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Kultur John Grisham: „Es war eine schrecklich rassistische Gesellschaft“
Nachrichten Kultur John Grisham: „Es war eine schrecklich rassistische Gesellschaft“
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06:00 02.03.2019
Einblicke in den amerikanischen Süden: In „Das Bekenntnis“ erzählt Bestsellerautor John Grisham von einem Mord im Mississippi des Jahres 1946. Quelle: Charlotte Graham / CAG Photography Ltd
Oxford, Mississippi

In seinem neuen Roman „Das Bekenntnis“ (Heyne, 592 Seiten, 24 Euro) erzählt der Schriftsteller John Grisham (64) die Geschichte eines Mordes und seiner Folgen. Im fiktiven Ford County, Mississippi, erschießt der Kriegsheld Pete Banning kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Methodistenpfarrer Dexter Bell. Er lässt sich widerstandslos festnehmen und schweigt eisern über sein Motiv – auch als ihm der elektrische Stuhl droht. Während der Autor vordergründig den Untergang einer wohlhabenden weißen Farmerfamilie vor dem Leser ausbreitet (dem er am Ende natürlich auch den Grund für die Bluttat seines Helden verrät), legt er zugleich eindrucksvoll Zeugnis ab von der Rassentrennung in seiner Heimat, die vor 70 Jahren noch so weit ging, dass der Lynchmord an Schwarzen nicht als Verbrechen geahndet wurde. Die Hausangestellten Moses, Nineva und Jupe und die namenlosen Farmarbeiter – das ist die eigentliche Tragödie dieses Buchs – sind auch in den Vierzigerjahren noch auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen ihrer Brötchengeber ausgeliefert und werden vererbt, als gäbe es noch immer die Sklaverei. Im Interview spricht John Grisham über den amerikanischen Süden seiner Kindheit und wie er sich verwandelte.

Mr. Grisham, wie schwer war es, in das Jahr 1946 einzutauchen, eine Zeit, die Sie nicht aus eigener Anschauung kennen? Wie haben Sie sich vorbereitet?

Das war in der Tat nicht leicht. „Das Bekenntnis“ ist mein erster Roman, den ich in einer Zeit angesiedelt habe, bevor ich geboren wurde. Hauptsächlich habe ich dafür die Romane von William Faulkner gelesen, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über den ländlichen amerikanischen Süden geschrieben hat.

Ein aus gutem Grund zerrissener Brief an einem Ende der Welt löst eine Katastrophe am anderen Ende aus. Ist das Ihre Variante des Schmetterlingseffekts?

Ganz offensichtlich, ja.

Die Hintergrundgeschichte zur Hauptstory über eine weiße Baumwollfarmerfamilie erzählt vom großen Unrecht gegenüber den Schwarzen Amerikas. Wie kommt es, dass der Rassismus noch heute, 154 Jahre nach Ende der Sklaverei, im amerikanischen Süden lebt?

Der Rassismus existiert hier und überall, weil die meisten Menschen nicht der Neigung widerstehen können, auf die, die anders sind, herabzuschauen und sie zu verurteilen. In den USA war der Rassismus wegen der Sklaverei schlimmer. Die Sklaverei war Amerikas größte Sünde.

Sie wurden in eine weiße Arbeiterklassenfamilie im Süden hineingeboren. Wie sah man das Rassenproblem in Ihrer Familie?

Ich wurde 1955 geboren, in den Tiefen des Jim-Crow-Südens. Unsere Welt fühlte sich irgendwie abgetrennt vom Rest an und alle Schwarzen wurden als zweitklassige Bürger angesehen. Es war eine schrecklich rassistische Gesellschaft und wir waren damals überzeugt, dass sich nichts daran ändern würde. Meine Eltern waren im Grunde gute Leute, aber auch Produkt ihrer Generation, und wie alle weißen Südstaatler damals waren sie unglaublich intolerant. Mit der Zeit habe ich es geschafft, mich zu verändern, reifer zu werden, anders zu denken und zu handeln. Und meine Kinder habe ich Toleranz gelehrt und dass sie alle Menschen akzeptieren.

Früher wurde der US-Süden in Deutschland durch Geschichten wie „Tom Sawyer“ und „Vom Winde verweht“ romantisiert. Viele Bücher, Filme und Dokus haben in der jüngeren Vergangenheit aber das Bild eines Südens voller sturer Hinterwäldler gezeichnet, Wissenschaftsignoranten, die fanatisch religiös sind und Rassisten, die Schwarze immer noch gern an den nächsten Baum hängen würden. Sind Sie als Südstaatler manchmal wütend ünber die Klischees und auf die Generalisierung?

