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Kultur Gidon Kremer im Kieler Schloss
Nachrichten Kultur Gidon Kremer im Kieler Schloss
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13:29 26.07.2013
Von Christian Strehk
Gidon Kremer, nach wie vor mit seinen fragilen Fingerspitzentönen eine Klasse für sich, hat im ordentlich besuchten, aber nicht ausverkauften Kieler Schloss auch Gewichtiges im Programm. Quelle: Axel Nickolaus
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Kiel

Doch wenn der Geiger Gidon Kremer hier und da für kleine Frage-Phrasierungen in den Knien federt, die Pianistin Ottavia Maria Maceratini als naive Antwort Regentropfentöne aus dem Flügel perlen lässt und die Kremerata Baltica lichte Akkordtürmchen daneben stapelt, stellt sich sogar in dem Doppelkonzertchen Nevertheless Faszination ein. Denn so schlicht kann doch wohl nur Raffiniertes gestrickt sein.

Gidon Kremer, nach wie vor mit seinen fragilen Fingerspitzentönen eine Klasse für sich, hat im ordentlich besuchten, aber nicht ausverkauften Kieler Schloss auch Gewichtiges im Programm. Schostakowitschs polnischer Freund und Weggefährte Mieczyslaw Weinberg (1919-1996), erst seit der Bregenzer Festspielausgrabung seiner Oper Die Passagierin vor drei Jahren endlich international ein Begriff, kommt mit dem Concertino op. 42 zu Ehren. Der Geiger spürt bewegend dem jüdischen Schmerz, aber auch Witz und Widerhaken des Soloparts nach. Und das Kammerensemble Kremerata Baltica, in Vytautas Barkauskas hyperventilierendem Streicherstück Avanti zu Konzertbeginn noch ziemlich inhomogen, steigert sich enorm, wird zu Kremers empfindsamem Medium.

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Dann die Sommer-Kür in einem überkandidelten GidonSunSounds-Potpourri. Die Komponisten Leonid Desyatnikov, Dobrinka Tabakova, Alexander Raskatov und Georgs Pelecis (mit dem schwer kitschigen Bonustrack Blühender Jasmin) treiben die Kremerata in alle denkbaren Ecken postmoderner Beliebigkeit, von Kirmes bis Twilight-Zone, von Cluster bis Klangtapete, vom Tanzboden-Jodler bis zum DJ-Plattenteller, von Vivaldi bis Tschaikowsky. Der Kuckuck und der Esel sind auch mit dabei. Nur eines darf man sich bei diesem Tutti-Frutti-Event ganz sicher sein: dass es phantastisch gespielt ist – vom Chef und seinen Allstars (etwa dem Schlagzeuger Andrei Pushkarev) gleichermaßen.

Zum Glück aber mündet das Ganze in Astor Piazzollas Tango-nuevo-Kosmos (in Verano porteno aus seinen Vier Jahreszeiten und in die Zugabe). Da beweist Kremer noch einmal sein Gespür für den erhitzt treibenden Rhythmus, für unerhörte Klangeffekte und die allemal kunstvoll moderne Überformung des Buenos-Aires-Pulsschlags. Tosender Beifall.