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Kultur Interview: Justus Frantz wird 75
Nachrichten Kultur Interview: Justus Frantz wird 75
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18:57 18.05.2019
Von Konrad Bockemühl
Viel Elan mit 75: Justus Frantz am Flügel in seiner Hamburger Wohnung. Quelle: Ulrich Perrey
Hamburg

Sie sind gerade vom Hamburger Club der Optimisten zum Optimisten des Jahres gekürt worden. Gute Einstellung zum 75. – was stimmt Sie so optimistisch?

Niemand hat eine andere Wahl! Wenn wir aufgeben, haben wir schon verloren! Musik lebt in allen meinen Emotionen: Wenn ich Beethoven höre, brauche ich weder Kaffee noch Psychopharmaka.

Wie und wo feiern sie am 18. Mai ihren Geburtstag?

Ich feiere auf meiner Finca hier auf Gran Canaria, in einer Natur, die mich immer wieder neu inspiriert. Jedes Jahr leite ich hier im Juli ein sommerliches Musikfestival mit der jungen Welt-Elite. Dafür bin ich dann auch Ehrenbürger der kanarischen Inseln geworden.

Sie sind nach wie vor international viel unterwegs - vom Neujahrskonzert im Berliner Konzerthaus über Israel bis nach China, wo Sie häufig auftreten...

Ja, ich bin viel unterwegs. In Be’er Sheva bin ich jetzt Ehren-Chefdirigent. Nachdem ich 2018 meine Rücken-OP hatte und lange sehr krank war, genieße ich jetzt eine neue mir bis dato unbekannte Freiheit, meine Zeit einzuteilen. Aber was sage ich – wir planen ein neues, großes Friedensfestival über die Landesgrenzen hinweg in Israel Jordanien, Ägypten.

Justus in Israel Quelle: JF

Die Idee ist, viel mehr Begegnung zu schaffen zwischen Israelis, Palästinensern, Arabern und Christen. Im Juni fahre ich wieder nach China: Dort explodiert die Musikszene – da sitzen so viele jungen Leute im Konzert! Ich bin beim Mariinsky Festival zu den Weißen Nächten in St. Petersburg, überlege, beim Tschaikowsky Wettbewerb als Juror mit zu machen. Auch London und die USA stehen auf meinem Kalender. Und in Deutschland feiere ich meinen Geburtstag am 2. August beim SHMF in der Holstenhalle Neumünster mit Orffs "Carmina Burana" und freue mich schon sehr darauf! Das Konzert wird dann am 4. August noch einmal beim Rheingau Festival in der herrlichen Basilika Kloster Eberbach wiederholt.

Das klingt nicht ansatzweise nach Ruhestand...

Nein, ich weiß gar nicht, wie das geht... Die enorme meditative Kraft der Musik lässt mich nicht daran denken. Und: Heute bin ich gerade zum ersten Mal wieder 1000 Meter geschwommen. Ja, ein Tag auf Gran Canaria, das ist für mich wie ein Monat Erholung! Ich arbeite hier gerade an den späten Beethoven-Sonaten – für das bevorstehende Beethoven-Jahr. Mit der Philharmonie der Nationen werde ich auf Europatournee gehen und alle fünf Klavierkonzerte, das Tripelkonzert und die Chorfantasie spielen. Es gäbe ja noch viel mehr reizvolles: Das sogenannte 6. Klavierkonzert, ein Torso, auf den mich mein Freund Peter Ruzicka aufmerksam gemacht hat., oder auch ein „0.“, frühes Konzert aus der Bonner Zeit und die Klavierfassung des Violinkonzertes... Doch ich reduziere lieber ein wenig.

Die Finger sind also alle wieder flink, der Unfall vor anderthalb Jahren mit der Brotschneidemaschine verkraftet genauso wie die schwere Rücken-Operation?

Ja, es ist alles wieder gut!

