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Kultur Händel in Las Vegas
Nachrichten Kultur Händel in Las Vegas
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11:37 26.02.2019
Von Jürgen Gahre
Käfig voller Narren: Yang Xu (Elviro), Max Emanuel Cencic (Arsamene) und Franco Fagioli (Serse). Quelle: falk von traubenberg
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Karlsruhe

Gleich zu Beginn kündigt eine Stimme aus dem Lautsprecher an, dass die „The Serse Show“ gleich beginnen wird. Glanz, Glitter und Glamour auf der Bühne verraten schnell, dass die Oper in dieser Inszenierung nicht in Persien spielt, sondern in Las Vegas. Und aus dem persischen Großkönig Xerxes / Serse ist der wegen seiner schrillen Las-Vegas-Shows berühmte Entertainer Liberace geworden.

Szenisch aufgeppte Ouvertüre

Schon während der Ouvertüre ist er in einem Schminkraum vor einem großen Spiegel zu sehen. Eine Frau flirtet mit ihm, im Nu werden sie sich einig und haben Sex in allen nur denkbaren Positionen. Gleich danach tritt Serse / Liberace in einem in vielen Farben schillernden Anzug an einem prachtvollen Flügel auf und spielt die berühmteste Arie von Händel: „Ombra mai fu“, das sogenannte „Largo“, mit softer Orchesterbegleitung.

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Grelle Show

Erfreulicherweise ist dies der einzige grobe Eingriff in die Partitur, so dass man über den anfänglichen Schock bald hinweg kommt. Es beginnt eine grelle Show, deren Aktionismus und Buntheit von Szene zu Szene gesteigert und überboten wird – bis hin zu einem aberwitzigen Finale, in dem die Brautleute und deren Gäste vor einer geschmacklosen „Wedding Church“ mit Revolvern aufeinander losgehen, wo sich Frauen mit Pfefferspray wehren und den überwältigten Mann nach allen Regeln der Kunst verdreschen. Und mittenmang taucht Serse / Liberace als Obertucke auf, in einem Dress, das an Showeffekt jeden Rad schlagenden Pfau übertreffen würde. Dass er dann doch nicht die Frau bekommt, die er haben wollte, gibt dieser turbulenten Schlussszene die nötige ironische Würze.

Urkomische Situationen

   Liberaces berühmter Spruch „Too much of a good thing is wonderful“ / „Zuviel des Guten ist wunderbar“ wird nicht nur im Finale, sondern auch während der gesamten Oper befolgt. Was gibt es da nicht für köstliche, urkomische Situationen! Und selbstverständlich kommen Erotik und Sex keineswegs zu kurz! In einem luxuriösen, mit hübschen Flamingos ausstaffierten  Swimmingpool geht es hoch her: Die vielen leicht bekleideten und vergnügungssüchtigen Besucher dieses Etablissements haben „fun“ im Übermaß. Und vor einer schwulen Kneipe betatschen und küssen  sich die Männer nach Herzenslust. Erstaunlich übrigens, wie gut man nach Händels Musik in einer Disko tanzen kann!

Köstliche Atalanta von Katherin Manley

   Da in HändelsSerse“ durchaus auch Züge des venezianischen „dramma giocoso“ zu finden sind, kommt auch der Humor nicht zu kurz. Katherine Manley hat dazu in der Rolle der Atalanta reichlich Gelegenheit, die Handlung mit drolligem Witz aufzulockern. In dieser Oper ist sie das hässliche Entlein, das in Sachen Liebe ständig Pech hat. Sie aber gibt nicht auf, wirft sich allerlei Männern an den Hals und wird immer wieder abgewiesen. Sie nimmt das alles locker hin, was zu äußerst komischen Situationen führt.

Phänomenaler Serse von Franco Fagioli

   In diesem Sittenbild der 1980er Jahre aber geht es nicht nur schrill zu, denn Händels wundervolle Musik fordert auch zu Reflexion und Innehalten auf. Diese Minuten der Besinnung gibt es sehr wohl in Cencics ansonsten grell-bunter Produktion. Ihre emotionale Wirkung ist durch den kontrastreichen Rahmen umso wirkungsvoller, zumal dann, wenn der Countertenor Franco Fagioli in der Titelrolle alle Register seiner phänomenalen Kunst zieht. Unglaublich, mit welcher Leichtigkeit er selbst die schwierigsten Koloraturgebirge besteigt.

Regie und Stimme: Max Emanuel Cencic

Max Emanuel Cencic steht ihm da in nichts nach – allerdings ist seine Rolle als Arsamene nicht so umfangreich wie die des Serse. Beide Brüder wollen Romilda besitzen, die von Lauren Snouffer verkörpert wird. Mit natürlichem Charme und einem glockenhellen Sopran gewinnt sie schnell die Herzen des Publikums. Dass Serse sie begehrt, geschieht wohl kaum aus Liebe, sondern aus der Obsession heraus, besonders jene Frauen besitzen zu wollen, die sich ihm verweigern. Da er in Cencics Inszenierung der durch und durch schwule Superstar Liberace ist, wundert es, dass er hier ausschließlich Frauen zu erobern versucht.

Vorzügliches Orchester

   Die vorzüglich aufgelegten Deutschen Händel-Solisten werden von dem griechischen Barock-Spezialisten George Petrou zu vitalem und stets stilvollem Musizieren animiert. Das Publikum bedankte sich mit standing Ovations und lauten Bravos für diese abwechslungsreiche, brillante „Serse Show“, die dank Händels Musik sehr viel mehr als Entertainment ist.

www.staatstheater.karlsruhe.de 

Weitere Aufführungen am 26. Februar und bei den Händel-Festspielen Karlsruhe 2020 (der Vorverkauf hat bereits begonnen). WA-Premiere: 21. Februar 2020, dann noch: 25. & 28. Februar 2020