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Kultur Großes Misstrauen: Der Neue an der Berliner Volksbühne
Nachrichten Kultur Großes Misstrauen: Der Neue an der Berliner Volksbühne
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19:01 16.05.2017
Chris Dercon auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen in Berlin-Tempelhof, den er bespielen will. Quelle: dpa
Berlin

Diese Pressekonferenz geht schon für sich genommen als Theater durch, ein Drama mit langem Vorlauf – es war klar, da kommt jetzt einer auf die Bühne, der räumt die Möbel um. Der ordnet dieses Haus aufs Neue, das 100 Jahre zur Elite zählte, und es war denkbar, dass Chris Dercon gar den hochgeschätzten Schnitzeltag in der Kantine untersagt. So war die Lage. An der Berliner Volksbühne, die sonst so furchtlos und mit Vorliebe das anti-bürgerliche Fach bedient, hat sich gewöhnliche Angst breit gemacht: Ein neuer Chef tritt an, er kommt im Sommer. „Verdammt, der Boden wankt!“, so lässt sich die Stimmung am Haus umreißen.

Warum haben die Leute Angst? Jetzt kommt ein neuer Intendant, Chris Dercon aus Belgien, 58 Jahre alt, seit 25 Jahren hat an der Volksbühne Frank Castorf, 65 Jahre, aus Ost-Berlin regiert. Wer mit Castorf klarkommt, ein Typ mit Schnauze, Turnschuhen und A…loch-Wörtern im Köcher, warum sollte der vorm Gentleman Dercon Reißaus nehmen, der bislang die Kunsthalle Tate Modern in London geleitet hat?

Das Drama beginnt, Dercon tritt Dienstag vor die Journalisten im stillgelegten Berliner Flughafen Tempelhof. 13 Uhr, Mittagszeit, man könnte jetzt ans Essen denken und an Schnitzeltag, doch es geht hier um Größeres. Um das Berliner Image, denn so einen Aufschrei hat man in der Hauptstadt lange nicht erlebt. Dercon sei neoliberal, das war der Satz, der treffen soll. Presse, alte Volksbühnenleute und auch der linke Kultursenator Klaus Lederer hat ihn in Varianten aufgegriffen.

Dercon kommt, langer Schal um den Hals, und sagt in einem Deutsch, das er in Brüssel bei den internationalen Pfadfindertreffen gelernt hat: „Es geht jetzt nicht mehr um mich. Das ist gut so. Die Journalisten haben viel über mich geschrieben, ich habe viel gelernt dabei. Aber nicht alles verstanden. Doch wir wollen jetzt am Programm gemessen werden.“ Zwei Atemzüge Pause. „Und ich habe mir sagen lassen, dieser positive belgische Akzent sei jetzt en vogue. Den werden Sie jetzt öfter hören.“ Berliner Journalisten lachen nicht. Es herrscht Stille. Oder sind sie überrumpelt vom Charme und diesem unverstellt menschlichen Ton, der in Berlin so selten ist?

Dercon: „Es gab Widerstand gegen mich, weil ich nicht vom Theater komme.“

Dercon wird später sagen: „Es gab Widerstand gegen mich, weil ich nicht vom Theater komme. Ich weise als lächerlich zurück, dass ich neoliberal sei. Ich bin politisch, aber Ideologien sind Zeitverschwendung.“ Vor Wochen hat er erzählt, dass er die Ökonomisierung des Kunstmarktes, auf dessen Feld er bislang arbeitete, nicht mehr ertragen könne. „Im Theater gibt es nichts zu verkaufen, man kann es nicht besitzen. Das interessiert mich!“ Es ist also genau die Volte weg vom Neoliberalismus, die er schlägt. In Berlin werfen sie ihm das Gegenteil vor. Eine Mitarbeiterin von ihm habe neulich gesagt: „Berlin ist eine zutiefst provinzielle Stadt. Für Chris ist das eine schwierige Nummer.“

Insgesamt stehen in der ersten Hälfte der Spielzeit bis Ende Januar 16 Premieren auf dem Programm, davon 13 Eigenproduktionen der Volksbühne, acht Premieren auf der großen Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz, drei Premieren im Flughafen Tempelhof, zwei im Berliner Stadtraum, drei auf „Fullscreen“, einem neuen digitalen Spielort und eine im Grünen Salon der Volksbühne. Es geht los mit drei Einaktern von Samuel Beckett und einer Version von Euripides Stück „Iphigenie“, die der syrische Dramatikers Mohammad al-Attar erarbeitet, 40 syrische Frauen werden im Chor singen.

Der Andrang ist groß bei der ersten Pressekonferenz. Quelle: dpa

„Haben Sie auch Schauspieler?“, fragt eine Journalistin, weil der Verdacht im Raume steht, Dercon löse alles mit einer globalen Jetset-Attitüde, die ihm Senator Klaus Lederer vorwirft. „Natürlich, 250 Schauspieler!“, sagt Dercon. „Haben Sie auch eigene Schauspieler?“, hakt jemand nach, weil das Misstrauen groß ist. „Frank Castorf hatte zuletzt ein ideelles Ensemble, von nominell 27 Stellen waren elf besetzt. Drei werden bleiben. Wir möchten hier in den nächsten fünf Jahren eine große Familie mit festen Mitgliedern gründen“, sagt Dercon.

Er ist Gegenwind gewohnt. Sein Vater war Stadtplaner, die Bauern hatten ihm in Belgien, das hat Dercon als Kind erlebt, Dreck vors Haus gekippt. Aus Protest. Er kennt sowas. Ab September spielt er in Berlin. Er redet ruhig. Und vermittelt dieses eine Wort: endlich!

Zur Person

Chris Dercon, designierter Intendant der Berliner Volksbühne, der ab September die Arbeit am Haus verantwortet, wurde am 30. Juli 1958 in Lier/Belgien geboren. Bislang arbeitete Dercon als Museumsmann, unter anderem am MoMA in New York, 1994 war er für die künstlerische Leitung der Documenta in Kassel nominiert, er war Direktor des Hauses für Kunst in München und arbeitete zuletzt als Direktor der Tate Gallery Of Modern Art in London. Die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist über 100 Jahre alt, sie gilt als Ort, an dem stets neue Regieformen ausprobiert werden. Im Laufe ihrer Geschichte hat sie Theater, Tanz, Bildende Kunst, Musik und Film unter einem Dach versammelt. Frank Castorf hat das Haus 25 Jahre lang geleitet.

Von Lars Grote/RND

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