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Kultur Lust aufs Festival
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08:59 06.07.2014
Von Konrad Bockemühl
 "Ich war immer der Meinung, dass die Vielfalt in Kiel besticht", sagt SHMF-Leiter Christian Kuhnt. Quelle: Axel Nickolaus
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Kiel

Mit welchen Gefühl gehen Sie in Ihre erste Spielzeit als Intendant?

Mit Gespanntheit und dem Glück, dass meine Grundideen aufzugehen scheinen.

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Was sind die Hauptcharakteristika ihres neuen Festival-Kurses?

Uns war es wichtig, mit drei roten Fäden das Festivalprogramm zusammenzuhalten. Einer widmet sich der Musik von Felix Mendelssohn. Dabei gibt es sehr vieles zu entdecken – alle Sinfonien, Oratorien, Kammermusik, bis hin zu seinem Briefwechsel mit seiner Schwester Fanny. Wir sind glücklich, dass der Schwerpunkt geadelt wurde durch die Schirmherrschaft von Königin Elizabeth II.. Dann widmen wir ein außerordentlich umfangreiches Interpretenporträt der Cellistin Sol Gabetta. Das Gesamtkartenangebot von 17000 Karten ist für eine klassische Künstlerin natürlich wagemutig – umso schöner ist es zu sehen, dass wir über 15000 dieser Karten schon jetzt abgesetzt haben. Das zeigt, dass die Menschen sich begeistern und anstecken lassen von der Energie einer Sol Gabetta.

Und dann wird geluustert....

Der dritte wichtige Themenstrang beschäftigt sich mit Musik die in keine Box hineinpasst, die mit keinem Etikett zu beschreiben ist, sondern die sich auszeichnet durch ihre Vielseitigkeit. Unter dem Titel „Luustern“ sind auch da viele Konzerte, etwa mit Axel Prahl oder Bodo Wartke, schon ausverkauft. Da spüren wir, dass dieses Einbinden von Künstlern, deren Biografie mit Schleswig-Holstein verbunden ist, bei den Menschen sehr positiv ankommt. Prahl wurde in Eutin geboren, Wartke ist in Bad Schwartau groß geworden. Es ist uns auch wichtig, Geschichten zu erzählen über das Konzertereignis hinaus.

Also hat der Abschied vom beliebt-bunten Länderschwerpunkt reibungslos geklappt?

Ja, man hat das Ländermotto nach so vielen Jahren liebgewonnen. Um so erstaunlicher war es, dass diese massive Veränderung auf außerordentlich positive Resonanz gestoßen ist. Und viele gesagt haben, es wurde aber auch Zeit. Es ist doch selbstverständlich, dass ein neuer Intendant auch neue Themen besetzt.

Was waren Ihre wichtigsten Erfahrungen im Vorfeld der 29. Festivalsaison?

Dass mit meinem Amtsantritt am 1. Oktober 2013 ich so viel Energie in diesem Land erlebt habe. Mein großer Vorteil ist meine Präsenz. Ich war in den letzten Monaten viel unterwegs zwischen Flensburg und Elmshorn und überall ist die Energie zu spüren, die dieses Festival auch trägt. Der Begriff von der musikalischen Bürgerinitiative Schleswig-Holstein Musik Festival füllt sich hier wie an keinem anderen Ort mit Leben. Das macht wirklich glücklich – und süchtig.

Sie haben mit neben neuen programmatischen Linien auch die Zahl der Konzerte vor allem in der Fläche deutlich vergrößert. Wird das Angebot angekommen?

Wir sind auch damit ein Wagnis eingegangen, aber es hat geklappt. Wir wollten zurück zu dem, was dieses Festival in den Anfangsjahren so ausgezeichnet hat, wollten zeigen, dass kulturelle Ereignisse nicht den Metropolen vorbehalten sein sollen, sondern, dass das Festival auf die Menschen zugeht, mit Qualität und Originalität. Und das wird sehr stark honoriert.

Wie ist die Nachfrage in den (wieder) neuen Orten?

Insgesamt gut. Aber wir merken beispielsweise, dass Hasselburg zu lange von der Festivallandkarte verschwunden war und wir diesen untrennbar mit der Festivalgeschichte verbundenen Ort nun wieder ins Bewusstsein der Menschen rücken müssen. Ja, es wissen nicht mehr alle, das Hasselburg ein Traum ist! Das war für uns, glaube ich, die größte Überraschung. Aber das erste Konzert ist ausverkauft und es wird sich herumsprechen. Wir halten in der Reetscheune immerhin 800 Plätze vor...