Der Süden heute ist nicht mehr so schlimm. Wahr ist, dass er dem Zeitenwandel lange widerstanden hat, und dass er auch langsam gewesen ist, eine Gleichberechtigung herbeizuführen. Und er beherbergt tatsächlich eine ganze Menge der Leute, von denen Sie sprechen. Aber die meisten weißen Südstaatler meiner Generation, welche die Integrationszeit durchlebt haben, streben danach, das Leben aller Menschen hier zu verbessern.

In Ihrem Roman dürfen Schwarze 1946 nicht einmal zu einer Beerdigung in eine Kirche der Weißen. Wie konnten intelligente Leute die Rassentrennung über das christliche Gebot der Nächstenliebe stellen, über die zentrale Botschaft von Jesus?

Es ist schon ein großes Paradoxon, dass einige der gläubigsten Christen, Leute wie meine Eltern, auch einige der schlimmsten Rassisten waren und sind, die sich nicht oder kaum in die Notlage der Schwarzen einfühlen konnten und können. Und glauben Sie nicht etwa, dass die White-Supremacy-Leute besonders intelligent sind.

Hatte Ihre Entscheidung, als Anwalt aufzuhören, auch mit der Rassenfrage zu tun?

Ich habe damit aufgehört, weil ich plötzlich Bücher verkaufte und nicht mehr praktizieren musste. Nach zehn Jahren war ich auch desillusioniert vom Gesetz. Aber als ich Anwalt war, von 1981 bis 1991, hatten wir in Mississippi nur ein Rechtssystem, und das funktionierte im Allgemeinen gut für Schwarze und Weiße.

Zur Person: John Grisham

John Grisham, Sohn eines Bauarbeiters und einer Hausfrau, wurde 1955 in Jonesboro, Arkansas, geboren. Er studierte Rechtswissenschaften an der University of Mississippi in Oxford und praktizierte danach zehn Jahre als Anwalt. Mit dem Verkauf der Filmrechte an seinem zweiten Roman „Die Firma“ (47 Wochen auf der Bestsellerliste der „New York Times“) wurde er 1991 zum Bestsellerautor von – vornehmlich – Justizthrillern. Seine Bücher haben bis heute eine Auflage von 275 Millionen, der aktuelle Roman „Das Bekenntnis“ stieg bis auf Platz eins der „New York Times“-Bestsellerliste. Der bekennende Baptist Grisham ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt wechselnd in Mississippi, Florida und North Carolina. Grisham ist Baseballfan und engagiert sich im Innocence Project, das in den USA unschuldig Inhaftierte durch DNA-Beweise freibekommen will.

Sie haben immer wieder über das Rassenunrecht geschrieben, leben aber immer noch in Mississippi. Haben Sie keine Angst vor ungebetenen Besuchern?

Überhaupt nicht. Wir können hier unterschiedliche Meinungen über die Zustände oder die Politik haben und trotzdem miteinander klarkommen.

Gibt es Hassmails?

Nein. Nach 40 Büchern habe ich tatsächlich so gut wie keine Hassmail abgekriegt.

Wie stehen Sie zu Ihrem derzeitigen Präsidenten, der unter anderem gute Leute unter den Rechten in Charlottesville ausmachte und der Lehrer bewaffnen will, um Schulhofmassaker zu verhindern?

Er ist ein Idiot und beweist es jeden Tag. Er ist eine Peinlichkeit, der unserem Land und der ganzen Welt unermesslichen Schaden zufügt. Es wird viele Jahre dauern, den Schaden zu reparieren.

Was passiert jetzt mit „Das Bekenntnis“. Könnten Sie sich eine Fernsehserie vorstellen, in der die Geschicke der Figuren möglicherweise weitererzählt werden?

Ich bin mir nicht so sicher, ob das Buch als Serie funktioniert. Vielleicht wäre ein Film besser.

Mit der Verfilmung von „Die Firma“ durch Sydney Pollack ging ihre Karriere 1993 richtig in die Stratosphäre. Ein neuer Grisham war damals auch ein Kinobegriff. Seit Längerem gab es keine Grisham-Verfilmungen mehr. Was ist passiert?

Großartige Frage. Denn diese Filme waren gut anzuschauen und warfen Geld für alle ab. Das Problem ist heute doch, dass Hollywood nur noch wenige ernsthafte Erwachsenendramen macht. Die Studios haben das Geld und sie wollen „Spiderman 8“ machen statt richtiger Filme. Es ist frustrierend, aber ich kann es nicht ändern, und so schreibe ich einfach weiter.

Von Matthias Halbig / RND

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