Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur "Die Westler waren doch alle nur naiv"
Nachrichten Kultur "Die Westler waren doch alle nur naiv"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:08 05.03.2019
Noch immer schreibt Günter Kunert fast täglich. Am 6. März feiert er seinen 90. Geburtstag. Quelle: Georg Wendt / dpa
Kaisborstel

Herr Kunert, wie geht es Ihnen?

Leider ist es mit dem Laufen nicht mehr so weit her. Aber Klagen bringt ja nichts. Wenn es fürs Klagen Geld geben würde, würde ich 24 Stunden lang klagen.

Nun können Sie sich aber freuen, Ihr Buch ist erschienen. Es geht um Stasi, Mangelwirtschaft, Sex und Alkohol. Das wäre doch nie gedruckt worden in der DDR.

Das war mir natürlich klar. Aber ich musste es einfach schreiben. Es war eine brenzlige Situation, man wusste nie, wie es sich entwickelt. Ich hatte ja schon lange Schwierigkeiten in der DDR und wollte einfach die Situation festhalten.

Ihre Texte wurden schon in den 1960er Jahren im Münchner Hanser Verlag verlegt und Sie konnten reisen. Sie hätten das Manuskript im Westen veröffentlichen können.

Das habe ich mich nicht getraut. Ich hatte es ja auch weggelegt, weil die Biermann-Ausbürgerung 1976 dann unser Leben bestimmt hat. Da hatte ich ganz andere Sorgen.

Sie gehörten zu den Erstunterzeichnern der Protestresolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Wie lief das ab?

Mein Kollege Stephan Hermlin hat mich am 17. November vormittags angerufen und gesagt „Komm her“. Auf der Fahrt dahin folgte mir ein Funkwagen. Vorher hatte Heinrich Böll mich noch angerufen, als die Nachricht von Biermanns Ausbürgerung kam, und gefragt: „Was machen Sie denn jetzt, Sie müssen doch was unternehmen?“ Und da habe ich gesagt: „Herr Böll, es wird schon was geschehen. Auf Wiedersehen.“

Hat er nicht gewusst, dass die Telefone abgehört wurden?

Ach, die Westler waren doch alle naiv! Die konnten sich gar nicht vorstellen, dass man immer den kleinen Mann, der mithörte, in der Nähe hatte. Für mich und meine Frau war damals klar, dass wir nicht bleiben können.

Sie hätten ja bei Ihren Reisen einfach drüben bleiben können.

Ja, aber meine Frau hat immer gesagt: Ich gehe nicht ohne unsere Katzen und deine Bilder.

1979 konnten Sie gehen und alle Sachen mitnehmen.

Ja, die Zöllner haben alles dokumentiert und in russische Maschinenkisten aus Holz gepackt. Auch die Manuskripte. Das alles wurde in den Westen gebracht. Wir sind in unserem alten R16 gefahren, hinten drin sieben Katzenkörbchen.

Was hat Sie nach Schleswig-Holstein aufs Dorf verschlagen?

Ich wollte in den Norden, ich bin kein Bergfreund. Ein Hamburger Freund hatte ein Haus bei Itzehoe gemietet, dann haben wir die ehemalige Schule gekauft. Die Kisten kamen erst mal in den Keller, ich hab die auch gar nicht mehr angerührt.

Sie haben auch nie an den Roman gedacht?

Nein, wirklich nicht. Erst der ganze Trubel mit Biermann und die Ausreise, dann der Neuanfang hier. Es gab ja so viel zu tun. Ich habe geschrieben, gemalt, Hörspiele und Filme gemacht.

Wie haben Sie den Roman entdeckt?

So vor drei Jahren habe ich angefangen, in den alten Kisten zu kramen und Gedichte von damals zu suchen, um sie aufzuarbeiten. Gedichte sind ja etwas, an dem man lange arbeitet. Und plötzlich hatte ich den Roman in der Hand. Er sah furchtbar aus. Mit Maschine geschrieben und ganz viel reingekritzelt. Ich habe ihn zum Abschreiben gegeben und war neugierig, ob er was taugt. Dann habe ich drin geblättert und fand es von der Zeit nicht zernagt. Der Hanser-Verlag wollte den Roman nicht drucken. Dann habe ich ihn zu Wallstein gegeben, zwei Tage später hatte ich den Vertrag.

Haben Sie etwas geändert?

Kein einziges Wort. Auch der Titel ist geblieben.

Sie schreiben über einen Stasimann „Herr Müller“. Sie hatten sicherlich auch Begegnungen mit „Müllers“.

Ja, aber nicht so offensichtlich. Ich habe nach dem Mauerfall meine Akten eingesehen und hatte Angst, dass ich jemanden von unseren Freunden finden würde. Aber es war Gott sei Dank niemand von den engsten Freunden dabei.

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Im Bett. Wir hatten am Fußende einen Fernseher, meine Frau weckte mich, dann haben wir zugeguckt.

Ahnten Sie, dass es mit der DDR schnell zu Ende gehen würde?

Nein, aber da die Situation immer schlechter wurde, erwartete ich irgendwas. Auch wegen Gorbatschow. Ich habe mit Freunden jeweils um eine Flasche Sekt gewettet, dass es eine große Veränderung geben wird, und habe dann mehrere Flaschen gewonnen.

Günter Grass hat sich ja gegen eine Wiedervereinigung positioniert.

Grass war im Grunde ein realitätsblinder Mann. Wir haben uns zwar öfter gegenseitig besucht, bis zum Mauerfall. Ich habe mich gefreut, er überhaupt nicht. Das war der Bruch, von da an war ich sein Feind. Wir haben kein Wort mehr miteinander gesprochen.

Schreiben Sie noch täglich?

Fast. Ich arbeite ja an meinem Big Book mit Betrachtungen, Erinnerungen, kommentierten obskuren Zeitungsmeldungen. Insgesamt 7000 Seiten. Einige sind schon erschienen, die anderen folgen noch.

Interview: Petra Haase

Von Petra Haase

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

„So tickt Deutschland“: Autor Stephan Grünewald legt in seinem neuen Buch als Psychologie die Nation auf die Couch – und plädiert für den Mut zum Streit.

05.03.2019

Romantik gegen Rassismus: Oscar-Regisseur Barry Jenkins verfilmt James Baldwins Roman „Beale Street“ (Kinostart am 7. März).

05.03.2019
Kultur Neues Buch von Ferdinand von Schirach - „Kaffee und Zigaretten“: Ohne Filter

Ferdinand von Schirach hat mit „Kaffee und Zigaretten“ sein bisher persönlichstes Buch geschrieben – eine Rezension.

04.03.2019