Gibt es ein Gegenbeispiel?

Kiel ist unfassbar – wirklich! Viele haben mich gefragt, ob ich verrückt sei, so viele Konzerte in Kiel anzubieten. Ich war immer der Meinung, dass die Vielfalt in Kiel besticht und wir auch mit diesen vielen Konzerten unterschiedliche Menschen erreichen. Das geht sagenhaft auf – deutlich über meinen Erwartungen, vom Maskentheater der Familie Flöz bis zu Elton John. Von 30000 Tickets, die für Kiel zur Verfügung stehen, sind jetzt schon zwei Drittel verkauft. Man spürt hier die Lust auf das Festival.

Da schmerzt es um so mehr, dass der Kieler Konzertsaal in einem beklagenswerten Zustand ist...

Ich halte das Kieler Schloss für einen einzigartigen Konzertsaal, der eine angenehme Intimität ausstrahlt. Aus meiner Sicht ist das eine gelungene Architektur der Nachkriegszeit, die aber dringend einer Schönheitskur bedarf. Versetzt man den Konzertsaal in den Originalzustand, würden wir einer Perle der Architektur der 60er-Jahre wieder Glanz verleihen. Man sollte diesen Saal nicht gefährden.

Kiel ist gesetzt, aber gibt es schon Pläne, 2015 noch mehr und an neuen Orten in die Fläche zu gehen?

Ich ermuntere unsere fleißigen Beiräte immer, uns auch wieder mit Anregungen zu versorgen. Denn die Menschen vor Ort sind unsere Location Scouts. Wir wollen jedes Jahr wieder das Festival auch ein Stück weit neu erfinden, mit neuen Themen angehen, und neuen Spielstätten. Da haben wir viele guten Ideen, ganze Landstriche, die derzeit noch unterrepräsentiert sind, verstärkt mit Festivalkonzerten zu bestücken.

Die SHMF-Ouvertüre, Jazz Baltica, hat sich in Niendorf mittlerweile gut etabliert. Das Festival war in den letzten Jahren ein finanzielles Sorgenkind. Ist die Lage stabilisiert, die Krise überwunden?

Ja, die Zukunft von Jazz Baltica ist gesichert: Da ist das starke Engagement der Gemeinde Timmendorfer Strand, die einen Fünfjahresvertrag mit uns abgeschlossen hat und jährlich 75000 Euro beisteuert. Wir haben ein neues Zuhause gefunden, und jeder, der die die Jazz Baltica hier erlebt hat, spürt sofort den einmaligen Charakter und auch diese familiäre Herzlichkeit des authentischen Ortes. Es gibt auch ein Bekenntnis des Landes zur Jazz Baltica, verbunden mit weiterer finanzieller Unterstützung – 90000 Euro in diesem Jahr. Und wir haben ein starkes Bekenntnis der Sponsoren I-Bank und Audi und das Maritim in Timmendorfer Strand dazugewonnen.

Apropos Sponsoren. Wie ist die Situation bei der Mutter, dem SHMF?

Es war natürlich sehr spannend für mich, zu wissen, dass drei Monate nach meinen Amtsantritt alles Hauptsponsorenverträge auslaufen. Wir haben sehr intensive Gespräche geführt, wie wir die Sparkassen-Finanzgruppe, Eon Hanse, Nordwestlotto und Audi als als Partner für die Zukunft gewinnen können. Mit dem glücklichen Ende, das wir alle im Boot behalten konnten. Aber wir müssen an der Partnerschaft von beiden Seiten kontinuierlich arbeiten. Das ist kein Selbstläufer. Das gilt auch für unseren Medienpartner NDR, mit dem wir glücklicherweise weiter unbeschwert und rechtzeitig planen können.

Im Nachbarland Mecklenburg-Vorpommern hat der neue Intendant Markus Fein Partizipation als sein Motto gewählt. Wie steht es damit hier?

