Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Brigitte Fassbaender: „Mir ist nichts in den Schoß gefallen“
Nachrichten Kultur Brigitte Fassbaender: „Mir ist nichts in den Schoß gefallen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:33 30.11.2019
Von Christian Strehk
Gesangslegende, Intendantin, Regisseurin – und eine begnadete Vorleserin: Brigitte Fassbaender, am 28. November in der Landesbibliothek Schleswig-Holstein. Quelle: Marco Ehrhardt
Kiel

Wenn sie selber liest, dann hört man auch noch mehr den genüsslichen Spott der Berliner Schnauze über die Bühnenkollegen heraus: zu ihren Verschrobenheiten oder gar zu ihren MeToo-verdächtigen „Womanizern“ wie Sir Georg Solti oder Placido Domingo.

Von Schrecken und Magie: Versuch einer Selbstbestimmung

Das Buch – mit dem schönen, aus dem für ihre Karriere so wichtigen Rosenkavalier herbeizitierten Titel Komm’ aus dem Staunen nicht heraus – ist auf 200 Seiten eine völlig uneitle Autobiografie, die fast lapidar und dadurch noch erschreckender grauenvolle Kriegs- und Nachkriegserlebnisse schildert, das prominente Elternhaus einordnet, das errungene Glück der ersten Karrierejahre beleuchtet und dann – selber staunend – auf die interessant aufgefächerte Ernte eines Weltstars blickt. Oder den "Versuch" startet (ihr Lieblingswort!), die Magie des hochverehrten Dirigenten Carlos Kleiber zu umschreiben.

Die Alterskarriere als Intendantin und enorm fleißige Regisseurin folgt nach dem eindrucksvoll selbstbestimmten Abtritt von der Bühne: 1994 in Elektra an der New Yorker Met und mit einem Remagener Liederabend mit Elisabeth Leonskaja).

Spannende Ergänzung: Tagebuch und Regiegedanken

Besonders spannend, vor allem für Kenner der wahnwitzig aufwendigen Materie Opernwelt, sind dann 150 Seiten, in denen Fassbaender ein Regie-Tagebuch zu ihrer Inszenierung von Brittens Sommernachtstraum aufblättert und zu 13 Werken des Repertoires ihre „Regiegedanken“ preisgibt.

Das Interview zur Autobiografie

Ein paar Stunden vor der Lesung, die sie auf Einladung des Theaters und der Musikfreunde Kiel im Sartori & Berger-Speicher an der Förde abhält, treffen die Kieler Nachrichten die pünktlich und gutgelaunt eintreffende Künstlerin in der Lobby ihres Hotel zum Gespräch:

Frau Fassbaender, anders als viele andere Künstler haben Sie sich selbst die Mühe gemacht, jedes Wort ihrer Autobiografie niederzuschreiben ...

BRIGITTE FASSBAENDER: Wenn schon, denn schon. Ich habe immer geschrieben. Das macht mir Freude. Selbst die guten Zuarbeiter mengen ja immer gern recherchierte Rezensionshymnen darunter. Diese Beweihräucherung der eigenen Person wollte ich dann doch unbedingt vermeiden. Und meine Eltern waren prägende Künstler in ihrer Zeit. Und das wollte ich dabei auch persönlich ein bisschen mit aufarbeiten.

Im autobiografischen Teil spürt man sehr stark, dass Sie doch einen ziemlichen Kampf hinter sich gebracht haben ...

Ja genau. Mir ist nichts in den Schoß gefallen. Ich habe es jedenfalls nie so empfunden.

Zum Kampf in Ihrem offenbar alles andere als leichtgängigen Sängerleben gehören auch Fährnisse wie extremes Lampenfieber.

Das war immer groß – erst recht, als ich für ein Publikum gesungen habe, dass ja viel Geld gezahlt hat, um mich zu hören. Da habe ich die Verantwortung gespürt, dass man immer tausend Prozent abliefern muss und vielleicht noch mehr hätte vorarbeiten sollen. Ich war selber nie zufrieden. Ich konnte es sehr oft selber nicht glauben, wieso mein Singen dem Publikum offensichtlich sehr gefallen hatte.

Und wie ist für Sie, die eigene unverwechselbare Stimme auf Tonträgern zu hören?

Die höre ich relativ selten, meist nur in Radiosendungen, für die ich etwas heraussuchen sollte. Da komme ich dann tatsächlich „aus dem Staunen nicht heraus“. Da ist dann manches dabei, was ganz gelungen war. Aber auch einiges, wo ich mich frage: Warum hast du denn das durchgehen lassen? (lacht) Ich habe aber eigentlich ein gutes Verhältnis zu meiner Stimme ...

Und Sie mussten sich ja auch als Tochter eines berühmten Sängers eigenständig behaupten lernen.

Natürlich standen einem auch Türen offen, aber man musste eben auch eine riesige Erwartungshaltung bestätigen.

Sich von ihrem eigenen Vater ausbilden zu lassen, war aber eine richtige Entscheidung?

Eindeutig ja. Ein paar Krisen auch durch seine Starbeanspruchung haben wir gut überwunden. Und bis kurz vor seinem Tod hat er mir mit Rat und Tat beiseite gestanden, mich mit allen Opernpartien und Liedern vertraut gemacht. Es herrschte nicht dauernd Harmonie, aber größtes Vertrauen. Mein Vater hätte mich nie diesen Beruf antreten lassen, wenn er nicht überzeugt gewesen wäre, dass das Rüstzeug vorhanden ist.

Heute ist es angesichts der Massenkonkurrenz mehr denn je wichtig, dass das technische Handwerkszeug vorhanden ist. Und man muss brennen. Der Enthusiasmus ist wichtig, denn Geld verdient man in dem Beruf erst spät oder nie. Singen ist immer ein Traum! Denn machen wir uns nichts vor: Auch aus meinen vielen Meisterkursen bleiben mir nur einige wenige exzeptionelle Stimmen und Persönlichkeiten in Erinnerung.

