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Kultur Zwischen Qualität und Quote
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15:49 22.07.2014
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
Thomas Hengelbrock ist Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters. Quelle: Bertold Fabricius
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Kiel

Herr Hengelbrock, was verbindet die Werke und beide Komponisten miteinander?

 Der „Elias“ wäre ein völlig anderes Werk, hätte sich Mendelssohn nicht intensiv mit dem Oratorium „Israel in Egypt“ auseinandergesetzt. Händel hat einen immensen Einfluss auf den Hamburger ausgeübt, später dann auch auf Brahms und andere Komponisten. Er ist schon mehr als eine Jahrhundertfigur des Barock, sondern gehört ohne Zweifel zu den Titanen der Musikgeschichte – das zeigt auch seine Popularität heutzutage. Seine Musik strahlt kraftvoll bis in unsere Gegenwart. Und Felix Mendelssohn Bartholdy hatte diesen legendäre 'Blick zurück nach vorn'. Dem Zeitgeist entgegen verehrte er die Werke J. S. Bachs und Händels und ließ mit Blick auf die Alten Meister die geistliche Vokalmusik neu erblühen.

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Wie finden Sie den Ansatz des neuen Festival-Intendanten, Christian Kuhnt, mit einem Komponistenporträts, verschiedene Facetten Mendelssohns darzustellen?

 Dieser Länderschwerpunkt war eine fantastische Idee, aber irgendwann ist es auch nötig, etwas Neues zu probieren. Mendelssohn zu beleuchten finde ich eine gute Idee, weil zwar der Name bekannt ist und man fünf oder sechs Stücke von ihm kennt. Trotzdem fremdelt das Publikum in Deutschland noch etwas mit ihm. Nicht mit dem „Violinkonzert“, der „italienischen Sinfonie“, dem „Sommernachtstraum“ oder dem „Elias“. Aber dann hört es schon auf. Wer kennt seine Kammermusik, sein fantastisches Liedschaffen, die Kirchen- und Chormusik oder die „Walpurgisnacht“? Das ist dramatische, abwechslungsreiche Musik, die toll ineinander gefügt ist. Das Festival ist eine große Chance, einem breiten Publikum den „deutschen Hauskomponisten“ Mendelssohn wieder nahezubringen.

Mendelssohns „Elias“ ist der krönende Abschluss des SHMF 2014 – Profimusiker und Laiensänger werden das Oratorium in der Sparkassen Arena zur Aufführung bringen. Schon bei der Uraufführung kamen bürgerliche Singvereine zum Einsatz und der Erfolg des Oratoriums hing unmittelbar von der Anzahl und Qualität der Chöre ab. Wird es beim SHMF so etwas wie einen „Elias“ à la Uraufführung in Birmingham geben?

 Diese Idee der großen Musikfeste des 19. Jahrhunderts stand Pate für die Aufführung des „Elias“ beim SHMF. Ich finde es eine fantastische Idee, dass begabte und tüchtige Amateure die Möglichkeit haben, bei so einem Festival aktiv zu partizipieren. Ich bin ein großer Freund der aktiven Teilhabe aller Gesellschaftschichten. Daher habe ich das sehr unterstützt. Auch das NDR Sinfonieorchester wird erweitert durch sein eigenes Jugendorchester. Wir kommen mit einer riesigen Besetzung: mit 24 ersten Geigen, mit doppelter Bläserbesetzung und natürlich einem Riesenchor. Ich finde, das ist eine große Chance, die musikbegeisterten Schichten einer Region zusammenzubringen.

Was ist für Sie die größte Herausforderung bei diesem Projekt?

 Ich habe vorher noch nie in der Sparkassen-Arena dirigiert, daher ist eine Herausforderung die schiere Größe der Halle und die akustischen Verhältnisse. Das müssen wir sehr sorgfältig proben und bekommen mögliche Probleme dann hoffentlich rechtzeitig in den Griff. Dann das Thema Balance zwischen den Solisten, dem großen Orchester und dem Riesenchor. Die nächste Anforderung wird sein, mit so vielen Mitwirkenden eine großartige Klangpracht zu entwickeln – auch in den sehr filigranten Passagen, bei denen man trotz der großen Masse eine gute Durchhörbarkeit erzielen muss. Es gibt also genügend interpretatorische Aufgaben; aber das ist ja auch mein Beruf.

