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Kultur Des Künstlers neue Saiten und Seiten
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10:33 22.05.2019
Von Thomas Bunjes
Sänger, Violinist, Komponist, Maler, Autor und Clown – der Niederländer Herman van Veen darf ohne Übertreibung als Ausnahmekünstler gelten. Quelle: Peter Thomsen
Kiel

Das Cover Ihres neuen Albums „Neue Saiten“ ziert ein Gemälde von Ihnen mit dem Titel „Contrabas Divers“, das schematisch einen bunten Kontrabass zeigt. Wie ausgeprägt verfolgen Sie Ihre Karriere als Maler, wie viel Zeit bleibt dafür neben der Musik?

Herman van Veen: Es kann Wochen geben, da tue ich nichts anderes als malen. Das ist sehr abhängig davon, was mich warum inspiriert. Wenn ich dann anfange, kann ich überhaupt nicht vorhersehen, wie lange das dauert, weil ich kein gelernter Maler bin. Ich muss alles entdecken. Ab und zu geht das sehr schnell, und ab und zu kommt kein Ende daran.

Sie arbeiten dann lange an nur einem Bild?

Es ist oft so, dass ich an mehreren Projekten gleichzeitig arbeite. Ich kann nachts aufstehen, weil ich dann eine Idee habe und mit dem Frühstück bin ich wieder da. Das ist sehr spontan.

Gibt es Blöcke - ein Block mit Malerei, dann wieder ein Block komponieren?

Nein, das ist kein Regelmaß. Das ist sehr abhängig von Stimmungen, Ideen, Inspirationen. Es ist für mich eine schöne Balance zwischen der Tour, im Garten arbeiten, mit der Familie beschäftigt sein. Das ist das, was ich ganz alleine tun kann. Das finde ich sehr schön.

Und da müssen Sie dann auch ungestört sein, beim Malen.

Ich tue das in einem Stall mit sehr schönem Licht – wir wohnen auf einem Bauernhof – und ich brauche nur zu gucken, brauche nichts zu bedenken. Ich guck’ sehr gut um mich herum und dann findet es statt, sozusagen. Und es ist abstrakt. Ich kann keine Kuh malen.

Aber der Kontrabass auf dem Cover ist ja schon konkret ...

Ja, ja, das hat zu tun mit dem Thema Musik und auf diesem Instrument befinden sich keine Saiten. Da kann man sehen, was man will. Oder hören, was man will.

Ist das dann auch ein Kontrapunkt zu dem Albumtitel „Neue Saiten“?

Alle Lieder auf dieser Platte haben mit Zukunft und Vergangenheit zu tun. Ich komme in ein Alter, dass es realistisch wird, dass ich auch mal neue Saiten bekomme oder brauche. Wenn man so alt ist wie ich, dann spürt man überall mehr kleine Sachen. Und ich weiß nicht, wie lange ich noch ohne Reparaturen kann.

Sind es einfach neue Songs? Oder sind es auf diesem, wie ich finde, wieder sehr abwechslungsreichen Album, kompositorisch tatsächlich neue Seiten bei Ihnen, wenn ich den Titel mal mit E schreibe? Im ersten Song „Breaking news“ imaginieren Sie zum Beispiel zwischen anfänglicher Kühle und träumerischer Heiterkeit schwebenden Melodie die Gefahr eines Krieges bei uns statt weit weg. „Mach die Tür nicht zu“, appellieren Sie dort. An Kinder, wegen der Vornamen? Und ist die Tür zum Frieden gemeint oder die im Sinne einer Landesgrenze für Flüchtlinge oder beides?

Das ist schwierig zu erklären. Das ist für mich ein Gefühl, so’n bisschen wie eine Stufe zwischen Vergangenheit und Zukunft: Warte ab! Schließ es nicht ab! Du kannst es nicht wissen. Mach diese Tür bitte auf!

Aber die Krieg ist ja sehr präsent in diesem Lied, das ist ja das zentrale Motiv.

Es war, glaube ich, William Shakespeare, der sagte: Die Vergangenheit ist ein Prolog. Und erst wenn man das realisiert, kann man etwas unternehmen. Im paradoxalen Sinn ist es so, dass sich die Vergangenheit immer wieder anders wiederholt – so lange, bis wir es kapiert haben. Evolutionslehre. Erfahrung, Erfahrung, Erfahrung. Und da ist mit Krieg auch so.

Aber es gibt ja nun bei uns Generationen, die kennen Krieg nicht, können hier aus nicht aus eigenen Erfahrungen schöpfen ... also müssten die sich vorstellen, wie furchtbar das ist.

