Für die Kieler Aida-Produktion hat Claudia Spielmann ein opulentes Kostümfest vorgesehen, das analog zum Handlungsort Ägypten mit bis heute im Nahen Osten und Nordafrika beständigen Traditionen spielt: dem Militär und historischen Zitaten aus dem Pharaonen-Kult. „Bei offiziellen Anlässen sieht man heute noch die Militärs zwischen den traditionell gewandeten Würdenträgern. Jeder greift, salopp gesagt, seine Tradition aus dem Koffer. Genauso machen wir das hier auch. Und das ist dann auch schon das Maximum an aktueller Modernität, die man angesichts der allemal berechtigten Erwartungshaltung im Publikum draußen erzählen kann.“

Farbkonzept für den Durchblick des Zuschauers

Im Farbkonzept mit kobaltblauem Volk und orangenen Akzenten für Aida und ihren äthiopischen Vater gelte es, Mächtige und Unterdrückte anschaulich zuzuordnen, Hierarchien zu betonen, „um dem Zuschauer Durchblick zu verschaffen“. Außerdem spielt das Bühnenbild mit seinem Boden und reflektierenden Wänden stilisierter Pyramidenformen mit hinein. Und ganz besonders das draußen gnadenlos direkte, nicht gerade „verzaubernde“ Licht. „Hier habe ich die natürliche Helligkeit, die sich in den Kostümen fangen muss. Drinnen könnte mancher Farbakzent zu extrem wirken. Auf der anderen Seite kommt zu späterer Stunde ja auch draußen künstliches Licht hinzu.“

Spaß am Triumphmarsch

Besonderen Spaß macht Claudia Spielmann die Herausforderung Triumphmarsch. Mit einem „Augenzwinkern“ will sie da „Haute couture aus dem Orient“ auffahren und lustvoll „den Kitsch streifen“. Die Königstochter Amneris erscheint mit meterlanger Schleppe, Nofretete-Hüte und Ramses-Bärte sind gefragt, Goldschätze gleißen, „Sexy Girls“ umgarnen die Siegertypen. Dabei freut Spielmann, dass die Sonne da schon untergegangen sein wird. Das macht das Zaubern leichter.

Besonderheiten für Open Air

Selbstredend denkt sie auch pragmatisch: „Die Materialien müssen was abkönnen. Die weißen Gewänder der Priester wird es mit einer Schlecht- und einer Gutwettervariante geben, weil die nicht von einem Tag auf den anderen wieder gereinigt werden können.“ Auch ist Rutschgefahr bei der Schuhauswahl ein Thema. „Und zur Not gibt es Plastiküberwürfe – da möchte ich dann aber bitte nicht dabeisein ... !“

www.theater-kiel.de

Von Christian Strehk