Wie ist die Stimmung bei den Mitwirkenden?

 Die Sänger haben schon das erste Probenwochenende hinter sich und das wurde von den Chorleitern abgenommen. Ich selber war nicht dabei. Aber die Stimmung ist offenbar fantastisch und alle sind sehr gut vorbereitet. Die Signale, die ich bekomme, sind alle sehr positiv.

Kritiker beklagen eine „Eventkultur“. Was entgegnen Sie denen?

 Wenn wir so etwas ausschließlich machen würden, dann wäre ich auch dagegen. Aber ich finde, so ein Festival muss vielfältige Aufgaben haben und eine große Bandbreite abdecken. Das NDR Sinfonieorchester wird ja zum Beispiel von Rundfunkgebühren finanziert, d.h. jeder Bundesbürger trägt zum Erhalt der ARD Klangkörper bei. Und dann haben wir uns diesem – zugebenen sehr schwierigem - Grundkonflikt zu stellen, zwischen Qualität und Quote. Wir dürfen nicht nur auf die Quote schauen, aber wir dürfen uns auch nicht in den Elfenbeinturm zurückziehen und nur ein Spezialistenprogramm machen. Wir müssen eine kluge Balance finden. Wir brauchen beides: auf der einen Seite ein ganz entschiedenes Verteidigen von Standards und sich Einsetzen für Minderheiten und auf der anderen Seite, das, was wir tun, einer größeren Schicht verständlich zu machen.

Die Vertonung des Auszugs der Israeliten aus Ägypten gehört neben dem “Messias” heute zu den bliebtesten Werken Händels. Das dreiteilige Oratorium besticht durch virtuose Chorsätze und brillante Orchesterpassagen. Könnte man das Werk nicht fast schon eine Oper nennen?

 Händel hat so einen theatralischen Zugriff, gerade wenn man den Exodus anschaut, dass es tatsächlich opernhafte Züge trägt. Es ist ja auch kein Zufall, dass gerade in den letzten Jahren Händelsche Oratorien den Weg auf die Musiktheaterbühne gefunden haben.

„Israel in Egypt“ besticht besonders durch seine hochvirtuosen Chorpartien, die eine Herausforderung für jeden guten Chor darstellen. Das scheint das perfekte Werk für Ihren Balthasar-Neumann-Chor und das Balthasar-Neumann-Ensemble zu sein.

 Ensemble und Chor, mit denen ich seit über 23 Jahren arbeite, haben sich gerade durch ihre Leidenschaftlichkeit und ihren unbedingten Ausdruckswillen neben der technischen Perfektion einen Ruf erworben, der diese Ensembles nicht umsonst rund um den Erdball führt. Seit Jahren werden sie regelmäßig zu den Salzburger Festspielen eingeladen, gastieren in Convent Garden, in Paris, beim Lincoln Center Festival in New York – um nur einige zu nennen. Die Beliebtheit der Ensembles beim Publikum und bei Veranstaltern ist ja in den letzten Jahren rapide gestiegen. Das ist darauf zurückzuführen, dass dort fantastische Sänger und Instrumentalisten sitzen, die einfach wegen nichts anderem zusammen kommen, um auf höchstem Niveau und total leidenschaftlich Musik zu machen. Sie haben „Israel in Egypt“ noch nicht aufgeführt, aber andere Händel-Oratorien und -Opern. Die Mitwirkenden freuen sich sehr darauf, weil sie spüren, das ist genau das richtige Stück für sie.

Als sie Ihre Dirigentenkarriere begannen, waren Sie ein Umstürzler und wollten die verkrusteten Strukturen des sinfonischen Betriebs aufbrechen. Jetzt sind Sie seit drei Jahren Chefdirigent beim NDR Sinfonieorchester, einer Institution, die Sie früher für ihr Musikbeamtentum scharf kritisiert hätten. Wie hat sich das Orchester unter Ihrer Leitung verändert und wohin möchten Sie den Klangkörper weiter entwickeln?