Es ist eine Sache der Erziehung. Ich finde, dass man auch Schule und Universität sehr viele Chancen packen muss, um aus der Vergangenheit lernen zu können. Aber man sieht auch: Im Digitalen ist enorm viel Krieg, wenn man diese Computerspiele ansieht, die von Millionen Kindern stundenlang gespielt werden. Das ist ziemlich frightening.

Denn gerade durch das Spiel verliert es ja einen Teil des Schreckens ...

Ja.

Wollten Sie tatsächlich mal Fahrradschrauber oder Seemann werden, wie die im Lied „Zufall“ singen? Beides ist ja für einen Niederländer durchaus naheliegend als Berufswunsch, Schornsteinfeger oder Weihnachtsmann – wie später aufgeführt – ja nicht zwingend …

Ja, Fahrrad ist unser Nationalfortbewegungsmittel, das hatte ich auch vor. Kapitän, Pilot, Arzt, Tierarzt – ich habe sehr lange nicht gewusst, was ich werden wollte. Ich hätte es wissen können, wenn ich besser um mich herum geguckt hätte. Weil ich von meinen Kindern gelernt habe. Meine jüngste Tochter ist eine Lesbierin, verheiratet mit einer Frau, und so klein sie auch war, hingen in ihrem Zimmer immer schöne Frauen. Und ich habe immer gedacht, die ähneln ihrem Vater (lacht). Aber ich war dann sehr überrascht. Bei mir hingen sehr viele Sachen, die ich jetzt mache. Ich habe das nur nicht realisiert. Also: Ich hätte es wissen können.

An wen richtet sich das Lied „Deine Hände“?

Meinen Vater.

Am Schluss zitieren Sie da einen Auszug der niederländischen Nationalhymne. Warum?

„Ben ick van Duytschen bloet“, da versuche ich zu sagen: Wer ist noch ein Holländer? Wer ist noch ein Deutscher? Wer ist noch ein Türke? Vor kurzem habe ich mit einer Kollegin eine DNA-Untersuchung machen lassen, da kann man herausfinden, woher du faktisch kommst, qua Material. Und da bin ich zu 24 Prozent ein nordamerikanischer Indianer.

Im Ernst?

Im Ernst, ja! Ich dachte, ich wäre ein Holländer. (lacht)

Ein Favorit meinerseits ist diesmal das Lied „Schreib mir“ – sehr modern, eigentümlich arrangiert, textlich einladend kryptisch. Wie sind Sie auf diese Form gekommen?

Das ist das dritte Album in einer Trilogie. Es war wieder eine Zusammenarbeit mit einem jungen Musikanten, den ich sehr schätze: Marnix Dorrestein. Das war der ganz bewusste Plan: Wie würdest du das arrangieren? Im Studio waren wir drei über 60 und drei Anfang 20. Das hat so viel Spaß gemacht, und ich habe so viel gelernt. Ich bin voll begeistert von diesen Jungs.

Es spicken in dieser erneuten Kooperation mit Marnix Dorrestein wieder Electronica-Elemente die Musik, ganz besonders in „Pommes“ und auch gleich darauf in „Was fast verrücktes“ in dezenter verfremdeten Gesangslinien. Sind Sie da noch einen Schritt weiter gegangen als bei den beiden Alben zuvor?

Ja, sicher. Und sich weiß nicht, wohin das führt. Wir machen mit den Jungs ab und zu auch Live-Konzerte, und das ist grandios. Der Sound ist unwahrscheinlich trocken und so viel direkter als früher, das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Und jetzt ist die Trilogie zu Ende, und sie machen etwas ganz anderes? Oder geht die Zusammenarbeit mit Dorrestein noch weiter?

Ich habe jetzt noch nicht vor, ein neues Album zu machen, aber dann frage ich zu 100 Prozent diese Jungs wieder.

In unserem Interview vor mehr als zwei Jahren kamen wir am Schluss auf Kinderrechte zu sprechen, wie elementar die seien, um noch etwas zum Guten zu wenden. Rein juristisch betrachtet ist man da nicht wirklich weitergekommen. Aber es gibt Bewegung in der Jugend: Fridays for Future, weltweit, auch in den Niederlanden. Wie viel Hoffnung setzen Sie in diese Bewegung?

Ich habe auf Facebook dazu etwas geschrieben: Wenn ich nicht unterwegs gewesen wäre, wäre ich dabei gewesen. Ich halte das für sehr, sehr interessant und seit damals in der Nach-Kalter-Krieg-Periode hat es auch in Holland solche Demonstrationen nicht mehr gegeben. Dieses schwedische Mädchen hat eine viel beachtete Rede gehalten und es war glasklar, was sie sagte.

Interview: Thomas Bunjes

Konzerte am 23., 24. und 25. Mai, jeweils 20 Uhr, Kieler Schloss

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