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Kultur Musizieren „auf der Stuhlkante“
Nachrichten Kultur Musizieren „auf der Stuhlkante“
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10:00 25.08.2019
Von Michael Struck
Vielschichtige Interpretation: Solist Renaud Capuçon, Dirigent Andrew Manze und die NDR Radiophilharmonie. Quelle: Marco Ehrhardt
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Kiel.

Da ist ein Ensemble mit hör- und sichtbarem Elan am Werk, das nicht nur professionellen philharmonischen Dienst nach Vorschrift absolviert, sondern die Impulse des Dirigenten ohne gedankliche Bremsverzögerung aufnimmt und umsetzt. Der Dirigent – das ist in diesem Fall der renommierte einstige Barockgeiger Andrew Manze, der sich längst das klassische und das großsymphonische Orchesterrepertoire erobert hat und es mit einem Kombipräparat aus Barockerfahrung und Romantikbegeisterung frischimpft. Seit 2014 ist er erfolgreicher Chef dieses erfolgreichen Orchesters.

Eine entspannte Anspannung

Gleich im Eröffnungsstück – Bachs Präludium und Fuge c-Moll BWV 537 in Edward Elgars spätromantischer, orchestral in Öl gemalter Orchesterbearbeitung – fällt ins Ohr und ins Auge, was sich nur paradox formulieren lässt: eine entspannte Anspannung, ein gelassener Elan, den Manze mit großen, doch zielgenauen Bewegungen und vorausschauenden Impulsen entfacht und lenkt. Aber auch die Orchestergruppen selbst scheinen stets das Ganze des Stimmengeflechts auf dem Kontrollschirm zu haben. Dass Manze die Musiker bei Elgars Bach in die Vollen greifen lässt, ist angemessen: Auch so wurde Bach zeitweise eben verstanden. Dem Publikum beschert das großorchestralen Lustgewinn.

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Hier werden symphonische „Geschichten“erzählt

In Alban Bergs Violinkonzert und Beethovens 5. Symphonie zeigt sich, dass Manze und das Orchester konzertante und symphonische „Geschichten“ mit Motiv-Ereignissen, Themenverwandlungen und Klangdramen zu erzählen vermögen. Das tun sie mit viel Überzeugungskraft (und nur vereinzelt so druckvoll, dass die Klangtransparenz kurzfristig leicht getrübt wird). Solist Renaud Capuçon erzählt die „Geschichte“ des Berg’schen Violinkonzertes mit gleicher, geigerisch souveräner Gestaltungskraft. Und so verdeutlichen Solist, Dirigent und Orchester die Entwicklung des Werkes: vom Präludieren über die Tonfolge leerer Geigensaiten und den Phasen umflorter Ländler-Seligkeit bis hin zum unerbittlichen Todesrhythmus und dem anrührenden Abgesang mit Bach-Choral. Und sie stellen klar, wie vielschichtig das Werk ist: kammermusikalisch, kompakt symphonisch und auf hintergründige Weise konzertant im In- und Gegeneinander von „Individuum“ und „Kollektiv“. Die packende Aufführung findet große Zustimmung. (Zugabe: die von Capuçon unbegleitet dargebotene Melodielinie einer Ballettmusik aus Glucks Orpheus und Eurydike, die man als zweiten Teil des Reigens seliger Geister oder schlicht als „Melodie“ kennt.)

Nach feuriger Zustimmung die Feuerwerksmusik

Und Beethovens „Fünfte“? Auch die erklingt frisch, unverbraucht, „sprechend“. Na gut, Manze scheut sich nicht, die traditionellen kleinen dirigentischen Tempostopps zu zelebrieren. Doch das souveräne Drängen des Kopfsatzes fesselt ebenso wie der erfreulich fließend genommene langsame Satz, dessen marschähnliche Fortissimo-Episoden nicht protzig-breit, sondern vital energisch daherkommen. Scherzo und Finale setzen diese Deutung des „Per aspera ad astra“ konsequent fort. Die Zustimmung gerät daraufhin so feurig, dass sie mit der zugegebenen Eröffnung von Händels "Feuerwerksmusik" klangprächtig gelöscht werden muss.

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