 Ich glaube das kann man hören. Wenn man sich den Beethoven vom Eröffnungskonzert anhört, kann man sehr darüber streiten, was ich mache mit den Tempi und der Freiheit, die ich mir nehme. Das Orchester hat eine große Unabhängigkeit gewonnen. Alle beschäftigen sich intensiv auch mit verschiedenen Instrumenten. Vor kurzem haben alle Streicher mal auf Darmsaiten gespielt. Alle Hörner spielen Naturhörner und Wiener Horn. Ich glaube, ich habe eine Neugierwelle freigesetzt. Die Probenatmosphäre ist fantastisch und die Probenergebnisse dieser Saison sind sensationell. Ich bin sehr zufrieden mit den Dingen, die sich in den letzten drei Jahren entwickelt haben. Das spüren wir auch beim Publikumszuspruch.

 Ich war nie ein Revolutionär um der Revolution willen. Ich habe einfach Zeit meines Lebens dagegen angekämpft, dass man sich in einer biederen Beamtenmentalität solchen Meisterwerken wie Beethoven, Mahler oder Händel widmet. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass wir uns mit Leidenschaft und Hingabe der Musik zuwenden und eine gemeinsame Sprache finden. Dass man mit dieser Haltung im Musikbetrieb bisweilen aneckt, ist ganz klar. Aber da war ich nicht der einzige. Viele Forderungen, die ich damals als junger Mann aufgestellt habe, sind in die tägliche Orchesterpraxis eingeflossen.

Wohin geht die Reise mit dem Orchester?

 Ich glaube die Richtung ist definiert. Es geht um stilistische Offenheit und Neugier und darum, für jeden Komponisten und jede Periode unseren eigenen Klang zu finden. Dass wird das Ideal dieses schönen, samtigen, deutschen Klangs, den wir als Orchester haben, da anwenden, wo er passt. Aber dann auch für französische oder zeitgenössische Musik einen adäquaten Zugang finden. Dass wir auch wieder kleiner besetzte Stücke spielen. Dass das Orchester sich in Kammermusikformationen begegnet. Mit der Eröffnung der Elbphilharmonie haben wir natürlich auch ein ganz großes Ziel vor Augen, uns qualitativ als führendes Orchester Europas zu präsentieren.

Haben die Bau- und Finanzierungsprobleme dem Ansehen des Orchester geschadet?

 Dem Orchester schadet das überhaupt nicht. Wir sind als „Orchester in Residence“ Mieter und ziehen dort ein. Mit dem Bau und der Finanzierung hat der NDR nichts zu tun. Er wird später eine gute Miete zahlen und das Haus bespielen. Also dem Gebäude ein Gesicht und eine Kontur geben. Bisher haben wir in keiner Diskussion gespürt, dass sich etwas dieser immensen Schwierigkeiten auf das Orchester übertragen hätte. Im Gegenteil: man honoriert sehr, dass das Orchester wirklich gewillt ist, die Aufgabe anzugehen und mit riesigem, teilweise auch ehrenamtlichem Engagement voran geht.

Ist die Stadt dann auf einem guten Weg, die führende Musikstadt zu werden, von der sie träumt?

 Ich glaube, dass die Elbphilharmonie insgesamt und langfristig Hamburgs Position im Wettbewerb der Großstädte Europas stärken wird. Das wird ein wichtiger Faktor auch für die Belebung und Beseelung der Hafencity und wird enorme Impulse für das kulturelle Leben der Stadt setzen.

2007 und 2009 haben Sie zuletzt mit der SHMF-Orchesterakademie gearbeitet. Könnten Sie sich vorstellen, noch einmal eine Arbeitsphase zu übernehmen?

 Wenn es die Zeit zulässt. Die Arbeit mit Nachwuchsmusikern macht mir irrsinnigen Spaß. Ich leite ja auch das Jugendsinfonieorchester des NDR, das ich vor zwei Jahren gegründet habe, und mache mit denen Projekte.