Sie planen weiter mit der Philharmonie der Nationen (PdN). Gerade mit Blick auf die Finanzen hatten Sie nach dem Rückzug ihres langjährigen Sponsors Reinhold Würth unruhige Zeiten.

Ja, ich kann keinem Menschen raten, ein Orchester ohne Sponsoren zu unterhalten. Dass es so lange geklappt hat, ist ein Wunder. Das Geld reicht Dir wirklich nie und ich habe selbst als Sponsor jahrzehntelang gearbeitet. Wir waren schließlich in der ganzen Welt unterwegs. Im vergangenen Jahr hatten wir Engpässe, für die ich mich nicht verantwortlich fühle. Der zwischenzeitliche Geschäftsführer war zu optimistisch und verlor seinen Realismus. Mehrere russische Firmen hatten ein Sponsoring zugesagt, aber nicht eingehalten.

Waren sie zu gutgläubig?

Nun, ich wage was, und handle auch mal aus einem gesunden Bauchgefühl heraus. Aber ich hatte auch den Zuspruch und die Beratung verschiedener Wirtschaftsleute... Hinterher ist man immer klüger. Für mich ist das nun abgeschlossen, die Firma ist abgemeldet. Insgesamt habe ich aus eigenen Mitteln rund 850.000 Euro für die jungen Musiker gezahlt. Ich fühle mich einfach für sie verantwortlich. Dafür konnten wir Hunderten jungen Musikern über die PdN zum Einstieg ins Berufsleben verhelfen. Musiker, denen ich heute bei den New York Philharmonikern, den Berliner oder Wiener Philharmonikern wieder begegne. Sie haben die strengste, aber auch beste Schule bei mir gehabt. Dieser Erfolg ist für mich das schönste! So hoffe ich weiter auf Sponsoren, die die Qualität unserer Arbeit zu schätzen wissen. Außerdem haben wir einen aktiven Förderverein, Kuratoren, eine Stiftung. Mit einer neuen Geschäftsführung werde ich zu neuen Ufern aufbrechen!

Derweil entdecken Sie das Klavier wieder neu für sich?

Es ist eine Sisyphos-Arbeit, aus dem Klavier als einem Schlag- ein Gesangsinstrument zu schaffen, mit dem Klavier zu singen. Die hohe Kunst, richtig zu phrasieren, den richtigen Klang zu erzeugen, so, wie ich es mit Karajan oder Bernstein gelernt und geschafft habe. Wenn das gelingt, ist das der Himmel auf Erden.

Das SHMF ist vielleicht ihr größtes Lebenswerk ...

Auf jeden Fall das größte Wagnis meines Lebens. Andere sagen, es war „Achtung Klassik“ oder die Philharmonie der Nationen. Und auch andere Festivalgründungen wie die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern oder der MDR Musiksommer sind immer noch sehr erfolgreich. Für meine Arbeit als Intendant beim Dubrovnik Sommer Festival bin ich als Ehrenbürger geehrt worden. Für mich war es auf jeden Fall eine herrliche Zeit. Durch die Freundschaft zum heutigen Intendanten Christian Kuhnt setzt sich das fort: Etwa mit dem Konzert am 2. August in Neumünster.

Justus Frantz in China Quelle: Privat

Wie ist Ihre heutige Sicht auf das Festival?

Ich glaube, Kuhnt und sein Team machen eine sehr gute Arbeit. Meine Unterlassungssünde war es, nicht durchgesetzt zu haben, dass auch die Oper ein wichtiger und permanenter programmatischer Teil des Ganzen wurde. Das wäre die letzte Abrundung auf dem Weg zur Weltgeltung gewesen. Wir hatten damals, gemeinsam mit Valery Gergiev, mit dem großen russischen Opernfestival so spektakulär vorgelegt. Ich bin nach wie vor stolz auf diesen einmaligen Aspekt des Festivals, der vielleicht die Menschen dazu brachte, nicht nur deutsche und italienische Oper zu lieben, sondern sich auch mit der großen russischen Oper bekannt zu machen.

