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Kultur Von den Absurditäten des Zeitgeistes
Nachrichten Kultur Von den Absurditäten des Zeitgeistes
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14:19 29.01.2019
Von Thomas Richter
Gerd Knebel mit seinem aktuellen Programm „Weggugge“ im Metro Kino Kiel. Quelle: Manuel Weber
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Kiel

„Freunde! Römer! Mitbürger! Hört mich an! Begraben will ich Cäsar, nicht ihn preisen.“ Dieses sprachliche Schelmenstück stammt aus der berühmten „Leichenrede“, die Shakespeare als Höhepunkt seines Stückes Julius Cäsar Marc Anton in den Mund gelegt hat. Die Rede fehlt in keinem Rhetorik-Seminar. 

Der dramaturgische Sinn hinter den Worten, nämlich die strategische Behauptung einer falschen Tatsache, zur stärkeren Wirkung des Gegenteils,  ist auch die Attitüde, mit der Gerd Knebel bei seinem aktuellen Solo-Programm „Weggugge“ durch die Absurditäten des Zeitgeistes surft. Gleich zu Beginn seines Gigs im recht spärlich besuchten Metro-Kino macht Knebel, der in den 80ern als Sänger der Frankfurter Kult-Band „Flatsch“ von sich Reden machte und als Hälfte des famosen Comedy-Duos „Badesalz“ längst zum Kult-Star avancierte, klar, dass er natürlich keiner der einschlägigen Comedians sei.

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Gut maskierter moralischer Seismograf

„Um sich schlecht zu fühlen, braucht man keine Kabarettisten“, findet Knebel. Es brauche auch niemanden, der dem Publikum von der Bühne herab den Spiegel vorhält, und im übrigen sei er ohnehin nicht so schlau wie seine Kollegen. Koketterie? Nicht doch. Selbstredend agiert Knebel letztendlich ebenfalls wie ein (möglicherweise besser maskierter) moralischer Seismograf. Deutlich weniger elegant aber ganz im Sinne Marc Antons bestellt Knebel also das Feld für seine höhnische Saat.  Die ist in erster Linie geprägt von beißendem Sarkasmus, einem böse-scharfen Blick und einer hohen, in atemberaubenden Geschwindigkeit und mit viel hessischem Dialekt abgefeuerten Gagdichte.

Grenzenloses Schattenreich des Unerträglichen

„Weggugge“ also.  Da unterscheidet Knebel zunächst mal zwischen dem vorhersehenden, dem nachdenklichen und vor allem dem unmittelbaren  Wegschauen. Wenn beispielsweise in der U-Bahn eine Frau bedrängt wird, liest man lieber schnell im „oft spannenderen“ Zeitungsartikel weiter. „Und letztendlich ist das Tollste daran“, so Knebel, „das Tollste ist, das man zwei Tage später aus der gleichen Zeitung erfahren kann, ob und wie die Vergewaltigung denn stattgefunden hat.“ 

Knebels schier grenzenloses Schattenreich des Unerträglichen ist randvoll bevölkert mit Typen, die  Spycams auf Damentoiletten installieren („was machen die mit den Bildern“), natürlich Neo-Nazis („die heute manchmal aussehen wie Hip Hopper“), Männer, die wie er selbst, Glatze tragen und nicht gleich als Hooligans oder Faschisten abgestempelt werden wollen („schließlich hatten auch Buddha und der Dalai Lama kahle Köpfe“) bis in zu jener veganen Nervensäge, die in Limburg das Glockenspiel Fuchs du hast die Gans gestohlen geißelte und den mordenden Jäger mit dem Schießgewehr ganz streichen wollte. Knebel spinnt den Gedanken weiter und findet, dass Alle meine Entchen aus den Kindergärten verbannt werden sollte. Köpfchen unter Wasser? „Das erinnert mich an Waterboarding.“ Schwänzchen in die Höh’?  „Das ist reine Pornografie.“

Es knallt, raucht und zischt an der Oberfläche

Knebels Witz ist, nun ja, gesalzen, ziemlich unfein bis obszön, die Pointen nicht immer der letzte Schrei. Seine Geschichten haben keine Haftladung mit getimter Zündung. Sie funktionieren direkt. Es knallt, raucht und zischt an der Oberfläche. Aber Spaß macht das trotzdem, und wie...