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Kultur Was sich mit Weihnachten reimt
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07:00 24.12.2018
Von Ruth Bender
So gingen 2016 Grüße aus dem weihnachtlichen Wohnzimmer als Feldpost an die Front. Die Karte gehört zur Sammlung von Birte Gaethke, Autorin des Buchs "Engelsgrüße aus der Ferne". Quelle: "Engelsgrüße aus der Ferne" von der Autorin Birte Gaethke, Husum Druck
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Kiel

Alisa Woronow, Volontärin im Literaturhaus:

Für mich ist Weihnachten unbedingt mit Schnee verbunden. Ich bin in Sibirien aufgewachsen und erst 2001 mit zwölf Jahren nach Schleswig-Holstein gekommen. Und in Omsk war es im Winter immer schneidend kalt und so blendend weiß, dass die Helligkeit in den Augen schmerzte, wenn man morgens rausging. Auch das Geräusch, wenn ich durch den frisch gefallenen Schnee gegangen bin, ist mir in Erinnerung geblieben: Das knirscht so richtig schön.

Deshalb bin ich auf das „Winterliche Gedicht“ von Alexander Puschkin gekommen: „Ein weißer Teppich liegt jetzt aus. / Es strahlt und lacht die Sonne. / Wohin du siehst: Ganz puderweiß / geschmückt sind alle Felder.“ Genauso ist es.

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An Puschkin (1799-1837) kommt man in Russland nicht vorbei – wir haben ihn damals schon in der Schule gelesen. Außerdem gefällt mir, dass der Dichter aus einer ganz anderen Zeit mit uns spricht. So wie er mit Worten Bilder malt, habe ich beim Lesen sofort wieder die winterliche Kindheitslandschaft in Sibirien vor Augen.

Feridun Zaimoglu, Schriftsteller:

Ich mag Heinz Erhardt, der hat mich immer schon begeistert. Weil er so aussah, wie er aussah, mit diesen über die Platte gelegten Haarsträhnen, der dicken Brille und wie er so hurtig herumstromert. So habe ich ihn aus seinen Filmen vor Augen. Und wie er dann in dieser biederen Ausstrahlung diesen groben Unfug von sich gegeben hat. Leuchtenden großartigen Unsinn.

Und ich mag Weihnachten. Deutsche Weihnacht, das ist für mich etwas Großartiges, zu dem es bei aller Liebe auch Distanz braucht. So wie bei Heinz Erhardt im Gedicht Weihnachten 1944“: „Wenn es in der Welt dezembert / und der Mond wie ein Kamembert / gelblich rund, mit etwas Schimmel / angetan, am Weihnachtshimmel / heimwärts zu den Seinen irrt / und der Tag stets kürzer wird - / sozusagen wird zum Kurztag - / hat das Christkindlein Geburtstag!“

Das Gedicht beginnt sehr lustig, aber nicht umsonst steht eben diese Jahreszahl darüber. Das ist typisch für Erhardt. Ich stelle mir dazu vor, wie Soldaten unterschiedlicher Nationalität auf dem Feld, jeder in seiner Sprache „Stille Nacht“ anstimmen. Da treffen die Bilder aus dem Schützengraben auf den Wunsch nach Frieden. Sehr einfach und immer noch gültig.

Yvonne Ruprecht, Schauspielerin am Theater Kiel:

„Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen!"

Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,

mit rotgefrorenem Näschen."

Das Gedicht haben mir meine Großeltern, als ich klein war, immer vorgelesen, und es ist mir sofort eingefallen. Anna Ritter (1865-1921) hat es geschrieben, und ich finde es so schön klar und einfach. Ein bisschen frech ist es auch:

"Ihr Naseweise, ihr Schelmenpack -

denkt ihr, er wäre offen der Sack?

Zugebunden bis oben hin!

Doch war gewiss etwas Schönes drin!

Es roch so nach Äpfeln und Nüssen!“

Da entsteht in wenigen Zeilen ein schönes poetisches Bild von Weihnachten. Bei uns in Thüringen lag damals auch immer so viel Schnee. Und Weihnachten wurde zu Hause sehr liebevoll begangen. An dem Gedicht mag ich auch, dass es so alt ist. Damit kann ich zurückreisen in meine Kindheit. Für mich ist Weihnachten eine Zeit, in der das Leben zur Ruhe kommt. Wir Schauspieler sind in der Adventszeit ja besonders gefragt. 36 Mal stehe ich bis Weihnachten im Märchen als Hexe Tyrannja Vamperl auf der Bühne. Danach ist es schön, wenn die Zeit für zwei Tage anhält und wir in Hamburg mit der Familie feiern.

Kammersänger Hans Georg Ahrens:

„Wihnachenobend

denn goht wie no boben,

denn pingelt de Klocken,

denn danzt de Poppen,

denn piept de Müs`

in Grotvadder sien Hüs !“

Dieser Anfang einer Weihnachtsgeschichte von Rudolf Kinau (1887-1975) kommt mir jedesmal in den Sinn, wenn die Adventszeit beginnt. Die ganze Schulzeit hindurch gehörte die Geschichte zum Ablauf einer Adventsfeier am Montag morgen nach dem 1. Advent, als alle Schüler und Lehrkräfte sich in der Aula zur ersten Stunde versammelten, um gemeinsam zu musizieren und Adventslieder zu singen. Im Mittelpunkt dieser Feier stand – von allen sehnsüchtig erwartet – diese Geschichte, die unser Deutschlehrer in gekonntem Plattdeutsch vortrug.

Und obwohl ich im Laufe meines Berufslebens mit unendlich vielen Weihnachtsliedern- und Geschichten in Berührung gekommen bin, haben sich die knappen Zeilen aus „De brune Schimmel“ doch am tiefsten und am nachhaltigsten ins Gedächtnis eingegraben.

Poetry-Slammer Björn Högsdal:

1. Dezember 2010

3:32 Uhr. Wachwerden.

Kind (3 Jahre alt) am Bett: „Darf ich jetzt mein erstes Türchen aufmachen?“

Meine Frau und ich: „Geh wieder ins Bett, es ist Nacht!“

4:26 Uhr. Wachwerden.

Kind am Bett: „Ist jetzt Morgen?“

„Ist es hell?“

5.42 Uhr. Draußen graut träge der Tag.

„Es ist Mooorgen!!“

„Mach am besten gleich alle Türchen auf!“

Soweit der Ausschnitt aus unserem Alltag ... Als Kind mochte ich Weihnachten, wie wohl die meisten. Dann mochte ich das Fest lange Zeit nicht besonders. Spätestens seit dem beschriebenen Morgen mag ich es wieder, weil ich diese Zeit seitdem wieder durch Kinderaugen wahrnehme. Trotzdem darf man auch das Weihnachtsfest und alles, was damit zusammenhängt, hinterfragen. Erich Kästner hat das für mich mit diesem Gedicht sehr schön gemacht. Und es passt in eine Zeit, in der soziale Gerechtigkeit stellenweise wieder so bedroht ist, wie damals, als das Gedicht geschrieben wurde:

„Stille Nacht und heil’ge Nacht – / Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht! / Morgen, Kinder, wird’s nichts geben! / Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld! / Morgen, Kinder, lernt fürs Leben! / Gott ist nicht allein dran schuld. / Gottes Güte reicht so weit … / Ach, du liebe Weihnachtszeit!“

Ausgewählt von Alisa Woronow, Björn Högsdal, Feridun Zaimoglu, Yvonne Ruprecht und Hans Georg Ahrens.