Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Farbenmagie und Menschenkenntnis
Nachrichten Kultur Farbenmagie und Menschenkenntnis
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:35 24.04.2019
Kuratorin Uta Kuhl erläutert in der Ausstellung "Impressionist des Nordens - Hans Olde der Ältere" das faszinierende Gemälde "Hünengrab bei Bülk (Herbstturm am Meer)" aus dem Jahr 1894. Die große Sommerausstellung der Landesmuseen Schloss Gottorf (bis 20. Oktober 2019) ist die erste große Retrospektive über den Künstler. Quelle: Carsten Rehder
Anzeige
Schleswig

Was für Farbexplosionen, was für ein durchstrukturiertes Chaos in der Pinsel- und Spatelführung, in den erhabenen und den zurücktretenden Ölschichten! Hans Olde d. Ä. flutet mit dem knallgelben Gewirr gleich drei Viertel des schon 1895 entstandenen Gemäldes Rapsfeld an der Ostsee. Dahinter wogt, bei Windstärke Fünf bis Sechs eine tiefblau, ein wellschattenschwarzes und punktuell weißschaumiges Meer. Darüber gleißt der Himmel grell zerrissen in Weiß.

Hans Olde als "Vorreiter der Moderne"

Die Landesmuseen Schloss Gottorf entdecken nach jahrzehntelanger Vorplanung in Olde den „Impressionist des Nordens“. Museumsdirektorin Kirsten Baumann hatte 2017 auf Gut Seekamp bei Schilksee anlässlich der Schau zum 100. Todestag versprochen, endlich mit einer spektakulären Retrospektive an der überfälligen Ehrung eines norddeutschen „Vorreiters der Moderne“ mitzuwirken.

Anzeige

Highlight des Sommers auf Gottorf

Was die zur Eröffnung anreisenden Nachfahren und die Besucher als „Highlight des Sommers“ in der Reithalle zu sehen bekommen, ist in der Tat erstaunlich. Unter 125 ausgestellten Exponaten sind 62 aus eigenem Bestand. Über „Mundpropaganda“ seien aber allein 30 nie gezeigte Leihgaben aus Privatbesitz hinzugekommen, auch öffentliche Sammlungen in Dresden oder Kassel haben Werke freigegeben. Nur der vergleichsweise berühmte Schnitter von 1893 ziere jetzt an exponierter Stelle das neue Bauhaus-Museum in Weimar. Baumann sieht das positiv: Hier zeige sich die Bedeutung Oldes als Reformer der Kunstakademien in Weimar und Kassel.

Olde-Forscher Christian Walda und Uta Kuhl

Solche zeitaufwändigen Leitungsfunktionen haben nach Auffassung der Kuratorin Dr. Uta Kuhl, die auf Gottorf gerne die Olde-Forschungen von Dr. Christian Walda aufgegriffen hat, dazu beigetragen, dass im Schaffen des Impressionisten nur ungefähr 400 Werke den 4000 des weit verbreiteter rezipierten Max Liebermann gegenüberstehen.

Lichtstudien angeregt von Claude Monet

Kuhl gelingt es, im Rundgang die künstlerische Entwicklung des 1855 in Süderau geborenen holsteinischen Gutsbesitzer-Sohnes anschaulich zu machen. Da erstaunen schon die frühen Erfolge der 1880er-Jahre mit erzählerisch starken Genreszenen wie der Ährenleserin und einem späten Realismus von grandioser Stofflichkeit und handwerklicher Könnerschaft. Dann erlebt Olde in Paris Claude Monets serielle Lichtstudien über Heuhaufen und sieht seine norddeutsche Heimatlandschaft neu. Plötzlich lösen sich feste Strukturen auch bei ihm in impressionistisch hingeworfenen oder -getupften Strichen auf, schillern Seekamper Schneebilder in unerhörten Farbreflexen, fegt der Herbststurm vom weißgrauen Meer und wildblauen Himmel her in tausend zerfetzten Braunstufen über ein Hünengrab bei Bülk (1894).

Hans Olde: Münchner Secession, Schleswig-Holsteinische Kunstgenossenschaft

Wie weit wäre Hans Olde stilistisch noch gegangen, wenn er das geschätzte Kaiserreich überlebt hätte? In München Mitstudent und Freund von Lovis Corinth und Gründungsmitglied der dortigen Secession und hier der Schleswig-Holsteinischen Kunstgenossenschaft (wie der ähnlich gelagerte Fall des Hamburger Impressionisten Ernst Eitner) zeigt durchaus Ansätze expressiverer Gestaltung. Um 1900 herum werden die Werke wildwüchsiger. 1913 hat die Rast im Wald (auch so ein Pfund aus einer Privatsammlung) bereits kühne Farbwerte und Formen.

Porträts von Nietzsche, Groth und Kaiser Wilhelm

Jenseits seiner packenden Naturbilder verdiente Olde schon höchste Anerkennung als Porträtmaler. Uta Kuhl verweist auf die schon rein handwerklich betrachtet hohe Kunst in der Erfassung von Stoffgewebe und präsentiert die Spannweite von privaten und offiziellen Porträts. Da ist schon 1884/85 die depressive Stimmung der Schwester Unter Blütenbäumen perfekt im heftigen Kontrast getroffen oder begegnet, neben ohnehin berühmten Beispielen zu Klaus Groth oder des späten Friedrich Nietzsche, 1915 das wohl sprechendste und menschlichste Abbild Kaiser Wilhelms II. überhaupt. Kuhl: „Olde war ganz offensichtlich ein Menschenkenner“.

Hörstationen und Olde-Skizzen

Vier Hörstationen, unter anderem als Beitrag der Enkelin Johanna Olde, rücken Werkdienliches punktuell näher. Auf der Empore ergänzen Studien-Skizzen das Programm. Dort sollte man auch die sich diesmal herrlich in Farbverwischungen suhlenden Schweine aus dem Jahr 1900 nicht verpassen.

"Impressionist des Nordens": die Ausstellungsdaten

Ausstellung Impressionist des Nordens: Hans Olde d. Ä. Schloss Gottorf, Reithalle, Schlossinsel Schleswig. Bis 20. Oktober. Katalog, 245 Seiten: 25 Euro. Di-Fr 10-17 Uhr, Sa/So und Feiertage 10-18 Uhr. Infos im Internet.

Impressionien aus der Olde-Ausstellung auf Schloss Gottorf

Von Christian Strehk