Interessant ist, dass wir auch in Bezug auf Partizipation wieder Vorreiter sind für andere. Wir haben sehr früh den Festivalchor als Idee bekanntgemacht und die Menschen in Norddeutschland dazu eingeladen, am Abschlusskonzert mitzuwirken. Rund 165 Sänger aus den über 500 Bewerbern haben bereits für den „Elias“ geprobt. Das ist ein wunderbares Beispiel für Partizipation! Wir haben Matthias Janz und den Flensburger Bachchor die Speerspitze der Chorbewegung in Norddeutschland eingebunden mit einem zentralen Werk, „Paulus“, wir haben mit Quartonal und Sonux Ensemble zwei Ensembles dabei, die aus den Uetersener Chorknaben hervorgegangen sind. Ich habe sehr bewusst Matthias Goerne, der in Schleswig-Holstein lebt, eingeladen, Sabine Meyer, die bekennende Lübeckerin ist, gibt fünf Konzerte – das heißt, uns ist die Mitwirkung von Laien wie Profis, die den Norden prägen, außerordentlich wichtig. Und wir freuen uns, wenn eine früh verkündete Idee von uns auch von anderen kurzfristig aufgegriffen wird.

Wie nehmen Sie die Zuhörerschaft an die Hand?

Das machen wir mit den Musikfesten auf dem Lande, die wir auch wieder intensiviert haben, ganz niedrigschwellig. Ja, wir haben in diesem Jahr weniger Präludien – weil ich der Meinung bin, dass unsere Konzerte keine Hemmschwelle haben sollen, unabhängig davon, ob wir eine Konzerteinführung machen. Die Konzerte selbst sollen sozusagen auch eine Einführung in einen musikalischen Kosmos sein. Die Einführungsveranstaltungen erscheinen uns nicht als ideale Form, Menschen zu begeistern, die bisher noch keinen Zugang zur Klassik hatten. Wo wir auf jeden Fall noch einen Nachholbedarf haben und derzeit auch intensive Gespräche führen, ist die Frage, wie wir Schüler noch besser aktiv einbinden können....

Das Prinzip des Residenzkünstlers ist in Mecklenburg-Vorpommern bereits Tradition...

Ja, ich sehe in Markus Fein einen Partner, und wir tauschen uns aus. Denn die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern sind ein Kind des SHMF. Und ich sage immer, zu seinen Kindern ist man nett. Natürlich regt man sich gegenseitig an. Wir haben uns entschieden, als künstlerische Identifikationsfigur eine renommierte Solistin zu nehmen, im Nachbarland sind es traditionell Nachwuchskünstler. Wir haben keine Reibung und reden miteinander, etwa, wo wir womöglich auch noch mehr zusammen machen, Künstler austauschen können. Wir sind beide frisch dabei und begreifen uns nicht als Konkurrenten, sondern als Kollegen.

Nennen Sie uns zum Schluss Ihre persönlichen Konzerthöhepunkte?

Ich bin wahnsinnig glücklich, dass wir Sol Gabetta vom Kinderkonzert mit Pantomime bis zum Orchesterkonzert mit dem Mariinsky-Orchester bei uns haben. Valery Gergejew hat sie entdeckt und ihr erstes Konzert mit den Wiener Philharmonikern dirigiert, es und war Sol Gabettas ausdrücklicher Wunsch, erneut ein Konzert mit ihm zu spielen. Und ich bin sehr glücklich, dass es mir im ersten Jahr gelungen ist, Elton John zum Festival zu holen, dessen erstes Album aus dem Jahr 1970 ein ganz klassisches Album ist – da gibt es kaum ein nicht-klassisches Instrument. Für mich ist das eines der wichtigsten Alben der Popgeschichte. Und ich freue mich, dass auch Thomas Hengelbrock bereit ist, aufzuzeigen, wie stark die Verbindung zwischen Händel und gerade seinem Oratorium „Israel in Ägypten“ und Mendelssohns „Elias“ und „Paulus“ ist. Das zeigt, wie stark sich die Künstler auf unseren Schwerpunkt eingelassen haben. Ja, bei allen Künstlern konnte eine neue Seite zum Klingen gebracht werden durch unsere Anregung, beschäftigt Euch doch mit Mendelssohn. Gleichzeitig mussten wir auch auf den einen oder anderen namhaften Künstler verzichten, dem nichts eingefallen ist. Die heben wir uns dann für die Zukunft auf.

Gibt es einen Traum, den sie sich 2014 noch nicht erfüllen konnten, umso mehr für 2015 dran arbeiten?

Ja, das Privileg meines Berufes ist, dass er pausenlos daraus besteht, mir Träume zu erfüllen. Jetzt habe ich mir 180 Träume erfüllt, 2015 werden es ähnlich viele werden. Ja, wenn wir die Flächenbespielung aufrechterhalten wollten, braucht es eine bestimmte Anzahl von Konzerten. Das ist auch gut so. Aber mir geht es nicht um Wachstum zum Selbstzweck, es muss einen Sinn haben, und das schauen wir uns jedes Jahr aufs Neue an.