Was haben die dann, was anderen selbst mit schönem Material fehlt?

Technik und Interpretation gehen im besten Fall wie selbstverständlich Hand in Hand. Aber junge Sänger sind ständig überfordert, weil überall die Ensembles so klein sind. Da merkt man dann schon Abnutzung und Raubbau. Bei mir ging es auch schnell mit den größeren Partien, aber ich habe nichts gesungen, was ich nicht mit meinem Vater intensiv vorbereitet hatte. Zehn Jahre, das hat er immer gesagt, muss man an einem Haus wachsen, um dann eine richtige Karriere machen zu können.

Berlin sei für Sie unverlierbar, haben Sie mir mal gesagt. Und das, obwohl sie mit ihren Eltern dort bald weggezogen sind.

Berlin hat man im Blut. Und ich bin sehr traurig, dass ich nie in Berlin inszenieren durfte, in meiner Heimatstadt, wo ich natürlich an der Deutschen Oper oder in der Philharmonie viel gesungen habe. Aber man hat dennoch immer noch einen Koffer in Berlin, wie es bei der Knef so schön heißt ...

Abgesehen von ein paar Momenten, wo sie sich über den Opernbetrieb aufregen oder scharfzüngige Beiträge zur MeToo-Debatte leisten, halten Sie die Berliner Schnauze aber im Zaum in Ihrem Buch, oder?

Na, Berlinern kann ick noch. (lacht) Aber det verliert sich vielleicht, wenn man hochdeutsch schreiben muss.

Dann die Zweitkarriere als Intendantin und Regisseurin. Sie haben auch mit großem Erfolg am Kieler Opernhaus inszeniert: Tschaikowskys „Eugen Onegin“ und jüngst die „Frau ohne Schatten“ von Strauss. Wie war denn Ihr Eindruck von Funktion und Geist an unserem Theater?

Kiel hat ein sehr schönes, leistungsfähiges und gutes Ensemble. Es gibt aber auch hier Überforderungen und Überschneidungen, so dass man beim Proben tagelang auf einen Sänger verzichten muss, weil er in irgendeiner Wiederaufnahme eingebunden ist. Das erlebt man jedoch viel an solchen Häusern, wo ein kleines Ensemble alles abdecken muss. Auffällig ist aber, dass hier extrem viel gewerkschaftlich durchorganisiert ist. Darunter leidet die Regie dann doch, wenn jedem um Punkt Eins der Hammer aus der Hand fällt – ob nun Solist, Chorsänger oder Techniker. Aber es ist ein ehrgeiziges Haus, sehr gut geführt, besonders auch in der Opernsparte durch den Direktor Reinhard Linden. Entstanden sind in jeder Beziehung erstaunlich gute Aufführungen. Schade, dass Georg Fritzsch weg ist, denn nun komme ich hier vielleicht nicht mehr zu einer dritten Regiearbeit, die ich zur Abrundung so gerne noch machen würde ...

Vielleicht ja in Karlsruhe?
Nein, der Intendant dort will keine gestandenen Handwerker (lacht). Die suchen das Risiko mit jungen Leuten.

Steckbrief: Brigitte Fassbaender

Brigitte Fassbaender wurde am 3. Juli 1939 als Tochter der bekannten Filmschauspielerin Sabine Peters und des berühmten Baritons Willi Domgraf-Fassbaender in Berlin geboren. Bereits mit 21 Jahren, noch während der Gesangsausbildung bei ihrem Vater, erhielt sie ein Engagement im Ensemble der Bayerischen Staatsoper München. Bald führt sie ihr Weg auf die bedeutendsten Bühnen der Welt. Dort tritt sie als Mezzosopran-Partnerin von legendären wie Fritz Wunderlich, Gundula janowitz, Montserrat Caballé, Dietrich Fischer-Dieskau, Hermann Prey, Lucia Popp, Gwyneth Jones oder Placido Domingo auf, singt unter Karajan, Abbado, Solti, Giulini und vor allem Carlos Kleiber.

Nach dem Ende der eigenen über drei Jahrzehnte währenden Gesangskarriere im Jahr 1994 beginnt Fassbaender ein neues Leben als Intendantin von Festspielen und Opernhäusern, als Regisseurin und Gesangspädagogin. Sie ist bis heute aktiv und wird in den kommenden Jahren Wagners "Ring des Nibelungen" bei den Tiroler Festspielen in Erl inszenieren.

Brigitte Fassbaender: Komm’ aus dem Staunen nicht heraus. Memoiren. Verlag C. H. Beck, 381 Seiten, 49 Fotos, 26,95 Euro

Der Berliner Rapper Tarek Ebéné bringt in seinem Musikvideo „Nach wie vor” drei Menschen um, die den drei AfD-Politikern Alice Weidel, Alexander Gauland und Björn Höcke nachempfunden sind.

30.11.2019

Andrea Berg ist aus der Schlagerszene nicht mehr wegzudenken. Der Auftakt ihrer neuen Tournee “Mosaik” in Stuttgart lässt erahnen, warum sie so erfolgreich ist.

30.11.2019
Kultur Hannelore Hoger in Kiel Eine Achterbahn der Gefühle

Wie vor einem Popkonzert war der Geräuschpegel im Kulturforum, einer Vorband würdig war denn auch der Begrüßungsapplaus für Veranstalterin Andrea Jung. Ihre Bitte, „alles zu geben für die wunderbare Hannelore Hoger“, wurde vom Publikum frenetisch befolgt – zur sichtbaren Freude der Schauspielerin.

Sabine Tholund 30.11.2019