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Kultur Hannes Wittmer: Besonderer Gig in Kiel
Nachrichten Kultur Hannes Wittmer: Besonderer Gig in Kiel
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13:48 05.08.2019
Von Thomas Richter
Hannes Wittmer mit seiner Cellistin Clara Jochum im FahrradKinoKombinat.
Hannes Wittmer mit seiner Cellistin Clara Jochum im FahrradKinoKombinat. Quelle: Björn Schaller
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Kiel

Das Alter Ego ist nun Geschichte, das Aufbegehren stärker denn je.

Gegen Ende des in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Gigs macht ein Stapel mit edel bedrucktem Papier die Runde. Es ist das ausgelagerte Artwork für Wittmers neue Platte „Das große Spektakel“. Das erste unter eigenem Namen veröffentlichte Werk gibt es allerdings nirgendwo zu kaufen „Ich will keine Geschäftsbeziehung mit Dir eingehen und keinen Kaufvertrag mit Dir abschließen, sondern etwas austauschen, nach unseren eigenen Regeln“, steht da im Innenteil des leeren Covers. Die Musik gibt’s auf der eigenen Homepage ausschließlich zum freien Download nach dem „Pay-What-You-Want“-Prinzip. Jeder zahlt soviel, wie ihm der Spaß wert ist.

Aufgeschlossen am Rande der Radikalität

Spaceman Spiff war das Pseudonym des Comic-Charakters Calvin aus den grandiosen Strips „Calvin & Hobbes“. Wann immer sich der sechsjährige Junge – meistens in der Schule – auf  der Flucht vor den Widrigkeiten der Erde ins Weltall träumt, reiste er als Spiff.  Das passte irgendwie ziemlich gut zu Wittmer, der auch nicht eben ein rosarotes Weltbild vertritt, damit aber drei recht erfolgreiche Alben produzierte. Ohne die charmante Maskerade, gewissermaßen mit offenem Visier, geht Wittmer nun einen Schritt weiter, streift dabei die Radikalität und bleibt doch stets verbindlich und aufgeschlossen.

Der Schmerz passt auf eine Single

„Das große Spektakel“ erzählt von „den Überlegungen, dem Zweifel, der Hilflosigkeit, der Wut, der Hoffnungen und den Ideen, die mich schon lange umtreiben“ offenbart Wittmer. Ganz wunderbar begleitet von der Cellistin Clara Jochum singt der gewiefte Song Poet mit der Gitarre ausdrucksstarke Lieder, die, Gedichten gleich, Zeit brauchen, deren Kraft nicht gleich im Pop-Song-Format zu wirken beginnt. Obwohl Wittmer genau dieses Format bedient. Er schwafelt nicht, sein Schmerz passt auf eine Single. Das ist mal träumerisch schön wie in der Piano-Ballade „Schatten“ mal einnehmend folk-rockig („Hier und der Wahnsinn“), sogar punkig („100.000 Kilometer“) oder geradezu melodramatisch aufbrausend wie im Finale des Auftritts „Satelliten“.

Es geht um den ganz normalen Wahnsinn des Alltags, Lebensentwürfe die scheitern, oder es einfach nicht taugen. Es geht um den entwürdigenden und entmündigenden Turbokapitalismus, aber auch um die kleinen Silberstreifen am immer dunkler werdenden Grau des Horizonts. Und es geht um Widerstand, um Alternativen, um Neustarts.

Wittmer hat die Waffen noch längst nicht gestreckt

Spaceman Spiff ist gelandet. Hannes Wittmers Frust sitzt tief, seine Wut und Melancholie auch. Aber er hat die Waffen noch längst nicht gestreckt. Denn wie heißt es in „Wände“ einem älteren Song des Wahlhamburgers?  „Du rennst erst im Kreis und dann gegen dieses Leben aus Beton / Und dein Mut baut sich ein Fahrrad aus Zweifel und fährt darauf davon“. Mal sehen, wohin die Reise geht. Toll klingen tut sie auf jeden Fall. 

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