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Kultur Großartig unbändig: Eschenbach und das Festivalorchester
Nachrichten Kultur Großartig unbändig: Eschenbach und das Festivalorchester
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17:00 21.07.2013
Von Christian Strehk
Ein großer Mahler-Dirigent: Christoph Eschenbach. Quelle: Axel Nickolaus
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Lübeck

Hammerschläge und Nadelstiche des Schicksals, trügerisches Sein und Scheinen, tiefenpsychologische Abgründe – all das verbindet man mit Mahlers auf der Schwelle zur Moderne balancierenden Musik. Wie intensiv das aber alles schon in der Auferstehungssymphonie angelegt ist, bleibt bei so mancher Aufführung hinter Marscheffekt und Verklärungskitsch nur Andeutung. Nicht so unter Christoph Eschenbach. Im Dialog mit den bis zum Anschlag engagierten jungen Musikern aus aller Welt ergründet er die Extreme der Partitur, das „wild auffahrende“ der c-Moll-Totenfeier im ersten Satz, die bis dato unerhörten Klangmischungen ...

 Jeder Satz erhält ein eigenes Gesicht. Der zweite, das lyrische Andante, kommt nicht als harmlos diesseitige Ländler-Idylle, sondern beinahe schauerlich als schemenhafte Erinnerung an vergangenes Glück daher. Das Scherzo trifft genau den Nerv eines bis ins Groteske verzerrten Weltgetriebe-Echos. In beiden Sätzen (wie schon bei der kraftstrotzenden Kopplung von Celli und Bässen zu Beginn des Kopfsatzes) wird zudem überzeugend deutlich, warum Eschenbach ganz im Sinne der Intention Mahlers auf die alte „deutsche“ Sitzordnung mit den links und rechts am Bühnenrand geteilten Ersten und Zweiten Violinen besteht: Die Registerwogen werden sicht- und hörbar. Auch die Fernorchester-Effekte funktionieren in der Lübecker Musikhalle hervorragend.

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 Dieses fesselnde, vom Publikum größtenteils atemlos verfolgte Risiko-Niveau eines „Über-alle-Grenzen-Hinausdrängens“, das sich vom flüsterleisen Pianopianissimo bis zum ohrenbetäubenden Schicksalsdröhnen manifestiert, erreichen die hinzu gebetenen, gestandenen Gesangsprofis nicht. Lioba Braun hat von der Empore herab immerhin den herben Reiz ihrer Altstimme zu bieten. Doch fehlt es ihr für „größte Not“ und „größte Pein“ an jener existenziellen Eindringlichkeit, die im Orchester bebt. Die Sopranistin Marisol Montalvo, die in den Staaten 1992 zunächst als Miss Amerika und später dann von Eschenbach als außergewöhnliches Stimmtalent entdeckt wurde, enttäuscht mit flackernder Gesangslinie und allzu kurzatmigen Melodiebögen.

 Die wirklich würdige Auferstehungsfeier analog der grandiosen Orchesterleistung obliegt daher dem Festivalchor. Einstudiert von Rolf Beck gelingt ihm der raunende „Misterioso“-Einstieg sehr stimmungsvoll. Auch die Textartikulation ist – zumal für ein 30-Nationen-Ensemble – anständig. Und Eschenbach sorgt dafür, dass das „Sterben, um zu leben“-Finale nie zu Gebrüll ausartet, sondern kontrollierte Klangmacht behält. Das rettet das Werk endgültig vor einer ihm gern vorgeworfenen Trivialität. Hier ist man ehrlich beeindruckt, nicht äußerlich überwältigt.

 Über die Programm-Kombination Mahler und Mozart könne er nur so viel sagen, dass beide Komponistennamen mit einem großen „M“ begännen, hatte Eschenbach am Rande der Büdelsdorfer Proben verlauten lassen. Und tatsächlich bietet die Aufführung von Mozarts D-Dur-Violinkonzert KV 218 das apollinisch schöne Gegenbild zum dionysisch aufregenden Mahler. Der taiwanesisch-autralische Geiger Ray Chen führt einen leuchtend strahlenden, elegant und liebevoll artikulierten Stradivari-Ton vor, der vom Orchester sanft getragen und allenfalls im Finale durch kleine Wackelkontakte irritiert wird. Seine erstaunliche Abgeklärtheit lässt der Shootingstar Chen nur für Momente beiseite: Wenn er in (eigenen?) Solokadenzen plötzlich stilistisch fragwürdige, aber allemal interessante Kapriolen schlägt oder in der perfekt servierten Zugabe (Paganinis Caprice Nr. 21 mit ihren „amourös“ schmachtenden Doppelgriff-Sexten und den verteufelt wilden Aufstrich-Stakkati doch noch Hexenkunst anklingen lässt.