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Kultur Premiere in Kiel: Faust im Pop-Gewand
Nachrichten Kultur Premiere in Kiel: Faust im Pop-Gewand
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14:59 21.09.2019
Von Ruth Bender
Vamp, Punk und Spielmacher: Anne Rohdes zeigt einen spannend hiesigen Mephisto. Quelle: Olaf Struck
Kiel

Mit der Erkenntnis scheint es nicht weit her unter den Gestalten, die hier über die Bühne irren. Ein dunkelschönes, androgynes Federwesen, das seine Verführungskräfte in den Raum wirft wie ein Popstar. Ein zauseliger Einstein-Verschnitt, der zwar nach Erleuchtung schmachtet, das Leben dabei aber verloren hat. Und auch die beiden puttig-putzigen Engelwesen sehen in ihren Glitzerkleidchen eher aus wie aus dem Fresko gefallen, als auf der Höhe ihrer himmlischen Mission.

Wie sich Goethes Sprache am Pop reibt

Als düster poppige Ego-Show lässt Annette Pullen Goethes „Faust“, Teil eins, ablaufen. Dicht am Originalton, in einer gelungen auf gute zwei Stunden verdichteten Strichfassung, in der prägende Faust-Wendungen aufs Publikum regnen – mal abgenudelt, aber unerlässlich („Schönes Fräulein, darf ich’s wagen …“), mal mit Aha-Effekt: „Ich bin der Geist, der stets verneint. Und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“ Da reibt sich die Sprache durchaus am Pop-Outfit des Abends.

Faust und Mephisto stellt die Regisseurin zwar als Wesen aus verschiedenen Welten in den Ring, lässt sie aber eher an Generationenproblem und Altmännersexismus zerschellen als in der Unterwelt. Anne Rohdes Mephisto ist in glänzendem Leder (Kostüme: Barbara Aigner) und einer lasziven Laufstegpräsenz ganz irdisch – eine anarchische Verführerin, kläffender Pudel, Vamp, Punk und Spielmacher zugleich. Alles also, was Faust weder ist noch hat – kein Wunder, dass ihm sein Sermon vom Studium der Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie nur noch zwischen Ermattung und Zynismus von den Lippen fällt.

Die Welt ein Störbild

Imanuel Humm nimmt die Gelehrtenfigur erst mächtig ernst – und befreit ihn dann in der dank des Pakts mit Mephisto verjüngten Version zur ironisch lässigen Pose, dem skrupelfreien Egotripper. Jetzt kann es losgehen in den Rausch. Ein bisschen Sinn- und Gottsuche lässt sich neben der Ekstase auch noch betreiben. Die Grenzen sind fließend in dieser Welt, die dauerhaft zum Störbild geronnen ist, seit die Antenne nach oben fehlt.

Bühnenbildnerin Iris Kraft hat dafür mit unzähligen elastischen Schnüren eine Wand über die Bühne gezogen, durchlässig von hüben nach drüben und gleichzeitig gnädig den Blick vernebelnd in die andere Sphäre, die eher Delirium ist als die Erhöhung.

Hier ist immer nur ein Teil vom Ganzen deutlich: Mephisto fragmentiert, das Schmuckkästchen, mit dem das Gretchen geködert werden soll, und manchmal plustern sich im Hintergrund auch ein paar Geister. Die Erkenntnis ist zufällig. Oder ist vielleicht doch alles nur Fausts Kopfgeburt?

Sehenswerter Einstieg: Die Neuen im Ensemble

Rasant treibt Pullen ihr Ensemble durch die Episoden: Das Hexentreffen zur Walpurgisnacht eine spukige Vision, Auerbachs Keller eine derb trunkene Groteske, und das Gretchen erstmal ganz bei sich in ihrer Liebesblödigkeit.

Tiffany Köberich macht das sehr sehenswert, lässt die Figur zwischen der Naiven, die locker auf Youtube die Shopping Queen geben könnte, und einer bemerkenswert starken Fragerin, zwischen Parodie und Tragik oszillieren. Auch Tristan Steeg zeigt sich mit seinem zwischen naturbelassener Selbstverliebtheit und Pennäler- Schwärmerei pendelnden Faust-Famulus Wagner als spannender Neuzugang.

Dazu ist Maximilian Herzogenrath ein teutonisch ruppiger Valentin, der sich um den Ruf der Schwester sorgt, und Yvonne Ruprechts Marthe eine eifrige Strippenzieherin in fremden und eigenen Belangen. Dass alle vier nebenbei auch noch locker durch eine Handvoll Randfiguren geistern, versteht sich von selbst.

Keine Antwort, keine Erlösung

Nicht alles geht auf an diesem kurzweiligen Abend. Ein bisschen schade, dass es nicht wirklich brizzelt zwischen Faust und dem weiblichen Mephisto. Auch das übliche Männerduo lebt ja von den Funken, die es aus seinen Disputen schlägt.

 „Heinrich, mir graut vor dir“: Mit Gretchens Worten ist das Drama dann plötzlich zu Ende. Ohne Antwort, ohne Erlösung. Faust hat sich vorsichtshalber mit Mephisto schon davongemacht.

Schauspielhaus Kiel. 27. , 28. September, 10., 13., 17., 23. 25. Oktober. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de  

Zum Saisonstart am Schauspielhaus Kiel bringt Annette Pullen Goethes „Faust“ auf die Bühne und holt das Überdrama zum großen Beifall des Premierenpublikums von seinem Sockel.

Was für ein Aufschlag: Noch bevor am 4. Oktober ihr drittes Album „Modern Retro Soul“ erscheint, hat sich die Hamburger Sängerin und Songwriterin Miu das Kulturforum in Kiel für den Auftakt ihrer Tour auserkoren. Ein Publikum im nahezu ausverkauften Saal sorgte für eine gelungene Premierenparty. 

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