Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Action mit dem Hip-Hop-Chamäleon
Nachrichten Kultur Action mit dem Hip-Hop-Chamäleon
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:23 15.03.2015
Von Manuel Weber
Jan Delay war am Mittwoch zu Gast in der Sparkassen-Arena-Kiel. Quelle: Manuel Weber
Kiel

Und die norddeutsche Art ist, anders als es uns laut Delay die Werbeindustrie zur Absatzsteigerung ihrer Bierprodukte weiß machen will, keineswegs „kühl und still“. Nein, der Norddeutsche hat Bock auf Action.

Und den hatte er schon, bevor der unnachahmliche Hip-Hop-Entertainer im Edelzwirn mit seiner zwölfköpfigen Musikergefolgschaft Disko No. 1 die Bühne mit wehenden Fahnen erstürmt, denn mit Moop Mama haben die Veranstalter eine fantastische und ebenso energetische wie sympathische Band im Vorprogramm platziert, die heute wohl auch ganz allein den Abend zu einer großen Party hätten werden lassen können.

Der Hamburger Musiker Jan Eißfeldt alias Jan Delay hat am Mittwochabend in der Kieler Sparkassen-Arena ein umjubeltes Konzert gegeben.

Der strahlend schnatternde Brass-Hip-Hop mit Marching-Band-Instrumentierung ist eine echte Offenbarung und reißt das begeisterte Publikum völlig zu Recht mehrfach von den Sitzen. Am 23. Juni wird das Münchner Dezett zur Kieler Woche auf der delta-radio-Bühne spielen: Alle Mann hin da!

Dass Jan Delay diese hohe Messlatte im lässigen Scherensprung nehme würde, war zu erwarten. Delay bespielt schon lange die größten Bühnen der Republik, hat sich vom sozialen, linken Parolenschleuderer der legendären Hip-Hop-Formation Beginner in den späten 1990er Jahren zum Mehrzweckhallenerprobten, rampensäuigen Musik-Entertainer erster Güte entwickelt, der allem mauligen Gegenwind der jeweiligen Szene-Gralshüter zum Trotz scheuklappenlos die Stile durchdekliniert und in den Jan-Delay-Organismus überführt. Reggae auf Searching for the Jan Soul Rebels (2001), Soul und Disco auf Wir Kinder vom Bahnhof Soul (2006), Funk auf Mercedes Dance (2009) und zuletzt härteren Rock auf Hammer und Michel (2014), dem zwar die Tour ihren Namen und viele Songs eine Extraportion Stromgitarre verdanken, der am Ende aber in der Delay’schen Verwertungsmachine auch keine größere Rolle spielt als die andern Stile.

Die „Rocknummer“ Wacken verfügt sowieso über den gleichen Hit-Chromosomensatz wie das funkige Klar oder das discosoulige Oh Jonny: ein knackiger Kopfnicker-Groove, scharfe Bläsersätze, heißer Backgroundgesang und markante Riffs, die den Refrain wie ein Rakete austeigen lassen , um dann im Refrain im weit geöffneten Dur der Partylaune zu explodieren. Alles hat sich dem Delay-Sound unterzuordnen und ist dabei im ständigen Fluss wie heiße Lava. Bos Türlich, Türlich (sicher, Dicker) wird so auf Cameo’s Word Up! gesungen und irgendwo mischen sich die „Red Hot Kielie Peppers" (Zitat Delay), Macklemore und M.O.P. in die Füchse und Fäule der Beginner.

Zwischendrin feuert die exzellent powernde Band Rock-Raketen von Lenny Krawitz (Are You Gonna Go My Way), Blur (Song 2), Guns N' Roses (Paradise City) und den Beastie Boys Fight for your Right (to Party!) ab, oder feiert als tightes Disco- und Funkkollektiv Hits wie Sie Kann Nicht Tanzen, Straße und St. Pauli. Allein der Reggae bremst den dauerratternden D-Zug zwischenzeitig runter, atmet den Groove tief und entspannt ein und aus, während Delay formvollendet singrappt wie eine Mischung aus Udo Lindenberg und Cameo: Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt. Hat Kiel aber, rund zwei Stunden lang. Und Delay hat’s wohl gefallen. „Kiel, ihr seid der Oberhammer“, brüllt er durch den finalen Soundsturm von St. Pauli seiner Disko No. 1 hindurch. So ist er, der Norden.