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Kultur Über die Frische der Einfalt
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22:01 23.05.2018
Von Sabine Tholund
Wollte die Dinge, statt sie kritisch zu betrachten, positiv auf die Spitze treiben: Ingo Schulze las in der Reihe „Sprachkunst“. Quelle: Manuel Weber
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Kiel

"Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst" handelt von einem naiven Sonderling in politisch bewegten Zeiten, ein Simplex, der für alle stets das Beste will und davon selbst am meisten profitiert. Ingo Schulze knüpft mit seinem jüngsten Buch an die Tradition des Schelmenromans an.

Sein Ich-Erzähler steckt in einer unbestechlichen Alltagslogik und lässt die Jahre zwischen 1974 bis 1998 Revue passieren. Durch die Renovierung maroder Altbauten zum Millionär geworden, glaubt er irgendwann zu erkennen, dass der Wert des Geldes überschätzt wird, verbrennt er öffentlich bündelweise 1000-Euro-Scheine. Die vermeintliche Kunst-Performance macht Holtz noch reicher, doch am Ende wird er in die Nervenheilanstalt eingewiesen, wo er rückblickend mit seiner Erzählung beginnt.

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Eine gewisse Hellsichtigkeit

Die Idee, einen frischen Blick auf die Gesellschaft durch die Augen der „heiligen Einfalt“ zu werfen, hat Tradition. Im Gespräch mit Gastgeber Arne Zerbst fallen Titel wie Grimmelshausens "Simplicissimus", Cervantes' "Don Quichotte", sogar Dostojewskijs "Idiot" wird genannt. „Peter Holtz ist nicht besonders intelligent und hat keine ironische Distanz zu den Dingen. Doch er besitzt eine gewisse Hellsichtigkeit, sein einfältiges Denken bringt Wahrheiten ans Licht“, so der Autor, dem es wichtig war, dass sein Protagonist „sich einlässt auf die Menschen und Situationen, die ihm begegnen“.

 Ingo Schulze wolle "die Dinge, statt sie kritisch zu betrachten, positiv auf die Spitze treiben. Ich wollte über den Westen schreiben und den Osten dabei beim Wort nehmen.“ Ein guter Einfall, literarisch ungemein charmant umgesetzt – deshalb auch 2017 zum Deutschen Buchpreis nominiert.