Blicken wir nach vorn: Mit wem etwa würden Sie gerne noch mal/mal wieder gemeinsam auf der Bühne stehen?

Ach, da gibt es so viele... Christoph Eschenbach und ich wollen nächstes Jahr wieder auf einigen Festivals vierhändig spielen – nach ganz langer Zeit, seit Mitte der 80er-Jahre. Ich freue mich sehr darauf. Und meine Zusammenarbeit mit Valery Gergiev bedeutet mir sehr viel, Er ist einer der ganz großen Dirigenten – groß geworden damals Ende der Achtziger beim und durch das SHMF....

Sie haben 1981 mit Eschenbach und Helmut Schmidt Mozarts Tripelkonzert aufgenommen. Mit welchem Politiker würden sie heute gerne mal zusammen musizieren?

Es zählt nicht zu meinen Prioritäten, mit Politikern zu musizieren. Helmut Schmidt kannte ich übrigens durch eine Kieler Wahlkampfveranstaltung seit 1957. Wir waren also die ältesten Freunde. Gergiev sagte mir mal, Emmanuel Macron würde gut Klavier spielen. Nun, bei Helmut Schmidt konnte ich das ja selbst gut beurteilen. Er hat viel in meinem Haus auf Gran Canaria geübt, und Unterricht bei mir genommen.

Das SHMF gründete sich 1985 auch aus einem Kreis, der sich erfolgreich für einen Erweiterungsbau der Kunsthalle engagierte. Nun ist die Sanierung des Konzertsaales im Schloss überfällig – aber noch nicht wirklich finanziert. Gerade, was den bürgerschaftlichen Anteil betrifft, gibt es Probleme. Mögen Sie helfen?

Ich habe sofort den Aufruf zum Erhalt des Konzertsaales unterstützt. Ich mag den Saal, habe viel in ihm erlebt. Ich bin gerne bereit, meinen Teil beizutragen, wenn man mich fragt: Ja, ich würde als Solist oder Dirigent durchaus ein Konzert, eventuell mit den Kieler Philharmonikern, ohne Honorar geben.

Der Gründer des SHMF wuchs in Ostholstein auf

Wie man auch in schwierigen Zeiten seinen Lebensmut nicht verliert, musste Frantz schon als kleiner Junge lernen. Am 18. Mai 1944 im westpreußischen Hohensalza (heute: Inowroclaw/Polen) geboren, floh seine Mutter mit ihm und den vier Geschwistern Ende des Zweiten Weltkriegs nach Norddeutschland. Sein Vater war vier Monate vor seiner Geburt an der Front gefallen. Freunde der Familie im ostholsteinischen Tesdorf machten den Jungen mit der Musik vertraut. 

Nach seinem Studium an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater bei Professor Eliza Hansen startete Frantz eine Weltkarriere, spielte unter Herbert von Karajan und Leonard Bernstein, mit dem ihm eine lebenslange Freundschaft verband. 1985 gründete er das Schleswig-Holstein Musik Festival. Nach Querelen um ein Millionen-Defizit beim SHMF trat Frantz 1994 als Intendant zurück. Auch danach stand der Dirigent, über Jahre auch Gastgeber der populären ZDF-Sendung „Achtung, Klassik“, als Musikmanager öfter in der Kritik – zuletzt 2018, nachdem angekündigte Sponsorenleistungen für die Philharmonie der Nationen nicht eingegangen waren. 

Justus Frantz’ wohnt in Hamburg-Pöseldorf. Auf Gran Canaria besitzt er eine Finca – und hat dort ebenfalls ein Musikfestival gegründet. In zweiter Ehe ist er mit der russischen Geigerin Ksenia Dubrowskaja verheiratet. Ihr gemeinsamer Sohn Justus Konstantin (14) hat auch schon mehrere Preise bei Klavierwettbewerben gewonnen.

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