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Kultur „Es muss nur überzeugen“
Nachrichten Kultur „Es muss nur überzeugen“
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19:18 14.08.2014
Von Christian Strehk
 Der Geiger Andrei Gavrilov (l.) mit Geigernachwuchs.  Quelle: Axel Nickolaus
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Lübeck

„Pfüüüüüühhhhhhüüühhhhhh“: Saschko Gawriloff haucht und pfeift eine jener göttlich unergründlichen Mozart-Melodien, zieht dabei weite Kreise mit dem Arm, um Einstieg, Höhepunkt und Abschluss des Spanungsbogens anschaulich zu machen. Die junge japanische Geigerin Yurina Otsuka, die es zu ihm in den Meisterkurs geschafft hat, hat das Violinkonzert eigentlich schon „drauf“, zelebriert es lupenrein und sehr geschmackvoll. Aber Gawriloff will mehr. Er will vor allem Entschiedenheit hören: „Du kannst da ein Crescendo machen oder auch leiser werden, ganz wie du magst. Es muss nur überzeugend wirken.“ Manchmal greift er aber auch aus seiner Warte ein. „Im Mollteil bitte etwas entspannter, damit man die Tränen zumindest aufsteigen spürt ... Und wenn dann wieder Dur kommt, gelingt die Rückkehr in die andere, heiterere Welt umso deutlicher.“

 Der in Leipzig geborene Saschko Gawriloff gilt als einer der wichtigsten deutschen Geigenpädagogen. Der einstige Konzertmeister der Berliner Philharmoniker lehrt seit 2010 nur noch als Gastprofessor in der Hauptstadt. Ansonsten muss man dem vitalen 84-Jährigen, dem György Ligeti 1992 sein epochales Violinkonzert widmete, schon bei einem solchen Meisterkurs auflauern, um von seinem Wissen zu profitieren.

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 Doch zurück in den Kammermusiksaal der Musikhochschule. Denn inzwischen hält es den Meister nicht mehr auf Distanz vor der Bühne. Die Solo-Kadenz, die die Geigerin aus der Feder des Mozart-Forschers Robert D. Levin im Partituranhang gefunden hat, gerät ihm entschieden zu brav. „Was ist eine Kadenz?“, fragt er die des Deutschen bislang kaum mächtige Japanerin – und erntet eine etwas hilflose Suche auf dem Notenständer. „Das ist eine Improvisation! Wie im Jazz. Die können das. Und normalerweise muss man sich die Kadenz auch gefälligst selber ausdenken. Aber wenn du diese nachspielst, dann muss sie unbedingt neu aus deiner Phantasie erwachsen. Zumindest musst du dann so tun, als ob du improvisierst ...“

 Und der zweite, der langsame Satz? Den spielt die Japanerin nach Auffassung des Meisters „an der Grenze zum Herzstillstand“. Das sei alles sehr schön, aber der Patient leider bald tot. Der Blick in die Noten zeigt, dass es sich zwar um eines der eher raren Adagio-Sätze handelt, aber der Puls der Musik in zwei und nicht in vier Schlägen getaktet ist. Gawriloff, der nonchalant der inzwischen unterbeschäftigten Pianistin eine Zigarettenpause anempfiehlt, pfeift wieder. Und Yurina Otsuka beschleunigt – oder vielmehr: belebt – entsprechend ihren Part. „Ja genau! Jetzt ist das eine Stille, die singt“, begeistert sich der Meister.

 Danach stört ihn nur noch manch übergroße Bewegung der Schülerin: „Du spielst ja mit der Geige am Bogen und nicht mit dem Bogen an der Geige.“ Prompt fixiert er mit der Hand die Schnecke des Instruments und witzelt: „Wir sollten zusammen auftreten. Ich halte die Geige und du spielst drauf.“ Das Ergebnis ist erstaunlich. Der Ton wirkt fokussierter, die Klänge blühen mehr. Prompt zeichnet sich auch so etwas wie ein kleiner Triumph in den Zügen des Lehrers ab: „Das ist Mozart“, verkündet er verschmitzt ins Publikum, setzt sich zurück in die Zuhörerreihen und lässt sich von einem anderen Kandidaten einen Tango nuevo von Piazzolla hinfetzen.